Von ‚Q & A‘ zu ‚Slumdog Millionäre‘ : Ästhetik des Intermedialen oder Neokolonialen?
Prof. Dr. Neeti Badwe, Pune,
Indien
Von ‚Q & A‘ zu ‚Slumdog Millionäre‘ :
Ästhetik des Intermedialen oder Neokolonialen?
Presented
: Dec. 2014, Mumbai; published : Peter Lang, Berlin, 2018, P. 333-339
Abstract
This
article is broadly divided in three parts : The first part deals with the
relevant terminology of the postmodern and medial aesthetics by Wolfgang Welsch
and the concept of ‘fictional immersion’ in film appreciation by Chriatiane
Voss.
The
second and the main part of this article discusses intermedial aspects and
strategies at length while analysing Vikas Wsarup’s novel ‘Q & A’ and
its adaptation in the film ‘Slumdog Millionaire’. The third and the
final part will draw some cunclusions and present comments of the author on the
postmodern and medial aesthetics, ‘fictional immersion’ as well as neocolonial
aspects of the film adaptation.
Abstract
Dieser Aufsatz hat drei Schwerpunkte : Eine kurze Besprechung
der relevanten Termini in der Ästhetik der Postmoderne und der medialen
Ästhetik bei Wolfgang Welsch sowie der Filmrezeption bei Christiane Voss bilden
den ersten Teil.
Im Hauptteil erfolgt eine ausführliche Diskussion über
Intermedialität am Beispiel des Romans Q & A und dessen Adaption in
dem Film Slumdog Millionäre. Der dritte und letzte Teil bietet ein
kurzes Fazit zur fiktionalen Immersion sowie die Stellungnahme des Autors zur
intermedialen Ästhetik der Postmoderne und des Neokolonialen.
1. Einführung
Die hiermit angeschnittene Problematik steht an der
Schnittstelle von diversen, gegenwärtig relevanten Diskursen. Sie fordert
Berücksichtigung und Besprechung von ästhetischen Aspekten im Bereich der
Postmoderne, des Intermedialen, des Postkolonialen, und des Neokolonialen. Im Folgenden
möchten wir uns hauptsächlich auf die Auslegung der postmodernen Ästhetik von
Wolfgang Welsch und der Filmrezeption von Christiane Voss[1] beschränken.
2. Relevante
Termini bei Welsch
Wolfgang Welsch setzt sich mit der Ästhetik nicht nur im
kunst-philosophischen Bereich auseinander, sondern hebt ihre gesellschaftliche
Funktion hervor. Seine gegenwarts- und weltbezogene Ästhetik schließt „die
Ästhetik der Raumgestaltung, der Metropolis, Ästhetik des
Face-Lifting von Städten, der digitalen Medien“
usw. ein (vgl. 2010 : 13). Die Ästhetik wird auf diese Weise zu einem
wichtigen Medium, unsere Umgebung zu verstehen (vgl. Welsch 2010 : Vorwort 7).
Die Verengung des Begriffs der Ästhetik in den letzten
Jahrhunderten auf den Bereich der Kunst und des Schönen will Welsch rückgängig
machen und die Ästhetik als Aisthesis mit ihrer Doppeldeutigkeit
verstehen : Empfindung und Wahrnehmung, Gefühl und Erkenntnis, Sensation und
Perzeption (vgl. Welsch 2010 : 9 und 11). Er will den Begriff der Ästhetik „als
die Thematisierung der Wahrnehmung aller Art“ (Welsch 2010 : 9 f.) verstehen.
Dazu zählt er die sinnenhafte ebenso geistige, alltägliche wie sublime, lebensweltliche
wie künstlerische Wahrnehmung (vgl. ebda). Folglich bezieht sich Welsch nicht
nur auf Malerei, sondern führt viel mehr erhellende Beispiele aus der architektonischen
sowie medialen Umwelt an.
In seiner theoretischen Auslegung bringt Welsch interessanterweise
den Begriff der ‚Anästhetik’ als die Kehrseite (aber nicht als Gegensatz) von
Ästhetik ins Spiel und setzt sich neben
der Ästhetik auch mit der Anästhetik als einem Grundbegriff auseinander. Unter
Anästhetik versteht er einen Zustand, „wo die Empfindungsfähigkeit aufgehoben
wird“ (Welsch 2010 : 10). Er konstatiert, dass anstelle der Ästhetisierung in
der Moderne die postmoderne Ästhetik durch das Wechselspiel von Ästhetik und
Anästhetik gekennzeichnet ist (vgl. 2010 : Vorwort S. 7).
