Vom bipolaren zum bilateralen Kultur- und Literaturverständnis

Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 35 (2009), 129–143
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Vom bipolaren zum bilateralen Kultur- und Literaturverständnis

Neeti Badwe, Pune (Indien)1

Zusammenfassung

Zu Beginn dieser Abhandlung wird dargestellt, wie die durch neue technologische
Entwicklungen und durch neue Vermarktungsstrategien geprägte Gegenwart und
diese konstituierende ‚Post’-Diskurse eine Veränderung in der Ost-West-Beziehung
herbeigeführt haben. Als Beispiel dafür werden die aktuellen Entwicklungen in Indien
und die auf gegenseitiger Anerkennung basierende Intensivierung der deutsch-indischen
Kooperation angeführt. Es wird geschildert, wie die in den letzten Jahrzehnten
wiederentdeckte und der Zeit übergeordnete Raumperspektive die ideologisch-diskursive
Argumentation sowie alle technologisch-marktwirtschaftlichen Entwicklungen
durchzieht. Aus dieser Darstellung gehen zwei unverkennbar zentrale Charakteristika
der heutigen Welt hervor: Gleichzeitigkeit und Gegenseitigkeit.

Unser Anliegen ist zu untersuchen, ob Literaturwissenschaft und Literaturtheorie
im Allgemeinen und die Interkulturelle Germanistik im Besonderen diesen beiden
Charakteristika unserer Zeit gebührend Beachtung schenken.

1. Einleitung

Wir leben heute in einer ‚flat new world’2, in einer flachen, lateral ausgestreckten,
flächigen Welt. So wird unsere Welt heute von Theoretikern, Wissenschaftlern
sowie Akademikern wahrgenommen. Sie ist einerseits durch die elektronische
Revolution und marktwirtschaftliche Strategien, andererseits durch gegenwärtige
Diskurse beziehungsweise Ideologien geglättet worden.
Kennzeichnend für diese flache Welt ist die veränderte Beziehung zwischen
Zeit und Raum, geprägt durch rasche Überwindung von großen Entfernungen
in geringster Zeit. Neue Technologien ermöglichen schnelle Ergebnisse und sofortige
Leistung. Hier und Jetzt machen zwei entscheidende Dimensionen der
auf den schnellen Erfolg zielenden sozialen Interaktion aus.

1 Prof. Dr. Neeti Badwe ist Professorin für Germanistik und Abteilungsleiterin an der University
of Pune, Indien. Sie hat bisher lexikographisch-pragmatisch-kommunikationstheoretische
sowie literaturtheoretische Forschungsprojekte unternommen und auch betreut. Seit
einiger Zeit beschäftigt sie sich hauptsächlich mit der indischen Literatur in deutscher Übersetzung
sowie den ‚Post‘-Theorien.
2 Dies ist eine Formulierung analog zu Aldous Huxleys Brave new world (1932) und sie bezieht
sich auch auf den Titel The world is flat (2005) von Thomas L. Friedman.


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In diesem Zeitalter blendet das Synchron-Räumliche das Diachron-Geschichtliche
aus. Das entwicklungsgeschichtliche und wissenschaftlich-fortschrittliche
Denken hat in der neuen Zeit kaum mehr Geltung. Ehemalige Leitbegriffe wie
Geschichte, Herkunft, Wurzeln haben in den ‚Post’-Diskursen an Bedeutung verloren.
Das maßgebliche Leitmotiv ist ‚Routes instead Roots’3, also ‚Wege statt
Wurzeln‘. Immer schnellere Verkehrs- und Verbindungsmöglichkeiten sowie
eine erhöhte Mobilität der Menschen bezeugen die Aktualität dieses Motivs.
Zu Beginn dieser Abhandlung wird dargestellt, wie die durch neue technologische
Entwicklungen und durch neue Vermarktungsstrategien geprägte Gegenwart
und diese konstituierende ‚Post’-Diskurse eine Veränderung in der
Ost-West-Beziehung herbeigeführt haben. Als Beispiel dafür werden die aktuellen
Entwicklungen in Indien und die auf gegenseitiger Anerkennung basierende
Intensivierung der deutsch-indischen Kooperation angeführt. Es wird
auch geschildert, wie die in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckte und der
Zeit übergeordnete Raumperspektive die ideologisch-diskursive Argumentation
sowie alle technologisch-marktwirtschaftlichen Entwicklungen durchzieht.
Aus dieser Darstellung gehen zwei unverkennbar zentrale Charakteristika
der heutigen Welt hervor: Gleichzeitigkeit und Gegenseitigkeit.
Unser Anliegen ist zu untersuchen, ob Literaturwissenschaft und Literaturtheorie
im Allgemeinen und die Interkulturelle Germanistik im Besonderen
diesen beiden Charakteristika unserer Zeit gebührend Beachtung schenken.

2. Drei ‚Post’-Diskurse

Der Postkolonialismus sowie die postkoloniale Literaturtheorie gehen von den
poststrukturalistischen Ansätzen aus und weisen vielfache Affinitäten zum
Postmodernismus auf. Postkolonialismus bedeutet zum einen eine anti-kolonial
ausgerichtete Bewegung, die offensichtlich zeitgleich mit dem Kolonialismus
ihren Anfang nimmt. Zum anderen ist aber der Begriff ‚post-kolonial‘ mit
‚post-independence‘ gleichzusetzen, der sich fortdauernd mit kolonialistischen
Konstellationen beschäftigt. Kurzum: Dem Postkolonialismus geht es vor allem
um die asymmetrischen Machtverhältnisse, gleich ob es sich dabei um Klassen-,
Rassen- oder Geschlechtsunterschiede handelt.
Postkolonialismus hat den Anspruch, das eurozentrisch-deterministische
und bipolare Denken abzubauen und essenzialistische Hierarchien der Kulturhegemonie
zu dekonstruieren. Er hat einen neuen Impetus gegeben, Nationalund
Kulturgeschichten zu rekonstruieren und von der Peripherie zurückzuschreiben.
Er zielt auf die Aufhebung der alten und verfestigten Dichotomien:

