Räumlichkeit und Mobilität bei Kafka im Lichte der Raumtheorien
Räumlichkeit und Mobilität bei Kafka im Lichte der
Raumtheorien
Neeti
Badwe. Präsentiert : Mai 2014, Limerick, Irrland. Veröffentlicht 2018.
Abstract
Räumlichkeit und Mobilität sind zwei wichtige
konstitutive Elemente von Kafkas Schreiben. Stilelemente bei Kafka wie
Ambiguität, mehrfache Beleuchtung von Gegenständen, Verwirrung, Alpträume,
Polyphonie, Paradoxien heben traditionelle Dichotomien und
Begriffsbipolaritäten auf. In seinen Texten wird Bewegung dargestellt (Laufen,
Rennen oder Kämpfen), die keine ist, da man nicht von der Stelle wegkommt. Es
werden Orte beschrieben, die es nicht gibt. Liminalität und Überlappung werden bei Kafka zum Ort der symbolischen
Interaktion und gewinnen an Bedeutung.
Durch detaillierte Beschreibung von Orten werden Räume geschaffen, wo
Konflikte oder Proteste ausgetragen und Strafen vollzogen werden.
Neuere Raumtheorien von Michel Foucault (Heterotopie),
Michel de Certeau (Ort und Raum) und Marc Augé (Orte und Nicht-Orte) können sehr
produktiv in der Sprach- und Literaturwissenschaft sowie in den
Kulturwissenschaften eingesetzt werden.
Kafkas Werke sind schon immer auf vielfache Weise analysiert
und neu interpretiert worden. In Hinblick auf diese Raumtheorien bietet sich
eine weitere Lesart von Kafkas Texten
an, die durchaus vielversprechend zu sein scheint. Im Folgenden möchten wir untersuchen, ob Kafkas
Schreiben bemerkenswerte Berührungs- oder Verknüpfungspunkte zu den
Raumtheorien aufweist und ob Kafkas Texte im Lichte der Raumtheorien erneut betrachtet
werden können.
Abstract
English
Spatiality
and mobility are two important and defining elements of Kafka’s works. Kafka
uses stylistic devices like ambiguity, displaying objects from many different
angles, confusion, nightmares, polyphony, paradoxes repeal traditional dichotomies
and bipolar divisions. He depicts movement in his texts (walking, running,
fighting) without motion, as one doesn’t move from the spot. He describes places
which are nonexistent. Liminality and overlappings in Kafka’s works become important,
as symbolic interactions take place in this space. He creates spaces through
detailed discriptions where conflicts or protests are carried out and
punishments executed.
Recent
space theories by Michel Foucault (heterotopy), Michel de Certeau (place and
space) and by Marc Augé (places and non-places) can be applied very fruitfully in
linguistc and literary sciences as well as in the cultural sciences.
Time
and again Kafka’s works have been analysed in various ways and interpreted a
new. Anthropological space theory opens up a further more promising possibility
for reading Kafka. In the following discussion we will check out whether
Kafka’s works reveal astaunding contact points and connections to the space
theory and whether the principles of space theory prompt to pull up and reread
Kafka.
Einleitung
Kafkas schreibintensivste
Periode lag zwischen 1912 und 1922, das heißt fast genau vor hundert Jahren. Der
Anthropologe Marc Augé legte seine Raumtheorie Anfang der 1990er Jahre dar. Während
Kafka primär als ein modernistischer Autor angesehen wird, beschäftigt sich Augé
mit der ‘Übermoderne’ bei der Auslegung seiner Theorie.
Im Folgenden möchten wir uns mit der Frage
auseinandersetzen, ob Kafka in seinem Schreiben einige Züge der neueren
Raumtheorien und besonders die der Übermoderne im Augés Sinne vorweggenommen
hat. Wir möchten untersuchen, ob Kafkas Schreiben bemerkenswerte Berührungs-
oder Verknüpfungspunkte zu den Raumtheorien aufweist und ob die Grundthesen der
Raumtheorien eine neue Lesart anbieten, durch die Kafkas Texte in neuem Licht
erscheinen und neu verstanden werden können.