Die Grundthese von Welsch lautet : „Ästhetisierung (…)
erfolgt als Anästhetisierung“ (Welsch 2010 : 14). Diese erläutert er mit
zahlreichen Beispielen, u.a. auch aus dem medialen Bereich.
Welsch meint, durch die architektonische Ästhetisierung
wirken z. B. die Einkaufszentren eintönig (vgl. Welsch 2010 : 15). Durch die „konsum-inszenatorischen
Dekorationsbauten“ wird man „systematisch desensibilisiert“ (vgl. Welsch 2010 :
14). Durch die „telekommunikative Totalausrüstung“ entwickeln sich die Menschen
zu „televisionären Monolithen“ (Welsch 2010 : 16). Dabei werden sie zunehmend „kontakt-
und fühllos” gegenüber der eigentlichen, „konkreten“ Wirklichkeit (vgl. ebda).
Welsch sagt, die Medienwelt löst die Wirklichkeit durch ihre simulatorische
Überbietung ab (vgl. Welsch 2010 : 16). Er meint, „die Bildlichkeit dieser
medialen Welt enthält (…) drastische Anästhetisierungspotentiale“ (Welsch 2010
: 15). Welsch konstatiert, dass die ästhetische Animation qua Narkose geschieht
– als Rausch und als Betäubung (vgl. Welsch 2010 : 14). In dem im Canadian
Aesthetics Journal[2]
erschienenen Artikel „Mein Weg in der
Ästhetik“ behauptet Welsch, dass wir uns heute in den „globalen
Ästhetisierungsprozessen“ befinden und weist zugleich „auf die Gefahren eines
Umschlags von Ästhetisierung in Anästhetisierung“ hin.
Seinem ästhetischen Verständnis nach sollen postmoderne
Ästhetiken in diversen Lebensformen verwirklicht werden. Die postmoderne Kunst soll „das Kommende wahrnehmen und Lebensformen entwerfen“ (vgl. 1991 : 89). Das erläutert er
weiter (Welsch 1991 : 194) :
Die Merkmale der Postmoderne
wie Fragmentierung, Szenenwechsel, Kombination des Diversen, Geschmack an
Irritation sind heute im Alltag überall zu beobachten - von der Medienkultur
über die Werbung bis zum Privatleben. Die Inkommensurabilität gehört zur Wirklichkeit
der Postmoderne.
Obwohl Welsch sich nicht ausdrücklich mit dem Medium Film
beschäftigt, legt er nahe, dass die Ästhetik der Wahrnehmung sowie die
Ästhetisierungs- und Anästhetisierungsprozesse jeglicher Rezeptionsart und
Kritik zugrunde liegen.
3. Ästhetische
Theorie und Filmrezeption
Christiane Voss unterscheidet zwei Arten der
Filmrezeption in ihrem Essay „Fiktionale Immersion zwischen Ästhetik
und Anästhetisierung“ (Voss,
Christiane 2008) .[3] Sie stellt die immersive
Filmrezeption und philosophische
Theorien ästhetischer Erfahrung einander gegenüber. Ihrer Meinung nach besteht
die Wirkungsmacht der narrativen Filme
in der „Evidenz des ‚es ist so‘“ (ebda). M.a.W. der
Realitätseindruck entsteht bei solchen Filmen durchs „Eintauchen in den Film“,
das Voss als „fiktionale Immersion“ bezeichnet.
Ihrer Meinung nach ist dies
u.a. ein Grund dafür, „warum die Filmästhetiken in der Philosophie heute eher
eine Randerscheinung sind“. Der Reflexivitätsverlust bei einem involvierten
Zuschauer kann zu einer Art ‚Anästhetisierung‘, Betäubung oder
Empfindungslosigkeit führen, wovor Welsch in seiner Auslegung von
Grundbegriffen des Ästhetischen und Anästhetischen warnt. Oft wird das
Fiktionale fürs Reale gehalten. Trotz der Tendenz der ästhetischen Theorien,
die affektive Evidenzerfahrung zu thematisieren, so Christiane Voss, „bilden die primär aesthetischen und erst recht
anästhetischen Erlebnisdimensionen so etwas wie den Bodensatz aller Ästhetiken“
(ebda).
4.