3 Diese treffende Formulierung stammt von James Clifford (1997). Hier zitiert nach Doris
Bachmann-Medick: Cultural Turns. 2. Aufl. Reinbek 2007, S. 198
 

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Ost/West, Peripherie/Zentrum, emotional/rational, nicht fortschrittlich/fortschrittlich,
repräsentationsbedürftig/repräsentationsfähig, handlungsunfähig/
handlungsermächtigt usw.
Homi Bhabha4, der einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der postkolonialen
Theorie geleistet hat, will jedoch diese Dichotomien nicht aufheben,
sondern die Grenzen verschieben und die Kulturenvielfalt, die vor allem durch
Massenmigrationen und Diaspora entstanden ist, in den Zwischenräumen verorten.
Den Hybriditätsbegriff versteht er als Ineinanderübergehen und Aufeinandereinwirken
verschiedener Kulturen, ohne sich an die dominante Kultur zu
assimilieren. Die kulturelle Diversität und Überlagerung der Zugehörigkeiten
bei der Identitätsformung müssten anerkannt werden. Bhabha entdeckt schöpferisches
Potential in dem enorm aufgewerteten Hybriditätsbegriff und sieht
Liminalität als Ort der symbolischen Interaktion. So werde die kulturelle Hegemonie
abgebaut und die gegenseitige Interdependenz zwischen den Kulturen
der ehemaligen Kolonisatoren und Kolonisierten oder zwischen europäischen
Einheimischen und zugezogenen Asylanten, Arbeitern, Studierenden, Expatriaten
u. a. unterstrichen. Dadurch konstruiert Bhabha die postkoloniale, relativierte,
anti-essenzialistische Identität im Sinne der Postmoderne, wobei auf die
Wurzeln nicht zurückgegriffen wird.
Selbst Edward Said, der mit seinem Orientalism die postkoloniale Diskussion
ausgelöst hatte und folglich als Begründer der postkolonialen Literaturtheorie
angesehen wird, rückte nach sechzehn Jahren in seinem Culture and Imperialism
von der Fixierung auf Bipolarität ab und relativierte seinen Standpunkt gegenüber
den europäischen Großerzählungen der Aufklärung5.
Gayatri Chakravorty Spivak, die als „feministisch-marxistische Dekonstruktivistin“
6 bezeichnet wird, strebt eine neue ethische Beziehung zwischen der
sogenannten Ersten und Dritten Welt an. Spivak eröffnet heterogene Perspektiven
für die Wahrnehmung eines postkolonialen weiblichen Subjekts, indem sie
nicht nur nach der eigenen Subjektivität, sondern auch nach der der anderen
fragt. Damit schließt sie die Metaerzählung der Assimilation der marginalisierten
Gruppen aus. Spivak legt viel Wert auf Heterogenität und Divergenzen der
Geschlechterrollenverteilung. Sie kritisiert die essenzialistische Neigung der Literaturen
und meint, dass diese notwendigerweise gegen den Strich gelesen
werden müssen. Texte sollen in neue Kontexte gestellt beziehungsweise intertextuell
gelesen und umfunktioniert werden.7

4 Für weitere Erläuterungen s. Homi Bhabha: Verortung der Kultur. Tübingen 2007
5 Vgl. Tim Woods: Beginning Postmodernism. Manchester 1999, S. 42
6 So bezeichnet Colin MacCabe Gayatri Chakravorty Spivak. Hier zitiert nach María do Mar
CastroVarela / Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld 2005,
S. 57
7 Vgl. ebd., S. 75ff für einige literarische Beispiele mit Kommentaren von Spivak

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Postkolonialismus ist bekanntlich ein Widerstandsdiskurs. Er geht gegen
jegliche Autorität vor, bewegt sich von der Peripherie zum Zentrum, begehrt
gegen die Unterwerfungsstrategien der Weltmächte auf, lehnt alle logo- und
eurozentrischen Großnarrativen ab. In diesem Sinne intensiviert er den postmodernen
Diskurs.
Auch der Postmodernismus lehnt Theorien ab und ist bestrebt, soziale und
ethnische Hierarchien abzubauen. Viele Merkmale der Postmoderne wie Anerkennung
der Differenzen, Randzonen, Brüche, Paradoxa, Ambiguität, Offenheit,
Verschiebung der Ideen, Fragmentarisierung gegen Totalisierung sowie laterale
Bewegung und Progression, das Nebeneinander und die Koexistenz der
widersprüchlichen Perspektiven, das Verflachen der Zeichen u. a. finden sich
ebenfalls im Postkolonialismus.
Typisch für das Zeitalter der Postmoderne sind das vielfältige Angebot
und die Multiplizität von Auswahl, Diversität und zugleich auch Inklusion.
In der zeitgenössischen Welt funktioniert das Begriffspaar ‚Entweder-oder‘
nicht, im Gegenteil, sie begrüßt das ‚Sowohl-als-auch‘, zum Beispiel Klassisches
und Alltägliches, Traditionelles und Modernes, Elitekultur und Popkultur,
Oper und Straßentheater existieren problemlos nebeneinander. Auch
im politischen Bereich gibt es widersprüchliche Erscheinungen nebeneinander
wie Demokratie und Kapitalismus, Grüne und Rechtsradikale. Es schließen
oppositionelle politische Parteien wie Konservative und Sozialdemokraten
Bündnisse und unterstützen sich gegenseitig. Auch kennzeichnende
Farben der politischen Parteien scheinen zu verwischen und ideologische
Unterschiede geglättet zu werden. Die USA ergreifen sozialistische Maßnahmen
und Russland greift nach kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Strategien.
Analog zu Leslie Fiedlers „Cross the Border – Close that Gap“8 scheint
heute ‚Bridge the gap, flatten the differences‘ der Slogan der neuen Weltordnung
zu sein.
Zusammenfassend kann man sagen, dass sich alle drei ‚Post’-Diskurse an
der Kritik der Moderne orientieren, kritischen Einspruch gegen totalisierende
Tendenzen einlegen, große Erzählungen in Frage stellen, die Dezentrierung
des Subjekts radikalisieren, alle Theorien und Systeme hinterfragen. Sie unterstreichen
die Verschiebung der Grenzen, die Entstehung der Randzonen
und Zwischenräume. Gemeinsame Schwerpunkte ihrer Diskussionen sind
Hybridität und Diaspora, laterale Bewegung von der Peripherie zum Zentrum,
räumliche Orientierung des Denkens, Aufhebung der Dichotomien
durch Überlappungen und Genremischung, Ablehnung der Autoritäten, Entmystifizierung
des Wissens, Dekonstruktion der Sprache der Macht, Über-