Räume, Orte und Nicht-Orte
In seinem berühmten
Essay Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der
Einsamkeit legt Marc Augé
seine ethnologisch-anthropologische Raumtheorie dar. In dieser Theorie unterscheidet
er Orte von Nicht-Orten. Er konstatiert, dass Nicht-Orte die Vergangenheit
nicht integrieren können und konsequenterweise keine anthropologischen Orte
sind. Dementsprechend lautet seine Hypothese so :
So wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet ist,
so definiert ein Raum, der keine Identität besitzt und sich weder als
relational noch als historisch bezeichnen lässt, einen Nicht-Ort. (…) Unsere
Hypothese lautet nun, daß die ‚Übermoderne‘ Nicht-Orte hervorbringt, also
Räume, die selbst keine anthropologischen Orte sind und (...) die alten Orte nicht
integrieren; (Augé 1994 : 92f.)
Augé geht in seinem Aufsatz auf Michel de Certeau ein, der
auf der Basis der menschlichen Intervention Orte von Räumen unterscheidet :
Der Raum ist (...) ‚ein Ort, mit dem man etwas macht‘, ein ‚Geflecht von beweglichen
Elementen‘; erst die Fußgänger verwandeln die von der Stadtplanung geometrisch
als Ort definierte Straße in einen Raum. (Certeau 1988, z.n. Augé 1994 : 95)
Demzufolge besteht das distinktive Merkmal der Nicht-Orte
darin, dass sie keinen Bezug zur Geschichte oder zu Mythen haben. Augé
erläutert weiter, dass Nicht-Orte ‘provisorisch, ephemer und solitär’ sind (Augé 1994 : 93). Sie sind in dem Sinne
nicht fest verankert und schlagen keine Wurzeln.
Man denke hier an “Die Bäume”, einen kurzen Kafka-Text,
der in diesem Zusammenhang aufschlussreich ist.
Die Bäume
Denn wir sind wie Baumstämme im
Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie
wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden
verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar. (Kafka 1976 : 35)
Wie diese Baumstämme ist der Mensch nur vermeintlich am
Boden befestigt. Viele von Kafkas Texten weisen darauf hin, dass der Mensch eigentlich
nirgendwo heimisch ist. Er ist Fremder auf der Erde und gehört nirgendwohin. Er
hält sich nur vorübergehend an einem Ort auf. Gilt dadurch nicht das
Menschenleben schlechthin als provisorisch?
veränderlich und
rekonstruierbar
Augés Nicht-Orte sind ein Produkt der Übermoderne. Weder
Augés Orte und Nicht-Orte, noch de Certeaus Orte und Räume sind feste
Kategorien. Sie sind veränderlich. Wie Augé erläutert, lassen sich die Orte und Nicht-Orte rekonstruieren.
“Dabei
gilt für den Nicht-Ort geradeso wie für den Ort, daß er niemals in reiner
Gestalt existiert; vielmehr setzen sich darin Orte neu zusammen, (…) (Augé 1994
: 93).
Augés Orte und Nicht-Orte existieren also niemals in
reiner Gestalt. Er nennt sie “fliehende Pole” (ebda.) und “Palimpseste” (Augé 1994 : 94).
Ort und Nicht-Ort sind fliehende
Pole; der Ort verschwindet niemals vollständig, und der Nicht-Ort stellt
sich niemals vollständig her - es sind Palimpseste,
auf denen das verworrene Spiel von Identität und Relation ständig aufs neue
seine Spiegelung findet. (ebda.)