Überlegungen
und Beweggründe bei der Umstrukturierung
Im Folgenden setzen wir uns mit der intermedialen
Umstrukturierung des Deburomans ‚Q & A‘ von Vikas Swarup, einem indischen
Diplomaten, in den Film ‚Slumdog Millionär‘ auseinander. Dieser Film ist eine
interessante Mischung von Hollywood und Bollywood. Er spielt in der Megacity Mumbai,
in der Millionen-Megapolis, einem Schmelztiegel, der als repräsentativ für die
bunte indische Kultur mit ihren krassen Unterschieden gilt. Der Originalroman
sowie der Film stellen viele lebensnahe postmoderne Szenen voller Kontraste,
Paradoxien und Widersprüche dar.
Die Gegenüberstellung der beiden Medien zeigt jedoch, dass
viele Szenen bei der Verfilmung verändert, ausgelassen, ergänzt oder
eingeschoben worden sind. Dabei ist die Darstellung der Figuren sowie ihre Machtverhältnisse
kaum identisch mit denen im Roman. Bei dem Medienwechsel sind Inhalte sowie
künstlerische Eingriffe und Mittel wichtig; wesentlich wichtiger ist es jedoch die
Motivation eines Regisseurs, gewisse Inhalte zu wählen und bestimmte Darstellungsweisen
einzusetzen. Wir möchten untersuchen, welche intermediale und interdiskursive
Überlegungen und Beweggründe den von hier gewählten Strategien zugrunde liegen
und was der Regisseur dadurch erreichen will.
Offensichtlich weiten sich intermediale Spielräume bei so
einer Umstrukturierung aus und eröffnen dem schöpferisch-künstlerischen Talent
enorme Entfaltungsmöglichkeiten. Entscheidend für die Neugestaltung ist oft die
Reflexion über Kontextualisierung und Interpretation. Dabei spielt natürlich
auch die postmoderne, postkoloniale und neokoloniale Ästhetik eine wichtige
Rolle.
5.
Q
& A und Slumdog Millionär
In dem Roman ‚Q & A‘ von Vikas Swarup wird Ram
Mohammad Thomas, der Protagonist, von der Polizei in einem Slum in Mumbai
festgenommen, weil dieser achtzehnjährige Tee-Boy, der nie die Schule besucht
hat, alle Fragen in der Quizshow ‘Wer wird Millionär’ richtig beantwortet und
den höchsten Betrag gewonnen hat. Das geschieht innerhalb von acht Monaten seit
Beginn dieser Show, was den amerikanischen Sponsoren der Show nicht passt. Die amerikanische
Sponsorfirma klagt Ram des Betrugs an, lässt ihn verhaften und will auf jeden
Fall ein Geständnis von Ram erzwingen. Auf dem Polizeirevier wird er verhört
und sogar gefoltert. Eine junge Rechtsanwältin befreit ihn gegen Kaution. Danach
erklärt er ihr, wie er tatsächlich die richtigen Antworten auf mehrere sehr
schwierige Fragen kannte. Er erzählt einige Vorfälle und Ereignisse aus seinem
Leben nach. Zwölf Fragen in der Quizshow und damit zusammenhängende Ausschnitte
aus Rams Leben machen die zentralen zwölf Kapitel des Romans aus.
Das ist eine ideenreiche, fesselnde, humoristische, unterhaltsame Erzählung mit satirischem
aber harmlosem, kritischem aber nicht
bissigem Kommentar.
Im Gegensatz zum Roman scheinen in dem Film ‚Slumdog
Millionär‘ erstaunlicherweise Slumleben und Kriminalität die Hauptthemen zu
sein! Die Slumgegend ist voller Müll- und Misthaufen; ein offenes Gelände
nebenan ist ein Platz, wo die Slumbewohner defäkieren. Im Westen kann nichts
mehr beleidigend und beschämend sein als so eine Szene. Eine noch ekelhaftere
Szene folgt, indem der junge Ram in ein Scheißloch fällt und triefend vor Kot dahinrennt,
um den großen Bollywoodstar Amitabh Bacchan zu sehen. Dieses Bild sah man sogar
auf den Filmplakaten.
Im Gegensatz zum Film kommt in dem Roman der Slum nur
einmal, bei der Verhaftung von Ram vor, wo er damals gerade gewohnt hat. Der Einschub
von diesen dreckigen und ekelhaften Szenen ist gar nicht relevant für die
Entfaltung des Themas oder für Rams Geschichte.