8 Vgl. den Essay von Leslie Fiedler: Cross the Border – Close that Gap. In: Bran Nicol (Hg.):
Postmodernism and the contemporary novel. A reader. Edinburgh 2002, S. 162
Vom bipolaren zum bilateralen Kultur- und Literaturverständnis
 
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brückung der aufgeteilten Welten, gegenseitige Anerkennung von Differenzen,
Gleichzeitigkeit und Koexistenz von Kulturen. Diese Schwerpunkte
beeinflussen offensichtlich auch den Umgang mit den kultur- und literaturwissenschaftlichen
Fragestellungen.

3. Literaturwissenschaftliche Relevanz

Edward Saids Vertextlichung der Welt und die darauf folgende Weiterentwicklung
der postkolonialen Theorie haben zu einem neuen Bewusstsein hinsichtlich
der Literatur der Anderen geführt. Erst das postkoloniale Zeitalter entdeckte
neue Literaturen der Dekolonisierungs- und Antikolonisierungsbewegung.
Nun werden allmählich außereuropäische Literaturen wahrgenommen und
anerkannt. Dieser Perspektivenwechsel fordert auch ein Umdenken: nicht nur
im Bereich der Literatur, sondern auch im Zusammenhang mit den grundlegenden
Kategorien der Identität, Selbstrepräsentation, Herrschaft, Macht, Kulturdifferenzen,
hegemonialen Zentren u. a. Die Kolonialismuskritik hat die
Macht- und Wissensstrukturen in Frage gestellt. Die westliche Logik der polarisierten
Hierarchien, der Zentrum-Peripherie-Aufteilung kann sich nicht mehr
halten. Eine neue Auseinandersetzung mit Fragen der Machtverteilung und
-verhältnisse ist erforderlich geworden. Die Berücksichtigung der postkolonialen
literarischen Selbstrepräsentation hat eine Diskussion über die Erweiterung
des Literaturkanons ausgelöst.
Während Re-Kartierung oder Re-mapping raumbezogene Strategien des
postkolonialen Diskurses aufweisen und Writing back oder Re-writing als Mittel
zum neuen Verständnis der Kolonialzeit angesehen werden, dienen Rereading
oder kontrapunktische Lektüre eher der literaturkritischen Reinterpretation
der kolonialen und postkolonialen Texte. Wieder- und Umschreibung
der klassischen Literatur gehören auch zu den Strategien der postkolonialen
Theorie. Die textübergreifende Bedeutung letzterer führte eine Wende auch in
den Kulturwissenschaften herbei. Kulturanthropologisch-ethnologische Theorien
heben das Lokale hervor ebenso wie die Bedeutung der Kleinnarrativen
und von Einzelgeschichten der einfachen Leute als wichtige Mittel zum Verständnis
von zeitgenössischen Erscheinungen.

4. Technologie und Marktwirtschaft

Seit der elektronischen Revolution und der Entwicklung der Informationstechnologie
hat sich die Marktwirtschaft grundlegend verändert. Heute sind die
Weltmärkte nicht nur leicht erreichbar geworden, sondern sie können auch
schnell erobert werden. Durch die globale Konnektivität, den schnellen Zugang
zu Informationen sowie die leistungsfähigeren Transformations- und LogistikNeeti

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systeme sind neue internationale Marktlandschaften entstanden, in denen Verbrauchsprodukte
Hochkonjunktur haben. Internationale Übernahmen von Firmen
machen häufig Schlagzeilen. Interdependenz statt Dominanz und Kollaboration
statt Konkurrenz werden als Schlüssel zum Wachstum verstanden.
Die Expansion der Kapitalmärkte, die Erschließung neuer Märkte sowie
wechselseitige Abhängigkeits- und Beziehungsnetzwerke machen die Raumperspektive
der wirtschaftlichen Entwicklung bemerkbar. In diesem Zeitalter
sind Kulturen zum großen Teil vom multinationalen Kapitalismus gekennzeichnet.