Wie Augé erläutert, bilden de Certeaus Orte und Räume keinen
Gegensatz. Auch seine Orte sind veränderlich. Sie bestehen aus ‚beweglichen’ aber
‚geordneten’ Elementen. Er sieht den Ort an, als „Menge von Elementen, die in
einer gewissen Ordnung koexistieren“ (Certeau 1988 : 218f., z. n. Augé 1994 :
95). Der Raum hingegen entsteht, indem der Ort „durch die Ortsveränderung eines
beweglichen Elements“ belebt wird (ebda.). Das heißt, de Certeaus Räume entstehen
durch den andersartigen Umgang mit den Orten. Augé zitiert de Certeau in seinem
Aufsatz wie folgt :
‘Mit dem Raum umzugehen‘, schreibt Michel de Certeau, ‚bedeutet also, (...)
am Ort anders zu sein und zum anderen
überzugehen‘(Certeau 1988 : 208, z.n. Augé 99).
Auch Augé sagt an einer weiteren Stelle,
In der konkreten Realität der Welt von heute überschneiden
und durchdringen Orte und Räume, Orte und Nicht-Orte sich gegenseitig. (Augé 1994 : 125)
De Certeau geht dann auf das Verhältnis zwischen Ort,
Raum und Wort ein. Dabei unterscheidet er die ‚Sprache’ von dem ‚Akt des
Sprechens’ und konstatiert : „Im Verhältnis zum Ort wäre der Raum ein Wort.“ Das
vieldeutige Wort wird dann in einen Ausdruck verwandelt, der sich auf viele
verschiedene Konventionen bezieht und durch verschiedene Kontexte transformiert
wird. (Certeau 1988 : 218, z. n. Augé 1994 : 95). Daraus erfolgt Certeaus ‚Privilegierung’ der Erzählung als
Arbeit, „die unaufhörlich Orte in Räume oder Räume in Orte verwandelt.“
(Certeau 1988 : 220, z. n. Augé 1994 : 95 f.).
Gerade das tun Kafkas
Werke unentwegt. Sie schaffen an den konkreten Orten alternative Welten. Die
Überlagerung von Figuren und Charakteren, von Szenen und Bildern wirkt wie
Palimpseste. An einem Ort entstehen neue Räume und an den alltäglichen Orten finden
neue Szenen statt. Im Prozess
verwandelt sich ein Wohnsilo in den Gerichtshof, der Dachboden eines Künstlers
ins Arbeitszimmer eines Richters und im Schloss
verwandelt sich das Arbeitszimmer eines Ministers ins Schlafzimmer. Viele
anormale Verwechslungen und Verwandlungen finden vor dem Hintergrund des
Alltagslebens statt : ein Prokurist verwandelt sich in einen Käfer, ein Affe
ähnelt dem Menschen durch seine Sprachfertigkeit, usw. Im Prozess verdecken und enthüllen die Bankangestellten die Wächter abwechselnd
und später wird der Priester mit dem Gefängnis-Kaplan verwechselt. Durch
Überlappung und Entdeckung, Verwechslung und Verwirrung verwandelt Kafka Orte in
Räume und umgekehrt.
Fast alle bedeutenden Szenen in Kafkas Romanen und vielen
anderen Texten sind in einer Grenzzone verortet: zwischen Schein und Sein,
Realität und Surrealität, Erlebtem und Geträumtem, zwischen Schuld und Unschuld
oder Leben und Tod. Man denke hier an die letzte Bahnfahrt in Amerika oder die Rückkehr des
Landvermessers in Das Schloss oder
die Bootsfahrt des Jägers Gracchus. Durch Ortsveränderung werden Räume
geschaffen, wo Konflikte oder Proteste ausgetragen und Strafen vollzogen
werden. Diese Räume entstehen aus Kafkas Vision und verschwinden. Sie sind flüchtig.
Kafkas Protagonisten verweilen in der realen sowie der
surrealen Welt oder gleiten nahtlos und mühelos - ohne jeglichen Hinweis darauf
– von der einen in die andere über. Kafkas Texte führen den Leser unbemerkt von
den alltäglichen Orten in die alternative, surreale, imaginäre Welt voller Nicht-Orte!