Anstelle der amerikanischen Sponsorfirma spielt in dem
Film der indische Quizmaster, der Moderator Prem Kumar, den Bösewicht. Nicht
nur dass er Ram verspottet und erniedrigt, als dieser im Hotseat vor ihm sitzt.
Es geht sogar soweit, dass er bei der letzten Frage Ram absichtlich einen falschen,
irreführenden Hinweis gibt, um ihn von dem höchsten Gewinn abzuhalten.
In dem Roman ist Ram ein Findling. Er wird am 25.
Dezember als neugeborenes Baby vor der Tür der Saint Mary Church in New Delhi aufgefunden.
Ein Priester in der Kirche erzieht ihn auf und kümmert sich um ihn die ersten
acht Jahre seines Lebens. Dieser Priester hat eine Familie in England und hat
sogar einen Sohn, was er verheimlicht. Der Sohn besucht ihn jedes Jahr regelmäßig,
ohne zu wissen, dass der Priester sein Vater ist. Dieser Sohn ist ein Homosexueller
und hat Beziehung zu Drogenhändlern und Skinnheads mit Lederjacken und Tattoos.
Dieses Geheimnis wird gelüftet und der Priester wird ermordet.
Da beginnt die Odyssee für Ram. Danach muss er oft fliehen,
Unterkünfte verlassen oder er wird hinausgeworfen. Er übernachtet und sammelt
Erfahrungen an verschiedensten Orten und bei verschiedensten Leuten, z. B. bei
einem australischen Diplomaten, bei einer bekannten Bollywood Schauspielerin,
als Nachbar eines Wissenschaftlers usw. Er kommt für einige Zeit auch in ein
Waisenhaus. Dort streiten sich die angesehenen Vertreter von drei wichtigen
Religionen – Christentum, Islam und Hinduismus – darum, wie der Junge genannt
werden sollte. Als Kompromiss erhält er den Namen – Ram Mohammed Thomas! Im
Waisenhaus wird er, zusammen mit noch einem anderen Jungen, von einem
Geschäftsmann aus Mumbai frei gekauft und nach Mumbai gebracht. Der Mann zwingt
die beiden zum Betteln. Vor Angst, dass dieser sie blenden würde, ergreifen die beiden Jungs wieder die Flucht.
Als Ram einmal neben einem alkoholabhängigen
Wissenschaftler wohnt, rettet er dessen Tochter vor sexuellem Missbrauch. Er stößt
den Alkoholiker auf den Balkon, wobei dieser vom Balkon hinabstürzt und auf der
Stelle stirbt. Dann muss Ram wieder fliehen. Die Tochter von dem verstorbenen
Wissenschaftler wird später Rechtsanwältin und rettet Ram, als er nach der
TV-Show verhaftet wird.
In dem Roman erzählt ihr Ram die eigene Geschichte, weil
sie wissen wollte, wie er alle Fragen richtig beantworten konnte. Die beiden
sind sich nach vielen Jahren begegnet, daraus entwickelt sich aber keine
Liebesgeschichte. ‚Slumdog‘ ist dagegen, wie ein üblicher Bollywood-Film, ein
Krimi und zugleich eine Liebesgeschichte. ‚Q & A‘ ist aber weder eine Liebesgeschichte
noch geht es in diesem Roman um die Slumbewohner oder das Slumleben.
Der milde, sachliche und witzige Romantitel ‚Q & A‘
wird zum verhöhnenden Filmtitel ‚Slumdog Millionär‘ umformuliert, der einen an die
Underdogs erinnert.
Auch der Name des Protagonisten ist verändert worden. In
dem Roman heißt der Protagonist Ram Mohammad Thomas und so vertritt alle drei wichtige
Religionen in Indien. In dem Film heisst er aber Jamal, was offensichtlich ein muslimischer
Name ist.
Dazu kommt noch, dass in ‚Slumdog‘ Jamals Mutter bei kommunalen
Ausschreitungen stirbt. Deshalb muss der kleine Jamal mit seinem Bruder Salim und
dem kleinen Nachbarskind Latika vor Todesangst fliehen.
Der religionsneutrale sowie witzige und spaßige Roman wird
in dem Film zum angriffslustigen, bissigen, aufhetzenden Religionskampf, wobei
viele Hütten in Flammen aufgehen und etliche Slumbewohner sterben müssen.
Religiöse Ausschreitungen kommen in dem Roman gar nicht
vor.