4.1 Ost-West-Beziehung

Die sich verändernde Ost-West-Beziehung in der digitalisierten Welt kann anhand
der indisch-deutschen marktwirtschaftlichen und kulturellen Interaktion
veranschaulicht werden.
Die Globalisierung und Vernetzung der Marktwirtschaft haben sicher nicht
allen Menschen nur Vorteile gebracht. Aber die elektronische Verarbeitung von
Informationen und der elektronische Wissenstransfer haben zur Gründung der
Knowledge- und Serviceindustrie geführt und dadurch unendliche Beschäftigungs-
und Erwerbsmöglichkeiten in Indien geschaffen. In den letzten Jahrzehnten
erlebte Indieneine Ideen- und Firmenexplosion sowie einen großen
Aufschwung im Bereich kognitiv anspruchsvoller Entwicklungs- und Herstellungsprozesse,
die eine akademische Ausbildung erfordern. Dazu gehört zum
Beispiel das Auftauchen der Dotcom-Firmen und der Firmen für Webdesign
oder Software-Lösungen. Auch sind indische Experten überall gefragt, wo Talent
und Fertigkeiten im elektronischen Bereich gesucht werden.
Bis vor fast fünfzehn Jahren galt Indien als ein Land der klassischen alten Sprache
und Literatur, der Mythologie und Epen. Es wurde bis in die jüngste Vergangenheit
als ein kolonialisiertes, subordiniertes, ausgebeutetes, armes, unterentwickeltes
Land der sogenannten Dritten Welt angesehen. Überbevölkerung und Armut
wurden bisher als Hindernisse für das Wirtschaftswachstum verstanden.
Indien ist aber um die Millenniumswende gerade dadurch plötzlich zu einem
äußerst attraktiven Standort für Investition und Vermarktung geworden. Man
redet heute sogar von dem größten „demographic dividend“9 für Indien, da es in
einem Jahrzehnt das ‚jüngste‘ Land der Welt sein wird.

9 Nandan Nilekani, der Geschäftsführer des indischen IT-Unternehmens Infosys Technologies
Ltd. in Bangalore, hat diesen Begriff von David Bloom übernommen und in seinem
Buch Imagining India ausgeführt. Er ist sich allerdings der Gefahr bewusst, dass die wachsende
Arbeitslosigkeit diesen „dividend“ leicht ins Chaos umkippen kann. Vgl. Nandan
Nilekani: Imagining India. New Delhi 2008, S. 49f

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4.2 Die Partnerländer Indien und Deutschland

Vor dem Hintergrund der ‚Post’-Diskurse und der Entwicklung global vernetzter
Marktwirtschaft kann hier die Kooperation zwischen Indien und
Deutschland als ein Beispiel für die neuen Ost-West-Partnerschaften in Betracht
gezogen werden.
Die Indische Republik der 1950er Jahre verließ sich für die Entwicklung der
Schwerindustrie u. a. auf Technologie und technisches Know-how aus Deutschland.
Metall-, Maschinenbau- und Chemie-Industrie gehören zu den alten deutschen
Kollaborationen und Niederlassungen in Indien. Deutsche Touristen
suchten im Indien der 1970er und 1980er Jahre nach spirituellen Gurus, Yoga
und Meditation, medizinischen Pflanzen und Kräutern und nicht zuletzt den
Stränden in Goa.
Mit dem Beginn des elektronischen Zeitalters und dem Aufstieg der IT-Branche
in den 1990er Jahren hat Indien eine beachtliche Stellung auf dem Weltmarkt
erworben. Die Öffnung indischer Märkte durch die Einführung der
freien Marktwirtschaft im Jahre 1990 hat natürlich die Beschleunigung der
Wirtschaftsprozesse erheblich gefördert.
In Bezug auf die seit 1991 bewilligten technischen Kollaborationen in Indien
hat Deutschland einen Anteil von 14 % und steht nach den USA an zweiter
Stelle mit insgesamt 1106 Projekten10. Indien ist heute offensichtlich ein bevorzugter
Investitionsstandort deutscher Firmen. An diesen Investitionen in Indien
machte im Finanzjahr 2007/08 die Serviceindustrie mit 31 % den größten
Anteil aus, gefolgt von der Automobilindustrie mit 15 %. Andere favorisierte
Sektoren für deutsche Investitionen in Indien sind Handel, Telekommunikation,
Pharmaindustrie und Energie.
Deutsche Unternehmen wie Daimler, ThyssenKrupp und Allianz haben ihre
Niederlassungen in Pune, einer ehemals ruhigen Universitätsstadt, die zu
einem rasch wachsenden industriellen Angelpunkt geworden ist11. Pune ist besonders
attraktiv für die Automobil- und Zulieferindustrie sowie mit dem
‚cluster effect‘ auch für den Mittelstand schlechthin. In den letzten drei Jahren
sind schon so große deutsche und europäische Marken wie Volkswagen, Audi
und Škoda in Pune angekommen. Etwa 100 deutsche Firmen und 150 Joint Ventures
mit deutscher Kollaboration haben dort bereits Fuß gefasst. In der Umgebung
von Pune wurde am 24. Februar 2009 die Hauptproduktionsstätte des Automobilgiganten
Mercedes-Benz in Indien eröffnet.

10 Vgl. Indo-German Investments & Collaborations. In: Bernhard Steinrücke / Sheela Wadalkar
(Hg.): Annual Report 2008 of the Indo-German Chamber of Commerce. Mumbai 2008, S. 91
11 Vgl. Oliver Müller: Pune – A magnet for German SMES. In: Bernhard Steinrücke / Sheela Wadalkar
(Hg.): Annual Report 2008 (Anm. 10), S. 99