Räumlichkeit : Horizontalität
und Ausdehnung
Zu Beginn seiner viel diskutierten Abhandlung “Des
espaces autres” (1967) bezeichnet Foucault die gegenwärtige Epoche als die
Epoche des Raumes, des Simultanen, des Nebeneinander. Michael Foucault beginnt
seinen Essay so :
Die große Obsession des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich Geschichte gewesen
…Hingegen wäre die aktuelle Epoche eher die Epoche des Raumes. (Foucault 1967 :
34)
Auch in Augés ‘Übermoderne’ überwiegt der Raumaspekt den
Zeitaspekt. Gleichzeitigkeit, Horizontalität und Ausdehnung sind kennzeichnend
für die Raumtheorien sowie für Kafkas Werke. Kafkas Räume erstrecken sich ins
Unendliche wie die Stadt mit Häusern und Höfen des sterbenden Kaisers in “Die
kaiserliche Botschaft” oder der Weg zum “nächsten Dorf” oder das Innere des
Gesetzes in “Vor dem Gesetz”.
Verknüpfungspunkte
Kafkas Werke sind vor hundert Jahren erschienen. Das sind
literarische Werke, die durch die Bearbeitung seiner Lebensumstände und seinen
inneren Konflikt entstanden sind. Sie handeln hauptsächlich von Beschuldigung
und Bestrafung sowie vom verlorenen Kampf eines Einzelnen um die eigene Befreiung
und wirken folglich oft bedrückend und erstickend. Dahingegen ist Augés Aufsatz eine theoretische
Abhandlung, die etwa vor zwanzig Jahren erschienen ist und die die gegenwärtige Lage des Menschen und seine
Umgebubg beschreibt. Trotzdem kommen erstaunlicherweise viele Begriffe, Themen
und Grundsätze sowohl bei Kafka als auch bei Augé vor und bieten einige ergiebige
Verknüpfungspunkte an : wie Reisen, Identität, Einsamkeit oder die Funktion des
Staatsapparats.
Reisen und das Primat des Weges
Dass Michel de
Certeau und Marc Augé sowie Franz Kafka ‘Reisen’ als Motiv für die Darlegung
ihrer Thesen gebrauchen, entspricht dem Primat der Räumlichkeit dieser Epoche. Augé
weist darauf hin, dass besonders für Certeau jeder Bericht ein Reisebericht ist.
Wenn Certeau den Ausdruck ‘Bericht von Räumen‘ benutzt, dann will er damit
zugleich von den Berichten sprechen, die Orte ‚durchqueren‘ und ‚organisieren‘,(…)
(Certeau 1988 : 216, z.n. Augé 1994 : 100)
Für Certeau ist ‚jeder
Bericht ist ein Reisebericht...’.(ebda.) Er bestätigt dadurch den Vorrang des
Weges gegenüber dem Zustand.
Der Reisebericht ‘durchquert’, ‘überschreitet’ und bestätigt ‘den Vorrang
des Weges gegenüber dem Zustand‘. (Certeau 1988 : 237, z.n. Augé 1994 : 96)
Augé erläutert den Begriff der Übermoderne mit seinen
prototypischen Beispielen von Transiträumen und Transitpassagieren, Bordkarten
und Kreditkarten. Er beginnt seinen Essay über “Orte und Nicht-Orte” mit der
Fahrt zum Flughafen, mit der Beschreibung von Transiträumen und Flügen. In der
übermodernen Welt ist alles transitorisch und provisorisch.
Auch der bekannte Anthropologiehistoriker James Clifford konstatiert
in seinem Routes, dass in der
heutigen Welt “Routes statt Roots”, also Wege statt Wurzeln verfolgt werden.
(Clifford James 1997, z.n. Bachmann-Medick, Doris 2007 : 198).
