SPANNUNGSFELD HEIMAT
NEETI BADWE (PUNE, INDIEN)
SPANNUNGSFELD HEIMAT :
ZWISCHEN GEOPOLITISCHER VORSTELLUNG UND VIRTUELLER VERNETZUNG
Einleitung
In der folgenden
Abhandlung geht es um die Re-Vision der Begriffe „Heimat“ sowie
„Heimatliteratur“ aus der ‚Außenperspektive‘ und im globalen Kontext. Zum einen
werden diese Begriffe auf ihre Aktualität in der virtuell vernetzten Welt hin und
zum anderen auf ihre Übersetzbarkeit sowie Übertragbarkeit auf andere
Kulturräume hin überprüft.
Dem entsprechend erfolgt
die Diskussion in drei Teilen. Erstens wird ein kurzer Überblick über die
Entwicklung des ‚Heimat‘-Begriffs im deutschsprachigen Raum gegeben, dann wird
die heimatbezogene Literatur der nicht deutschsprachigen Autoren berücksichtigt
und zuletzt das Verständnis des ‚Heimat‘-Begriffs im fremdkulturellen Raum am
Beispiel der in deutscher Übersetzung erschienen indisch-englisch-sprachigen
Literatur erläutert, worauf abschließende Bemerkungen folgen.
Heimat im deutschsprachigen
Raum
Mit dem in der deutschen politischen und Kulturgeschichte verankerten
Begriff der Heimat werden im Allgemeinen Geburtsort, Herkunft, Geborgenheit und
Gebundenheit, usw. assoziiert. Heimat wird als ‚ererbter Besitz‘, ‚sentimentale
Idylle‘, und sogar als ‚Blut und Boden‘ (Solms 1990: 10f.) sowie ‚provinziale
Volkskultur‘ und ‚literarischer Regionalismus‘ (Mecklenburg 2008: 539)
verstanden.
Im traditionellen Sinne ist mit dem deutschen Begriff Heimat vor allem
eine räumliche und emotionale Bindung an die Heimat gemeint, die erst im
Zusammenhang mit Fremde und Ferne relevanter wird und oft als Liebe zur Heimat
und Nostalgie zum Ausdruck kommt.
Die Entfaltung des Heimat-Begriffs in
der deutschsprachigen Literatur lässt sich grob in vier Phasen zusammenfassen:
Erstens im 18. und 19. Jahrhundert als Auswirkung der Industrialisierung, Verstädterung,
Landflucht und dann nach dem 1. Weltkrieg unter der nationalsozialistischen Dominanz.
Die dritte Phase folgt in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts in zwei Strömungen: Einerseits der Anti-Heimat-Literatur
und andererseits der Renaissance der Heimat-Literatur, besonders durch
schreibende Frauen. In den 70er und 80er Jahren erlebte die ‚Heimat’ eine Art
Renaissance durch Heimatmuseen, -lieder, -filme und als literarisches Motiv
durch Anthologien, und durch die provinziale und biografische Literatur,
besonders durch Erlebniswelten von Frauen, wie z. B. In dem berühmten Roman Herbstmilch. Lebenserinnerungen einer
Bäuerin von Anna Wimschneider.
Das Werk Dichtung und Heimat
sollte, wie der Herausgeber Solms sagt, an diese Heimat-Renaissance anknüpfen.
(Solms 1990:13). Die meisten der AutorInnen dieses Bandes distanzieren sich
aber von der ‚Heimat‘. Gert Jonke, wie die anderen österreichischen
‚Anti-Heimatliteratur’-Autoren, richtet sich gegen die die Wirklichkeit
verklärende traditionelle Heimatliteratur. Auch die Autorinnen Helga
Königsdorf, Christine Nöstlinger, Herta Müller nehmen Abstand von der ‚Heimat’
hauptsächlich aufgrund der nationalsozialistischen Geschichte oder der
politischen Missstände am Heimatort. Herta Müller kann keine Heimat lieben. Sie
kritisiert ihre frühere Heimat im Banat, Rumänien wie ihre zweite Heimat Deutschland.
Für Königsdorf ist Heimat kein feststehender Ort, Nöstlinger redet von der
Heimat im Kopf, Guntram Vesper rekonstruiert die Heimat im Schreiben, während
Sibylle Knauss den Begriff ganz ablehnt. Im Vorwort bemerkt Solms (Solms 1990:
19):
„Alle Referenten lehnen den traditionellen Wortsinn
von Heimat als einer heilen, natürlichen und idyllischen Welt ab, weil sie die
alltäglichen Verletzungen und Beschädigungen der Menschen und ihrer Umwelt
registrieren, und stellen der Wirklichkeit ihr Ideal von Heimat gegenüber.“
So wird ‚Heimat‘ in vielen Werken auch
zur Utopie und nimmt immer stärker eine abstrahierte Gestalt an, die kaum mehr
als ortsverbunden aufgefasst werden kann.