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Der indische Premierminister hatte vor einigen Jahren angekündigt, dass der
Gesamthandel zwischen Indien und Deutschland bis 2009 die 10-Mrd.-Euro-
Marke erreichen werde. Schon 2006 überschritt Indien diese Marke12, und zwar
mit einer phänomenalen Wachstumsrate von 38,7%. Im Jahr 2007 stieg der
Handel auf 12 Mrd. Euro an und 2008 sollten es über 13 Mrd. Euro sein.13
Heute gibt es deutsch-indische Kollaborationen zum wesentlichen Teil im
Bereich der Serviceindustrie und der Infrastrukturentwicklung. Das Neueste
dabei ist die Lieferung von deutschen Wagons für die U-Bahn in Neu Delhi.
Weitere Kollaborationen existieren im Gesundheitswesen und im Versicherungssektor.
Es gibt gemeinsame Projekte in den Gebieten: alternative Energie,
Gastronomie und Touristik, medizinischer Tourismus, BPOs oder Business Process
Outsourcing, Bankwesen, Börse, Telekommunikation sowie beim Transfer
von Technologie und der Entwicklung von Software-Lösungen in verschiedenen
Bereichen. Die deutsche Bildungsindustrie will auch durch Bildungsmessen
in indischen Großstädten Studierende für die Hochschulbildung in
Deutschland gewinnen. Indische IT-Experten und Software-Ingenieure finden
Anstellung bei den deutschen Firmen in Indien und bei den indischen Niederlassungen
in Deutschland.
Indien und Deutschland wollen in den kommenden Jahren ihre Kooperation
im Handel, in der Technologie, in der Wissenschaft und vor allem im Bereich
der alternativen Energie erweitern und die Zusammenarbeit zwischen den
kleineren und mittleren Firmen zunehmend fördern.14 Die Interaktion zwischen
Indien und Deutschland ist intensiver und multidimensionaler geworden
und hat zur engeren Kooperation in weiteren Bereichen geführt. Die letzten
drei Jahre bezeugen einen intensiven politischen Dialog und eine fruchtbare
Interaktion zwischen den beiden Ländern, wie es nie zuvor der Fall gewesen ist.
2006 wurde sogar eine Büste von Mahatma Gandhi im Reichstag installiert!
Es werden nicht nur indische Firmen von europäischen übernommen, sondern
auch umgekehrt. In den letzten fünf Jahren haben große französische, britische
oder deutsche Unternehmen eine Übernahme von indischer Seite erfahren.
Indien wird nun als Partnerland, als neue Atom-Macht, als ein wichtiger
Global Player im IT-Bereich und als die größte plurilinguale, multikulturelle
Demokratie der Welt anerkannt.15 Fast ein halbes Jahrhundert nach der Grün-

12 Vgl. Indo-German Economy 4 (2006), S. 36
13 Vgl. Development of Indo-German trade over the years. In: Bernhard Steinrücke / Sheela Wadalkar
(Hg.): Annual Report 2008 (Anm. 10), S. 9
14 Vgl. Germany and India – A strategic partnership. In: German News. Bi-monthly Magazine of
the German Embassy March-April 2006, S. 6ff
15 A. a. O., S. 7: Die Kanzlerin Angela Merkel sagte: „India has become a driving force for globalization
while retaining its cultural identity. […] India has shown that democracy is possible
and can succeed in difficult circumstances.“

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dung der Indischen Republik konnte Indien allmählich den eigenen Status und
die Perspektive der Anderen ändern. Über einzelne Kooperationen und Handelsbeziehungen
hinaus ist eine allgemeine Veränderung in der Einstellung der
europäischen Länder Indien gegenüber festzustellen.
Auch andere EU-Länder haben den Handel sowie den kulturellen Austausch
mit Indien intensiviert. Die EU hat sich in mehrfacher Hinsicht nach Osten geöffnet.
Besonders günstig sind die Angebote im Bildungsbereich, zum Beispiel im
Rahmen des Erasmus Mundus Programms, wobei Partnerschaften auch mit den
Universitäten der östlichen Entwicklungsländer geschlossen werden.
Unter diesen günstigen Voraussetzungen finden nun eine bilaterale Interaktion
und ein kultureller Austausch im eigentlichen Sinne statt. Man muss allerdings
beachten, dass auch die postmoderne und postkoloniale Sicht- und Denkweise
zu diesem Paradigmenwechsel sowie zur Neuordnung und Neuaufteilung
der globalisierten Welt Wesentliches beigetragen haben.

4.3 ‚Entrunzelung‘ durch Finanz- und Wirtschaftskrise?

Schlimmste Verhältnisse sind manchmal von etwas Positivem begleitet. Sogar
Katastrophen oder Krisen können zur Intensivierung der Interaktion beitragen
und durch die gegenseitige Anerkennung zur Verminderung von Differenzen
führen. Das geschieht gegenwärtig in vielen Ländern. Die EU wird sich zum
Beispiel, trotz einiger gegenläufiger Tendenzen, darauf einigen müssen, Protektionismus
zu vermeiden und gemeinsame Strategien zu entwickeln, um die Finanz-
und Wirtschaftskrise zu überwinden. Die USA wollen mit China kollaborieren,
um die gegenwärtige Krise zu bezwingen. Ein Teil der Finanzpakete zur
Überwindung der Krise soll auch an die Entwicklungsländer gehen, da man
diese Märkte für den wirtschaftlichen Aufschwung braucht. Der erhebliche
Rückgang der FDI (Foreign Direct Investments) in den Entwicklungsländern
bedeutet ein großes Hindernis bei der Verbesserung der globalen Wirtschaft.
Die marktwirtschaftlichen Kräfte zwingen bis zu einem gewissen Grad zur bilateralen
Kooperation.
Die jüngste Finanzkrise ging von den USA aus, und diese werden von ihr
womöglich auch am schlimmsten betroffen sein. Der eigentliche Meltdown begann
mit dem Konkurs einiger Finanz- und Kreditbanken in den USA, gefolgt
von der Automobilindustrie, die als erste den Kredit-Crunch und den daraus
folgenden Slowdown zu spüren bekam. Durch die Vernetzung der Finanzinstitutionen
und Kreditbanken erreichte die Krise aufgrund des Welleneffekts in
kurzer Zeit die europäischen Märkte und Börsen. Noch besteht die Gefahr, dass
Tausende und Abertausende von Angestellten in den USA und in Europa ihre
Jobs verlieren werden. Andererseits sehen wir eine begrüßenswerte Entwicklung
darin, dass die Ölpreise und damit auch die Inflationsrate zumindest vor