Auch Kafkas Protagonisten sind ständig unterwegs. Ihre Reisen
sind keine klassischen Bildungsreisen, denn sie kommen nicht vorwärts können. Seine
Protagonisten kämpfen um Recht und Freiheit. Sie kämpfen gegen das
allumfassende, überwältigende System, gegen jegliche Autorität und gegen die
Bürokratie. Ihre Mittel sind oft Selbstbehauptung und -verteidigung. Gerade
dadurch geraten sie in eine abwärts gerichtete Spirale und werden im Laufe der
Handlung desillusioniert, entkräftet und erniedrigt. Kafkas Hauptfiguren sind
immer unterwegs, gelangen aber nie ans Ziel. In einem kleinen Text
“Weg-von-hier” heißt es ‘“Weg-von-hier” ist mein Ziel’. (Koch, Hans-Gerd (Hg.) 2008
: 11) Sehr oft stellt Kafka den Menschen als einen Wanderer oder Reisenden dar.
Eine “Betrachtung” von Kafka erfasst die Quintessenz seines Denkens und
Schreibens ganz treffend :
Es gibt ein Ziel aber keinen
Weg; Was wir Weg nennen, ist Zögern.
(Franz Kafka 1976 : Betrachtung # 26, S. 32.)
Wort-Name-Sprache
De Certeau sagt, dass die Namen “Nicht-Orte an Orten”
schaffen und sie “in Passagen
verwandeln.” Dadurch werden Reisewege “Worte und Nicht-Orte”. Michel de Certeau erklärt,
daß der Ort aufgrund des
Namens, den man ihm gibt, nicht ganz bei sich ist. Die Namen erlegen dem Ort ‚etwas
Fremdes (eine Geschichte ...)‘ auf. (...) Jede Route,
sagt Michel de Certeau, wird durch die Namen ‘umgelenkt’; sie geben dem Weg ‘Bedeutungen
(oder Richtungen) [...], die bis dahin nicht sichtbar waren’. Und er fügt hinzu: ‘Diese Namen schaffen Nicht-Orte an
Orten; sie verwandeln sie in Passagen‘. (Certeau 1988 : 199, z.n. Auge 101).
Laut Augé werden manche
Orte ins Leben gerufen nur durch die Worte. Das Wort “erzeugt das Bild, schafft
den Mythos und sorgt zugleich für dessen Funktionieren” (Vgl. Augé 1994 : 112).
Diese Bezeichnungen schaffen Nicht-Orte :
Manche Orte existieren nur durch die Worte, die sie bezeichnen, und sind in
diesem Sinne Nicht-Orte oder vielmehr imaginäre Orte, banale Utopien,
Klischees.“ (ebda.)
Die Nicht-Orte der Übermoderne werden also mittels Worten,
Gebrauchsanleitungen sowie mittels Texten oder Ideogrammen definiert.
Die Nicht-Orte der Übermoderne werden “auch von den Worten oder Texten
definiert (...) wo “die Individuen nur mit Texten zu interagieren scheinen” (Vgl.
Augé 1994 : 113)
Bei Kafka kommen Ortsnamen nur selten vor, aber wenn sie
gebraucht werden, dann sind sie viel mehr Symbole als geographische
Bezeichnungen oder Ortsnamen. Namen wie “Amerika” oder “Russland” verbildlichen
Sehnsüchte und Wünsche der Protagonisten. Karl Rossmann in Amerika wird für verschollen erklärt. Als beschuldigter Sohn wird
er praktisch als Strafe nach Amerika geschickt. In Das Urteil flüchtet der Freund von dem Protagonisten Georg
Bendemann nach Russland. Er soll vermutlich der ideale und erwünschte Sohn
seines Vaters sein. Diese Bilder von Amerika und Russland sind symbolhaft und
flüchtig. Das sind vor allem Fluchtorte und deshalb “imaginäre Orte” in Augés
Sinne oder “andere” bzw. “Abweichungsorte” wie Foucault
sie bezeichnen würde.
Der Reisende und die Reiselandschaft
Augé stellt fest, die Benennung der Orte und das
Passieren der Orte erzeugen durch zweierlei Verschiebung einen Bruch zwischen
dem Reisenden und der Landschaft.