In dem Danny Boyle Film verlangen sogar die Quizfragen in
der TV-Show von Jamal, dem muslimischen Jungen, Details über die hinduistischen
Helden wie Shivaji und Ram. Solche im religiösen Zusammenhang brisanten und
hoch empfindlichen Fragen und Szenen sind in den Film eingeschoben worden, die
eigentlich mit der Entwicklung der Geschichte des Protagonisten nichts zu tun
haben.
In dem Film sind alle Stellen über das Christentum, über
Amerika, Australien, England weggelassen worden. Statt der Ausbeutung durch die
amerikanische Firma wird der indische Moderator als unaufrichtig und
hinterlistig dargestellt.
So wird der Stoff des Romans für den Film rekonstruiert
und rekontextualisiert. Die Frage ist, was könnte den Drehbuchautor und den
Regisseur dazu bewegt haben, diese Veränderungen vorzunehmen. Wie wirkt der
Film im Vergleich zu seiner literarischen Vorlage auf einen Rezipienten? Wie
kommt dieser Film bei den Zuschauern und Kritikern an? Von welchen
Organisationen ist der Film ausgezeichnet worden?
Der britisch-amerikanische Film ‘Slumdog Millionär’
(2009) erregte Aufmerksamkeit besonders in Großbritannien und in den USA. Er
wurde mit acht Oskars ausgezeichnet. Außerdem gewann dieser Film einige Preise
wie den Golden Globe, British
Independent Film Award oder BAFTA, Writers’ Guild America, den Europäischen
Filmpreis in der Kategorie des Publikumspreises. Der Regisseur Danny Boyle, der
Drehbuchautor Simon Beaufoy und der Produzent Christian Colson sind für die beste Regie, für das beste
adaptierte Drehbuch bzw. für den
besten Film ausschließlich bei den britisch-amerikanischen Filmfestvalen
mehrfach ausgezeichnet worden.
6.
Zum
Schluss
Ein erzählerischer Film wie ‚Slumdog‘,
hat, nach Christiane Voss (2008), eine merkwürdige Kraft, den Zuschauer
immersiv in seine filmische Welt hineinzuziehen. Solche Immersion wirkt, wie
wir anfangs dargelegt haben, stets anästhesierend. Manche Szenen in diesem Film sind sogar grell, laut und
betäubend. Wie Voss behauptet, ist die Macht und die Reichweite einer
fiktionalen, filmischen Darstellung groß, obwohl dabei die Authentizität oft
fragwürdig bleibt (vgl. ebda).
Wer weder Indien noch den Roman
‚Q & A‘ kennt, wird von der Handlung des ‚Slumdog‘ voll absorbiert. Mit
Berufung auf Welsch kann man sagen, dass bei der Immersion einige Szenen auf
einen westlichen Zuschauer entweder berauschend oder betäubend wirken. Man bleibt empfindungslos und
reflektiert nicht mehr. Der Reflexivitätsverlust bei einem involvierten
Zuschauer kann zu einer Art ‘Anästhetisierung’ führen, wovor Welsch in seiner
Auslegung von den Grundbegriffen des Ästhetischen und Anästhetischen warnt. Oft
wird das Fiktionale oder Simulacre für das Reale gehalten. Durch Eintauchen in
das Fiktionale schlägt der
Ästhetisierungsprozess in Anästhetisierung um. Wenn der Regisseur die
Geschichte der amerikanischen Firma und des Priesters in dem Roman ‚Q & A‘
beibehalten hätte, würde ein Zuschauer aus dem Westen den Film etwas wachsamer
und kritischer aufnehmen.
Dahingegen finden indische
Zuschauer den aus fremder Perspektive projizierten Film perplex und suspekt.
Obwohl sich der Film in Indien abspielt und obwohl er allerlei ‚Gewürze‘ des
Bollywoods anbietet, erweist der Film keine Anziehungskraft in Indien. Der
indische Zuschauer merkt die krasse und offensichtliche Übertreibung bei der
Darstellung von Szenen und die Verstellung von Charakteren und bleibt, im
Gegensatz zu den westlichen Zuschauern und Kritikern, meist unbetroffen und
unbeeindruckt.[4] Interessant wäre in diesem
Zusammenhang den Artikel von Salman Ruschdie vom 13.3.2009 heranzuziehen. Er
hält den Film für “neokolonialen Kitsch” und sagt, dieser Film wäre „zum Davonlaufen“.[5]
Der britische Regisseur sowie
der Drehbuchautor von ‚Slumdog‘ sind ausschließlich bei jeder amerikanischen
und britischen Preisverleihung ausgezeichnet worden. Unseres Erachtens ist ‚Slumdog‘, wie die obige Diskussion herausstellt, ein
klassisches Beispiel, das einen Einblick in die Macht der Repräsentation
und in die kulturhegemoniale Einstellung
gewährt. Der Regisseur scheint bloß die fantastische Grundidee der TV-Show ‘Wer
wird Millionär’ dem Roman entnommen und sie zur Etablierung der kulturellen
Überlegenheit entwickelt zu haben.