Deutschland ist heute kein
Auswandererland mehr wie im 18. und 19. Jahrhundert, sondern eher ein
Einwandererland. Als die vierte Phase der Entwicklung des Heimat-Begriffs kann daher
die in den letzten Jahrzehnten erschienene beträchtliche Menge von Einwandererliteratur
betrachtet werden, deren deutschsprachige sowie nicht deutschsprachige Verfasser
im Schreiben über die eigene Heimat erzählen. Viele von ihnen leben jedoch mit
gemischten Gefühlen zwischen zwei Welten, ihrem Geburtsort und dem
deutschsprachigen Raum.
Heimat der nicht
deutschsprachigen Autoren
In Deutschland leben heute Schriftsteller,
deren Muttersprache nicht oder nicht nur Deutsch ist. (Schmitz 2009: 7). Viele türkisch-deutsche
SchriftstellerInnen wie Zaimoğlu, Özdamar, Yade Kara, Zafer Senocak, die
japanisch-deutsche Autorin Yoko Tadawa, jüdisch-russisch-deutsche Autoren wie Wladimir
Kaminer, Vladimir Vertlib thematisieren in ihrem Schreiben das Herkunftsland sowie
das Zuwanderungsland. Der syrische Autor Rafik Schami schreibt ‚Geschichten aus
Damaskus‘ sowie ‚Geschichten aus der Fremde‘. So schreiben auch viele
deutschsprachige AutorInnen aus Rumänien, Ungarn, Ostpreußen, Tschechien u. a. über
ihre ursprüngliche Heimat und Deutschland.
Die deutschsprachige heimatbezogene Literatur
der nicht-deutschsprachigen Autoren wird aber kaum als ‚Heimatliteratur‘
wahrgenommen und besprochen wie z. B. die Literatur der deutschsprachigen Verfasser
wie Herta Müller. M.a.W. bleibt die ‚Heimat‘ bei weitem auf die ‚Heimat‘ der deutschsprachigen AutorInnen beschränkt.
Was Norbert Mecklenburg in einem anderen Zusammenhang geschrieben hat, kann zur
Erklärung dieser Art Einschränkung dienen. Seiner Ansicht nach wird die Heimat
des Verfassers von den Lesern über seine Region und Kultur hinaus als die
Heimat des anderen wahrgenommen. (Mecklenburg 2008: 536ff.). So wird
offensichtlich die Heimat der nicht deutschsprachigen AutorInnen für den deutschsprachigen
Leser zur Fremde.
‚Heimat‘ ist ein universaler Begriff. Wie
weit lässt sich aber der deutsche Begriff ‚Heimat‘ mit dem ganzen
Assoziationsfeld und kulturgeschichtlichen Zusammenhang im globalen Kontext
verwenden oder z. B. ins Englische einfach mit ‚Home’ oder ‚Homeland’
wiedergeben? Welches neue Verständnis bringt ‚Heimat‘ mit in unsere
elektronische Ära angesichts der sich verändernden Zeit-Raum-Beziehung und
Lebenszusammenhänge? Welchen Ortsbezug hat die ‚Heimat‘ heute und wo kann sie
verortet werden?
Heimat in der
indisch-englisch-sprachigen Literatur
Wieweit lässt
sich überhaupt der Heimatbegriff als literarisches Motiv oder ein literarisches
Genre in anderen Sprachen wiederfinden? Indische Literatur kennt z. B. kein
eigenes Genre der Heimatliteratur, aber es gibt Heimat-bezogene Literatur.
Wir können hier einige Charaktere aus
dem viel besprochenen indisch-englischen Roman Kein Gott in Sicht von Altaf Tyrewala kennen lernen. In diesem polyphonen
Roman begegnet man einem in den USA lebenden jungen, indischen, hinduistischen IT-Experten
namens Abhay. Seine indische Geliebte, die ebenfalls in den USA arbeitet, wirft
ihm einmal vor, dass er gar nichts von der indischen Kultur verstehe. Während
seines zweimonatigen Aufenthalts in Mumbai will er nun die eigene Kultur
entdecken. Deswegen nimmt er Privatunterricht in der Urdu Poesie, kann aber
keinen Fortschritt machen. Entsetzt ruft er eines Tages aus, ‚Dieses Land ist doch
angeblich eine Hochburg der Kultur!‘(...)‚ Wo ist dann diese verdammte Kultur?
Ich sehe keine Kultur. Wo ist sie, die Kultur?‘ (Tyrewala 2008: 96). Ein
anderer Charakter Aminbhai, ein muslimischer Geschäftsmann, verlässt Indien und
fliegt mit der ganzen Familie nach der Abwicklung des Geschäfts endlich in die
USA, sein Traumland. Aminbhai sieht vom Flugzeug aus Mumbai, die Stadt seiner
Geburt und Indien, das Land seiner Vorfahren ‚zu einem fernen Flimmern
verblassen‘. Er denkt, „...schließlich wird [die Stadt] verschwunden sein,
verschluckt und geschwärzt durch die Entfernung. (...) Und wenn selbst dann
meine blödsinnigen nostalgischen Gefühle nicht nachlassen wollen, (...) dann
werde ich mich an (...) die Krawalle [erinnern].“ (34) Gemeint sind damit die
Ausschreitungen zwischen religiösen Gruppen in Mumbai.