Wie die Reise, so durchquert auch der Bericht (...) mehrere Orte. Diese
Pluralität der Orte, (...), und die ‘Entfremdung’ erzeugen einen Bruch zwischen
dem Reisenden oder Schauenden und der Landschaft, (...) einen Bruch, der ihn
hindert, einen Ort darin zu erkennen, sich ganz und gar dort wiederzufinden...(
Augé 1994 : 100 f.)
An einer weiteren Stelle sagt Augé : “Der
Raum des Reisenden wäre also der Archetypus des Nicht-Ortes.” (Augé 1994 : 103)
Kafkas Reisende erfahren auch diese Entfremdung und den
Bruch mit der flüchtigen Landschaft,
aber in anderer Weise. Als Karl Rossmann in Amerika ankommt, sieht er die
Freiheitsstatue ‘im neuen Licht’. Sie erhob ihre Hand mit dem Schwert statt mit
einer Fackel! Am Ende des Romans will Rossmann nach Oklahoma reisen, das ein
imaginärer, symbolhafter Ort ist. Kafka schreibt den Ortsnamen vermutlich
absichtlich anders. Kafkas Orte haben wenig oder einen anderen Bezug zu den
wirklich vorgegebenen oder vorhandenen Orten.
Kafka hat Reisetagebücher und Reisebeobachtungen
geschrieben. Seine Texte schaffen Passagen, Gänge, Höfe, Wege, die nie zu enden
scheinen. Man kämpft, läuft, rennt, kommt aber nicht von der Stelle weg. In Kafkas
Texten wird Bewegung dargestellt, die keine ist. Es werden Orte beschrieben,
die es nicht gibt oder die im Alltag zumindest anders wahrgenommen werden. Sie
erscheinen und verschwinden.
Schuld und Unschuld
Schuld, Scham und
Schande sind bekanntlich die zentralen Begriffe bei Kafka, um die sich seine
Texte kristallisieren. In vielen seiner Texte geht es um Schuld und Unschuld,
Beurteilung und Bestrafung. Joseph K., der Protagonist im Prozess, wird angeklagt, verhört und verurteilt, ohne ein einziges
Mal seine Schuld genannt zu haben. Für Kafka ist der Mensch ein Gefangener, ein
Angeklagter, der sich ständig verteidigen muss. Er ist schuldig bis seine Unschuld
nachgewiesen wird.
Merkwürdigerweise
müssen auch Augés Passagiere und Kunden in der ‘Übermoderne’ ihre Unschuld
nachweisen.
In gewisser Weise wird der Benutzer von Nicht-Orten ständig dazu
aufgefordert, seine Unschuld
nachzuweisen. (…) Nur wer unschuldig ist, erlangt zum Eintritt. (Augé 1994 :
120)
Es ist
bemerkenswert, dass bei Augé sowie bei Kafka Unschuld und Identität miteinander
gekoppelt werden.
Identität und Anonymität
Bei Augé kommen die Bordcard, Bankcard oder der Reisepass
als konventionelle Möglichkeiten vor, um die eigene Identität und Unschuld beim Eintritt nachzuweisen.
Nach der Kontrolle, d. h., nachdem der Mensch seine Identität nachgewiesen hat,
verliert er paradoxerweise seine Identität und Individualität sowie den Bezug
zur Außenwelt. Indem er den Raum betritt, gehört er zur Masse der anderen
Passagiere oder Kunden. So gewinnen Augés Passagiere oder Kunden in den
Supermärkten Anonymität, erst nachdem sie die eigene Identität “vertragsmäßig”
nachgewiesen haben.
Allein, aber den anderen gleich, befindet sich der Benutzer des Nicht-Ortes
mit diesem (oder mit den Mächten, die ihn beherrschen) in einem
Vertragsverhältnis. (Augé 1994 : 119)
Supermärkte und Transiträume sind also Nicht-Orte, wo man
die Anweisungen stumm und hilflos befolgt. Man wird von dem omnipräsenten,
unsichtbaren System gelenkt und mit der Menschenmasse mitgerissen. Augé bezeichnet
diese als “geteilte Identitäten” oder als “die relative Anonymität verbunden
mit der provisorischen Identität”. Der Nicht-Ort erzeugt auf diese Weise
die von den Passagieren, Kunden
oder Sonntagsfahrern geteilte Identität. Zweifellos mag die relative Anonymität, die mit dieser provisorischen Identität
verbunden ist, sogar als Befreiung empfunden werden, weil man sich nicht mehr
an Position und Rang oder an die Vorschriften zur äußeren Erscheinung zu halten
braucht. (Augé 1994 : 118 f.)