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übergehend sinken. Solche Korrekturmechanismen sind dem System der
Marktwirtschaft inhärent.
Die erst seit wenigen Jahren aufsteigenden Wirtschaftssysteme der Länder
der sogenannten Dritten Welt scheinen zum gegenwärtigen Zeitpunkt durch
diese Krise noch nicht so erheblich angeschlagen wie der Westen. Unübersehbar
ist allerdings ein weiteres Phänomen: Im Gegensatz zu der Wirtschaftskrise
der 1920er Jahren sind die Auswirkungen der Krise durch die massiven Staatssubventionierungen
bislang nicht in dem Maße auf die allerärmsten Gesellschaftsschichten
durchgeschlagen. Zur Zeit sind vor allem die großen exportorientierten
Firmen betroffen. Die oben genannten Erscheinungen können wiederum
als ein Ansatzpunkt zur Verminderung der Unterschiede angesehen
werden, also als eine Art ‚Entrunzelung‘, wenn auch nicht zur vollständigen
Glättung der Unterschiede.

4.4 Corporate Social Responsibility

Die Vermarktungsstrategien des Spätkapitalismus unterscheiden sich von denen
der letzten Jahrhunderte. Heute sind die großen Firmen darum bemüht,
qualifizierte Angestellte zu halten, und die Finanzexperten sind darauf bedacht,
dass der Konsument Geld hat, damit die Produkte gekauft werden. Das
hat zu neuen Vermarktungsstrategien geführt. Ein Grundprinzip der Demokratie
kann darin gesehen werden, dass die Abgeordneten in ihrem Wahlkreis etwas
leisten müssen, um das Vertrauen der Wähler zu gewinnen. Dieses Prinzip
gilt auch in der freien Marktwirtschaft, wovon die Verbraucher manchmal
ebenfalls profitieren.
So muss heute die Corporate World aus eigenem Interesse und gezwungenermaßen
zum Allgemeinwohl etwas beitragen. In Indien leisten zum Beispiel
große Firmen unter dem Motto ‚CSR‘ oder ‚Corporate Social Responsibility‘ ihren
Beitrag zur Entwicklung. Einige große Konzerne ergreifen Initiativen zum
‚Uplift‘, der Förderung der wirtschaftlich benachteiligten Bevölkerung. Die
reiche Industrie sowie die SEZs, das heißt die sogenannten ‚Special Economic
Zones‘, investieren in die Entwicklung ihrer Umgebung. Es werden beispielsweise
Verkehrsverbindungen, Straßen, Schulen, Ausbildungszentren und
Krankenhäuser mit der Beteiligung der durch die SEZs oder der durch die von
den neuen Industrieanlagen betroffenen lokalen Bevölkerung gebaut. Das ist
sozusagen eine durch die marktwirtschaftliche Dynamik entstandene Winwin-
Situation für beide Seiten. Durch dieses soziale Engagement und die Bereitschaft
der Industrie, in die regionale Entwicklung zu investieren, wird der
Widerstand gegen Landübernahmen minimiert, es findet eine Art Interaktion
zwischen dem Management und den Einwohnern statt. Die Industrie sorgt
durch die Gründung von Schulungs- beziehungsweise Ausbildungszentren

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auch für einen Ausweg aus dem Talent-Crunch. Andererseits haben die Einheimischen
einige Vorteile: Oft unterstützt das Management der Firmen die
NGOs, die ‚Non-Governmental Organisations‘ (Nichtregierungsorganisationen),
die in dieser Gegend schon tätig sind, wie zum Beispiel bei der Versorgung
mit sauberem Trinkwasser, bei manchen Fraueninitiativen oder Gesundheitsmaßnahmen.
Das trägt wiederum zur Verminderung der Unterschiede
und zur Etablierung eines Dialogs zwischen den Gesellschaftsschichten bei.

4.5 Zusammenfassung

Die bis hier entwickelten Positionen sollen im Folgenden anhand eines Zitats
aus dem Band The world is flat16 (2005) zusammengeführt werden. Der Autor
Thomas Friedman berichtet darin u. a. von einer Indienreise, in deren Verlauf
er auch Bangalore besuchte, das indische ‚Silicon Valley‘ und Zentrum für ITFirmen.
Er vergleicht seine Erkundungen und Befunde mit denen von Columbus:
„I too was searching for India’s riches. Columbus was searching for hardware
[…]. I was searching for software, brainpower, complex algorithms,
knowledge workers, call centers, transmission protocols, breakthroughs in optical
engineering – the sources of wealth in our days.“17 Der Autor meint, dass
Broadband-Konnektivität, die Explosion von Software, E-Mails und Suchmaschinen
„are now connecting all the knowledge centers on the planet together
into a single global network […] intellectual work, intellectual capital,
could be delivered from anywhere. […] The playing field is being leveled.“18
Die digitale Vernetzung verbindet alle Wissenszentren auf dem Planeten. Geistig
intensive Arbeit und auf intellektuellen Ressourcen basierendes Kapital
kann nun von irgendwoher empfangen und irgendwohin geliefert werden. So
wird das Spielfeld geglättet. Er schreibt weiter, dass Columbus zurückkam und
seiner Majestät berichtete, die Welt sei rund. Thomas Friedman kam zurück
und berichtete seiner Frau, ‚die Welt ist flach‘!19
So wird die Welt heute im Allgemeinen wahrgenommen. Unser elektronisch-
marktwirtschaftlich vernetztes Zeitalter ist von ‚Post’-Diskursen durchdrungen.
Die aus der globalen Vernetzung und aus den ‚Post’-Diskussionen
hervorgegangenen Haupttendenzen unserer Zeit sind also Verflachung, Dezentrierung,
gegenseitige Anerkennung der Differenzen und gleichzeitiges Nebeneinander.
Die Frage ist, ob sich diese Tendenzen auch in der Interkulturellen
Germanistik entsprechend bemerkbar machen.