Akademische Diskurse der Postmoderne und des
Postkolonialen sollen darauf abzielen, die lang verfestigten Dichotomien wie
West und Ost, entwickelte und Entwicklungsländer, Kolonialmächte und
kolonisierte Länder aufzuheben. Die parallel laufende Strömung des
Neokolonialismus ist jedoch offensichtlich eine Art Fortsetzung des kolonialen
Denkens und Handelns mit anderen Mitteln wie wirtschaftlichen, politischen und,
wie ‚Slumdog‘ erweist, auch kulturell-künstlerischen. Obwohl die gegenwärtigen
Trends zeigen, dass in gewerblicher Wirtschaft und im Außenhandel gegenseitige
Abhängigkeit und strategische Partnerschaften anerkannt werden, bleibt die
Kluft zwischen Ost und West durch solche oben beschriebenen kulturellen und
künstlerischen Eingriffe leider weit offen.
Literaturverzeichnis
1.
Badwe Neeti 2009 : „‘Q & A‘ ani ‚Slumdog‘“,
in Sakal, der Marathi-sprachigen Tageszeitung, am 24/02/2009, editorial page,
Pune, Indien.
2.
Ruschdie, Sulman 2009 : „‘Slumdog Millionär‘ ist zum
Davonlaufen“, in der FAZ, am 13.3.2009. http://www.faz.net/aktuell/slumdog-millionaer-ist-zum-davonlaufen-1919067.html
Zugriff am 21/04/2015.
3.
Swarup,
Vikas 2005 : Q & A, published by Doubleday, USA, 2005, dt : Rupien,
Rupie, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2005.
4. Voss, Christiane 2008 : „Fiktionale
Immersion zwischen Ästhetik und Anästhesierung“, erschienen
in IMAGE 8 (Ausgabe September 2008).
http://www.gib.uni-tuebingen.de/image/ausgaben-3?function=fnArticle&showArticle=126 , Zugriff am 30/10/2014. Siehe auch:
https://www.uniweimar.de/de/medien/professuren/philosophieavmedien/personenkontakt/prof-dr-phil-habil-christiane-voss-vita/
Zugriff am 21/04/2015.
5.
Welsch, Wolfgang
1991 : Unsere Postmoderne Moderne,
Weinheim, 3. Aufl.
6. Welsch, Wolfgang 1996 : „Mein Weg in der Ästhetik“, in Canadian Aesthetics
Journal / Revue canadienne d'esthétique, AE Vol. 1, Spring
1996, S. 3. http://www.uqtr.ca/AE/vol_1/welsch.html, Zugriff am 30/10/2014.
7. Welsch, Wolfgang 2010 : Ästhetisches
Denken. Reclam, Stuttgart 1990, 7.erweiterte Auflage 2010.
[1] Christiane Voss ist Professorin für
Philosophie audiovisueller Medien an der Fakultät Medien der
Bauhaus-Universität Weimar und z. Zt. Vize-Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik (seit Februar 2015)
[2] „Mein
Weg in der Ästhetik”, in Canadian Aesthetics Journal / Revue canadienne
d'esthétique, AE Vol. 1, Spring 1996, S. 3.
[3] Erschien online in Image 8,
September 2008.
[4] In meinem Artikel „Q & A“ und „Slumdog“vom
24.2.2009 in ‚Sakal‘, der lokalen Tageszeitung habe ich den Roman und den Film
inhaltlich verglichen und auf den neokolonialistischen Trend bei der
Umstrukturierung des Stoffes hingewiesen. Viele Leser haben ganz spontan und
begeistert darauf reagiert und gemeint, ihnen wurde es erst jetzt klar, warum
sie den Film gar nicht gut fanden. Als Beispiel Siehe: http://orkut.google.com/c55042320-te93ac47e7b66095f.html
[5] „“Slumdog Millionär“ ist zum Davonlaufen“
von Sulman Ruschdie, erschienen am 13.3.2009, in der FAZ.
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