Kafkas Protagonisten in allen drei fragmentarischen
Romanen – Der Prozess, Das Schloss und Amerika - müssen sich quälen, um die eigene Identität ausweisen zu
können. Immer nach den Legitimationspapieren suchen oder die Identifikationspapiere
vorlegen müssen, ist wie ein Albtraum für sie. Sie zögern, wenn sie
aufgefordert werden, den eigenen Namen anzugeben. Der Konflikt zwischen
Anonymität und Identität, dem abstrakten System und Individuum wird bei Kafka
sowie bei Foucault und Augé zum zentralen Thema der Diskussion und Darstellung.
Vor dem Gericht gilt Joseph K. in Kafkas Prozess auch nicht mehr als gut
situierter, gebildeter, erfolgreicher, angesehener Bankbeamter. Als Angeklagter
verliert er seine Identität. Während Augé
den Verlust der Identität als eine Art Befreiung vom Alltag und der äußeren
Korrektheit sieht, unterstreicht dieser Verlust eine Art Hilflosigkeit bei
Kafkas Protagonisten.
Einsamkeit
Wie Augé
konstatiert, schafft der Nicht-Ort “Einsamkeit und Ähnlichkeit” (Augé 1994 :
121), “eine einsame Individualität” (Augé 1994 : 93). Während “(...) die
anthropologischen Orte Organisch-Soziales hervorbringen, so schaffen die
Nicht-Orte eine solitäre Vertraglichkeit.”
(Augé 1994 : 111).
Kafkas
Romane handeln vom Kampf des Einzelnen gegen das System. Max Brod bezeichnet
sie als “Trilogie der Einsamkeit” (Brod 11/11/1927), denn Kafkas Protagonisten
leben fast anonym, einsam, isoliert und verlassen. Wenn man Karl Rossmann aus Amerika, Joseph K. im Prozess und K. im Schloss chronologisch betrachtet, merkt man, dass ihre Eigennamen fortschreitend
knapper und abstrakter werden. Karl Rossmanns Familie veranlasst seine Reise
nach Amerika, Joseph K. hatte einen Onkel, aber es gibt keinen Verweis auf
seine Familie. Der K. im Schloss ist
alleine unterwegs und verwirrt. Alle drei verlieren den Kontakt zur Familie und
zur Verwandtschaft, verlieren den Bezug zum eigenen Namen und zur Identität. Sie
leben zunehmend “isolierter” und “anonymer”. Auch der Konflikt wird abstrakter.
Karl Rossmanns Schuld wird genannt, Joseph K. wird bestraft, ohne seine Schuld
zu nennen, K. im Schloss wird
erniedrigt und fast vernichtet, ohne jegliche offensichtliche Beschuldigung
oder Bestrafung!
Abschließende Bemerkung :
Die Nicht-Orte
bei Kafka sowie bei Augé sind transitorisch, veränderlich, ephemer. Ihre Beschaffenheit
ist jedoch unterschiedlich. Kafkas Räume sind oft imaginär, mysteriös, grau und
verkommen. Seine Passagen sind labyrinthisch, die Atmosphäre oft bedrückend oder
erstickend. Dagegen haben Augés Transiträume oft glänzende Glasswände, moderne
Beleuchtung und Klimaanlagen. So können Augés Nicht-Orte luxuriös, aber manche auch
widerwärtig sein, denn neben den Transiträumen und Hotelketten gehören auch Durchgangswohnheime,
Feriendörfer, Flüchtlingslager, Slums und viele provisorische Beschäftigungen
zu den Nicht-Orten, ‘die zum Abbruch oder zum Verfall bestimmt sind’. (Augé
1994 : 93).