16 Thomas L. Friedman: The world is flat. The Globalized World in the Twenty-first Century.
Aktual. u. erw. Ausg. 2006
17 Ebd., S. 4
18 Ebd., S. 7
19 Ebd., S. 5

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5. Kulturwissenschaft und Literaturtheorie

Kulturwissenschaft ist eine Disziplin, die in sich auf Interdisziplinarität und
eine im eigentlichen Sinne ‚grenzenlose‘ Ausdehnung ihrer selbst wie ihres Gegenstandsbereichs
angelegt ist. Sie bezieht soziale sowie mentale Dimensionen
mit ein, wobei Denk- und Empfindungsformen, Werte, Ideen, Normen, soziale
Praktiken, soziale Institutionen, Überzeugungen, Vorstellungen, Gewohnheiten,
Wissensformen, Bedeutungskonstruktionen und anderes mitberücksichtigt
werden. Kulturwissenschaft befasst sich mit Schlüsselbegriffen wie Erfahrung,
Handlung, Identität, Sprache, Erinnerung, kulturelles Gedächtnis,
kollektives Bewusstsein. Die Funktion der Kulturwissenschaft besteht in der
Interpretation von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik u. a. Dies findet Ausdruck in
Symbolen und Texten, wobei Literatur eine bedeutende Ausdrucksform ausmacht.
In der Literatur wird auf diese Weise Kultur wahrnehmbar und beobachtbar.
Literatur- und kulturwissenschaftliche Analyse- und Interpretationsverfahren
basieren auf unterschiedlichen Theorien, die aus verschiedenen Bereichen
und Disziplinen stammen. In der Literaturtheorie steht heute vieles zur Diskussion,
das sich, so Culler, eher auf „Nicht-Literarisches“20 bezieht und dessen
Verbindung zur Literatur „kaum ersichtlich“ ist. Die Literaturtheorie als
„Mischgattung“ bezieht sich heute auf Schriften, die über ihre „angestammte
Disziplin“ hinauswirken. Die Literaturtheorie im Allgemeinen bedient sich
nicht nur der verschiedenen geisteswissenschaftlichen Bereiche, sondern auch
verschiedener Struktur- und Ausdrucksformen, wobei sie sich auf Wechselspiel,
Polylog, hybride literarische Genres, wie zum Beispiel Pastiche, Parodie,
Travestie stützt.
Wenn man von der Literaturtheorie spricht, geht man von einer Anzahl von
verschiedenen kritischen Schulen und Ansätzen aus. Da die Literatur fast alle
Bereiche des Lebens berührt, geraten die Diskussionen über sie ins Uferlose.
Zum Verständnis der Literatur werden Fragen über den disziplinären Rahmen
der Literaturwissenschaft hinaus debattiert; um diese jedoch beantworten zu
können, bedarf es eines Einblickes in fast jedes dieser anderen Wissensgebiete.
Jonathan Culler21 zufolge haben sich seit den 1960er Jahren die Literaturwissenschaftler
immer häufiger und immer weitgehender auf Schriften aus anderen
Forschungsgebieten bezogen, da diese Schriften durch „ihre sprachlichen,
geistesgeschichtlichen, historischen oder auch kulturspezifischen Analysen
neue und überzeugende Erklärungsmuster für textspezifische wie kulturelle

20 Die folgenden hervorgehobenen Begriffe sind entnommen aus Jonathan Culler: Literaturtheorie.
Eine kurze Einführung. Stuttgart 2002, S. 9 u. 12
21 Ebd., S. 12
 
141
 
Fragen“ liefern. Nach Cullers Darstellung stützt sich die Literaturtheorie auf22
„Werke aus der Anthropologie, Filmwissenschaft, Geschlechtsdifferenz, Kunstgeschichte,
Philosophie, Politikwissenschaft, Psychoanalyse, Sozial- und Geistesgeschichte,
Soziologie, Sprachwissenschaft und aus der Wissenschaftstheorie.“
6. Interkulturelle Germanistik in der ‚flachen Welt‘
Um die solchermaßen exponierte Diskussion abzurunden, greifen wir im Folgenden
auf zwei charakteristische Begriffe unserer Zeit zurück und entwickeln
daraus, in welchem Verhältnis die Interkulturelle Germanistik zu den oben dargestellten
Entwicklungen und Möglichkeiten steht. Wie wirken ‚Gleichzeitigkeit‘
und ‚Gegenseitigkeit‘ als Merkmale der flachen Welt heute auf die Interkulturelle
Germanistik? Wieweit kommt die Interkulturelle Germanistik den
Erfordernissen der ‚neuen Wirtschaft‘ nach? Inwiefern lässt sich die Germanistik,
insbesondere die Interkulturelle Germanistik, durch gegenwärtige Erscheinungen
und Komplexitäten, Strömungen und Diskurse beeinflussen? Kurzum:
Wie interkulturell ist die Interkulturelle Germanistik?
Bekanntlich spielen Sprachtheorien in den gegenwärtigen sozialpolitischen
und philosophischen Diskursen eine wichtige Rolle. Poststrukturalistisch-dekonstruktivistische
und postmoderne Denkweisen sowie gesellschaftspolitische
Prozesse in der digitalisierten und globalisierten Welt beeinflussen die
Entwicklung und Anwendung zeitgenössischer Interpretationstheorien. Von
der Dynamik des globalen Kapitalismus und der vernetzten Marktwirtschaft
bleibt jedoch, wie man beobachten kann, die Interkulturelle Germanistik weitgehend
unberührt.
Obwohl die ‚Post’-Diskurse in diesem akademischen Bereich Deutschlands
erst sehr verspätet Anerkennung gefunden haben, nehmen gegenwärtige literaturwissenschaftliche
Analysemethoden sowie Literaturtheorien, vor allem
aber die Entwicklung der Kulturwissenschaften, mittlerweile regelmäßig Bezug
auf die ‚Post’-Diskurse. Deutschland hält also sowohl Schritt mit den neuen
postmodernen Trends und Entwicklungen als auch mit den Erfordernissen der
globalen Marktwirtschaft.
Die Vermarktung und der Konsum der indischen Kultur und Literatur haben
sich zum Beispiel sehr erfolgreich in Deutschland durchgesetzt. Im kulinarischen
Bereich oder im Bereich der populären Kunst gibt es ein bemerkenswertes
Nebeneinander: Tätowierung, indischer Schmuck, Yoga-Institute,
Hindi-Filme und Film-Songs, indische Restaurants, arabischer Bauchtanz, tür-