Diese Darstellung ist hoch satirisch und
etwas übertrieben, sie ist aber repräsentativ für die Denkweise und die
Beziehung vieler indischer Auswanderer zu ihrer Heimat, gleich ob Hindu oder
Muslim, jung oder alt. In dieser postkolonialen Ära fahren viele junge Leute
aus Indien in die USA, nach Großbritannien oder Australien für Bildung oder
lukrative Jobs und machen diese Länder oft zu ihrer zweiten Heimat, wie es früher
die Europäer machten, und nehmen dabei den Verlust der ersten Heimet in Kauf.
Zum Schluss
Wie
wir gesehen haben, ist die ‚Literatur über Heimat‘ in den drei obigen Kontexten
jeweils anders zu verstehen, wobei die deutschen Begriffe ‚Heimat‘ sowie ‚Heimatliteratur‘
auf die Literatur der deutschsprachigen AutorInnen beschränkt bleiben und schwer
in eine andere Sprache übersetzbar oder auf andere Kulturräume übertragbar sind.
Das liegt auch daran, dass sich die
Auffassung von ‚Heimat‘ in der postnationalen Welt verändert hat. Im Zeichen
der Globalisierung, neuen Mobilität, der
weltweiten Hybridisierung von Kulturen wird Heimat anders verstanden,
gewertet und bei der literarischen Verarbeitung anders an sie herangegangen.
Wie die Literatur der nicht
deutschsprachigen und indisch-englischen AutorInnen zeigt, bedeutet ‚Liminalität‘
kein Hin-und-Her-Gerissen-sein zwischen zwei Welten mehr. Das Zuwanderungsland
ist die erwählte Heimat und die erste Heimat wird zum Erinnerungsort. Aus der
Fremde wird die Suche nach eigenen Wurzeln, eigener Familiengeschichte in Form
von Erinnerungsgeschichten ausgeführt, wie z. B. in Gefährliche Verwandtschaft von Şenocak und anderen Werken. Oft
trägt die heimatbezogene Literatur Ortlosigkeit in sich. Motive des Reisens
oder des Ewig-unterwegs-Seins sowie eines nomadischen Heimatbegriffs werden oft
in den Literaturen aus der Fremde behandelt, wie z. B. In Zwischenstationen von Vladimir Vertlib.
‚Die vermeintlich untrennbare
Verbindung von Nation, Kultur, Territorium, Geschichte‘ u.a. scheint aufgelöst
zu sein (Vgl. Lübke 2009: 78) und die geopolitische Vorstellung der ‚Heimat’
sowie die Nationalgrenzen scheinen zu verwischen. Einige Menschen leben heute
zugleich auf zwei Kontinenten. Man erhebt den Anspruch auf zwei Nationalitäten.
Durch eine Video-Konferenz kann man z. B. eigener Familie und dem Heimatort
virtuell begegnen. Die Digitalisierung der Kommunikationsmedien sowie die ökonomisch-demografische
Entwicklung unserer Ära führen immer weiter zur Deterritorialisierung des
Heimatbegriffs. Auf ihren ‚linguistischen Reisen‘ bezieht sich Yoko Tawada oft,
z. B. in Überseezungen, auf die physische
wie virtuelle Mobilität und elektronische Medien.
Die räumliche Bindung wird unbedeutender
bei der Verortung der ‚Heimat’ in der vernetzten Welt. Das neue Verständnis der
Beziehung eines Individuums zum eigenen Land und zur globalen Gemeinschaft schlägt
sich besonders in der Literatur von Ein- und Auswanderern weltweit nieder.
Bibliographie
a/Bücher
MECKLENBURG,
NORBERT (2008): Das Mädchen aus der Ferne,
München.
SCHMITZ,
HELMUT (2009): Von der nationalen zur
internationalen Literatur, Amsterdam.
SENOCAK,
ZAFER (1998): Gefährliche
Verwandtschaften, München.
SOLMS,
WILHELM (Hg.) (1990): Dichtung und Heimat,
Marburg.
TAWADA,
YOKO (2002): Überseezungen, Tübingen.
TYREWALA,
ALTAF (2008): Kein Gott in Sicht, Aus
dem Englischen von Karin Rausch, Frankfurt am Main, 2006, Taschenbuchausgabe
2008.
VERTLIB,
VLADIMIR (1999): Zwischenstationen,
Wien.
c)Artikel
in Sammelbänden
LÜBKE,
ALEXANDRA (2009): „Enträumlichungen und Erinnerungstopographien: Transnationale
deutschsprachige Literaturen als histeriographisches Erzählen“, in Schmitz,
Helmut (2009): Von der nationalen zur
internationalen Literatur, Amsterdam, S. 77–98.
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