Kafka thematisiert und kritisiert die moderne, die technische
Entwicklung sowie die Auswirkungen der Industrialisierung, Bürokratie,
Autorität sowie Anonymität und Unerreichbarkeit der “höchsten Instanzen”. Auf
der anderen Seite kritisiert Augé die Übermoderne des Übermaßes :
Die Übermoderne (die von drei Figuren des Übermaßes bestimmt ist: von der
Überfülle der Ereignisse, von der Überfülle des Raumes und von der
Individualisierung der Referenzen) findet ihren vollkommenen Ausdruck auf
natürliche Weise in den Nicht-Orten. (Augé 1994 : 127).
Augé kritisiert weiter die übermoderne Welt, die
Geburt und Tod ins Krankenhaus verbannt, eine Welt, in der die Anzahl der Transiträume
und provisorischen Beschäftigungen unter luxuriösen oder widerwärtigen
Bedingungen unablässig wächst, (…) (Augé 1994 : 93).
Darüber hinaus bleibt
aber der Staatsapparat und die Undurchsichtigkeit des Systems das Hauptthema
der Kritik bei Kafka sowie bei Augé. Das Gefühl der Verfremdung und Einsamkeit,
dem System hilflos ausgeliefert zu sein, ständig beobachtet, kontrolliert, aufgefordert und ermahnt zu werden, ist
bei Kafka und Augé durchaus vergleichbar. Letztendlich geht es in der
literarischen Darstellung von Kafka sowie in der ethnologisch-anthropologisch
ausgerichteten Raumtheorie von Augé um die kritische Wahrnehmung und
Beschreibung der derzeitigen gesellschaftlichen Umstände.
(Dieser Ausatz wurde bei der Internationalen Tagung der Gesellschaft
für interkulturelle Germanistik (GiG) über “Begegnungen in Transiträumen /
Transitorische Begegnungen” Am Mai 2014, Limerick, Irrland präsentiert.
Veröffentlicht 2018.)
Literaturverzeichnis
Augé, Marc 1994 : Orte und
Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit. S. Fischer,
Frankfurt. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Die
französische Originalausgabe 1992 : Non-Lieux. Introduction à une
anthropologie de la surmodernité, Éditions du Seuil, Paris.
Brod, Max 1927 : “Zu Franz
Kafkas Roman ‘Amerika’ in : Born, Jürgen u.a. (Hg) 1983 : Franz Kafka. Kritik und Rezeption 1924 – 38, Fr/M, S. 188.
Nachdruck des Artikels erschienen in “Die literarische Welt”, Berlin,
11/11/1927. (Hier z.n. Michael Müller 1994 “Das Schloss”, in Text und Kritik,
Hg. H. J. Arnold, Sonderband, Franz Kafka, VII/94, S. 218 – 237.)
Certeau, Michel de 1988: ‘Kunst des Handelns’,
Merve, Berlin. Original Titel 1980 : ‘L'Invention du Quotidien’, Vol. 1, Arts
de Faire, Paris.
Foucault,
Michel 1992 : ‘Andere Räume’ in: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.), Aisthesis.
Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig, S. 34 –
46. Original Titel 1967 : Des espaces autres.
Kafka, Franz 1976 : Erzählungen, Gesammelte Werke, Bd. 4,
Fischer Taschenbuch Verlag, S. 35.
Kafka, Franz 1976 : „Betrachtungen“ Gesammelte Werke, Bd.6, Fischer
Verlag, Betrachtung # 26, S. 32.)
Kafka, Franz 2008 :
’Weg-von-hier’ in Koch, Hans-Gerd (Hg.) GW in zwölf Bdn, Fischer Tb, Fr/M, Bd. 8, S. 11, z.n. Sacha Michel (Hg.) 2010
: Unterwegs mit Kafka, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 11.
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