22 Ebd., S. 12f
142
 
kische Musik, Kebabbuden usw. koexistieren mit der deutsch-europäischen
Kunst und Küche ganz glücklich. In deutschen Buchhandlungen nehmen auch
indische oder türkische Autoren einen beachtlichen Platz ein, sie werden interviewt
und rezensiert; andererseits finden sie aber kaum Zugang zum literarischen
Kanon oder in die Curricula des Germanistikstudiums an den deutschen
Universitäten.
Im Zeitalter globaler Vernetzung, materieller Verräumlichung, lateraler Entwicklung
und gegenseitiger Anerkennung der wirtschaftlichen Partnerschaften
genießen fremdsprachige Literaturen in deutscher Sprache beziehungsweise in
deutscher Übersetzung bislang keine breite akademische Anerkennung. So
werden selbst an den indischen Germanistikabteilungen im Allgemeinen Autoren
indischer Herkunft nur selten berücksichtigt. In einem Kurs wie „Das Indienbild
in der deutschsprachigen Literatur“ oder „Postkoloniale Literaturtheorie“
bleiben die Diskussionen weitgehend auf Reiseberichte deutscher Autoren
aus dem 19. und 20. Jahrhundert beschränkt. Diese sollten eigentlich zumindest
im Said’schen Sinne kontrapunktisch gelesen werden. Viel wichtiger allerdings
wäre die gleichzeitige Berücksichtigung und Behandlung der indischen
Literatur, soweit auf Deutsch vorhanden, über die antikolonialistische Bewegung
jener Zeit. Interessant wären zum Beispiel die Mini- oder Mega-Großstadtromane
indischer Gegenwartsautoren, die heute in deutscher Übersetzung
vorliegen und die äußerst aktuelle Themen wie Terrorismus, kommunale
Ausschreitungen, internationaler Handel, Corporate World, den Alltag der Angestellten
bei den BPOs (Business Process Outsourcing), Heimatlosigkeit und
Identitätsverlust behandeln sowie über gegenwärtige technologisch-wirtschaftliche
Entwicklungen und über den Kultur- oder Neokolonialismus reflektieren.
Wichtig sind der gegenseitige Informationsaustausch und die gegenseitige
Anerkennung. Wenn in den deutschsprachigen Ländern zum Beispiel Siddhartha
als ein indienbezogener Roman gelesen wird, muss man sich gleichzeitig
auch darüber informieren, welche Stellung heute der Buddhismus in Indien
einnimmt oder wie bedeutend der Neobuddhismus für die Sozialreform in Indien
ist.
Interkulturelle Germanistik an Universitäten der ganzen Welt könnte auch
ein geeigneter Ort für Diskussionen über kulturelle Überlappungen in den
Grenzzonen und Grenzsituationen oder über die Umgestaltung der Sozialräume
werden. Literarische Texte müssten auf Hybriditätsphänomene hin untersucht
und analysiert werden. Auch die Machtdimension könnte als eine neue
Kategorie für die Literaturanalyse eingesetzt werden. In der Interkulturellen
Germanistik könnte auf verwobene Nationalgeschichten und wechselseitige Interaktion
zwischen Kulturen, auf vielfache Erinnerungsgeschichten und lokale
Einzelgeschichten eingegangen werden. Zur Zeit muss man jedoch feststellen,

143
 
dass die Konzepte von Gleichzeitigkeit und gegenseitiger Anerkennung der Literaturen
im akademischen Bereich kaum die ihnen angemessene Beachtung
finden. Die Interkulturelle Germanistik bleibt primär eine transkulturell und
lateral ausgerichtete Disziplin. Wünschenswert wäre jedoch ihre Erweiterung
auf Bilateralität und gegenseitige Anerkennung.
 

Literatur

Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften.
2. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2007 (zuerst 2006)
Bhabha, Homi: Die Verortung der Kultur. Tübingen 2007 (zuerst 2000) (englische Orginalausgabe
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Castro Valera, María do Mar / Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung.
Bielefeld 2005
Culler, Jonathan: Literaturtheorie. Eine kurze Einführung. Übers. von Andreas Mahler.
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in: Cunliffe, Marcus (Hg.): American Literature since 1900. London 1975, S. 344–
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