Von ‚Q & A‘ zu ‚Slumdog Millionäre‘ : Ästhetik des Intermedialen oder Neokolonialen?


Prof. Dr. Neeti Badwe, Pune, Indien

Von ‚Q & A‘ zu ‚Slumdog Millionäre‘ :
Ästhetik des Intermedialen oder Neokolonialen?
Presented : Dec. 2014, Mumbai; published : Peter Lang, Berlin, 2018, P. 333-339

Abstract
This article is broadly divided in three parts : The first part deals with the relevant terminology of the postmodern and medial aesthetics by Wolfgang Welsch and the concept of ‘fictional immersion’ in film appreciation by Chriatiane Voss.
The second and the main part of this article discusses intermedial aspects and strategies at length while analysing Vikas Wsarup’s novel ‘Q & A’ and its adaptation in the film ‘Slumdog Millionaire’. The third and the final part will draw some cunclusions and present comments of the author on the postmodern and medial aesthetics, ‘fictional immersion’ as well as neocolonial aspects of the film adaptation.

Abstract
Dieser Aufsatz hat drei Schwerpunkte : Eine kurze Besprechung der relevanten Termini in der Ästhetik der Postmoderne und der medialen Ästhetik bei Wolfgang Welsch sowie der Filmrezeption bei Christiane Voss bilden den ersten Teil.
Im Hauptteil erfolgt eine ausführliche Diskussion über Intermedialität am Beispiel des Romans Q & A und dessen Adaption in dem Film Slumdog Millionäre. Der dritte und letzte Teil bietet ein kurzes Fazit zur fiktionalen Immersion sowie die Stellungnahme des Autors zur intermedialen Ästhetik der Postmoderne und des Neokolonialen.
1.      Einführung
Die hiermit angeschnittene Problematik steht an der Schnittstelle von diversen, gegenwärtig relevanten Diskursen. Sie fordert Berücksichtigung und Besprechung von ästhetischen Aspekten im Bereich der Postmoderne, des Intermedialen, des Postkolonialen, und des Neokolonialen. Im Folgenden möchten wir uns hauptsächlich auf die Auslegung der postmodernen Ästhetik von Wolfgang Welsch und der Filmrezeption von Christiane Voss[1] beschränken.
2.      Relevante Termini bei Welsch
Wolfgang Welsch setzt sich mit der Ästhetik nicht nur im kunst-philosophischen Bereich auseinander, sondern hebt ihre gesellschaftliche Funktion hervor. Seine gegenwarts- und weltbezogene Ästhetik schließt „die Ästhetik der Raumgestaltung, der Metropolis, Ästhetik des Face-Lifting von Städten, der digitalen Medien“  usw. ein (vgl. 2010 : 13). Die Ästhetik wird auf diese Weise zu einem wichtigen Medium, unsere Umgebung zu verstehen (vgl. Welsch 2010 : Vorwort 7).
Die Verengung des Begriffs der Ästhetik in den letzten Jahrhunderten auf den Bereich der Kunst und des Schönen will Welsch rückgängig machen und die Ästhetik als Aisthesis mit ihrer Doppeldeutigkeit verstehen : Empfindung und Wahrnehmung, Gefühl und Erkenntnis, Sensation und Perzeption (vgl. Welsch 2010 : 9 und 11). Er will den Begriff der Ästhetik „als die Thematisierung der Wahrnehmung aller Art“ (Welsch 2010 : 9 f.) verstehen. Dazu zählt er die sinnenhafte ebenso geistige, alltägliche wie sublime, lebensweltliche wie künstlerische Wahrnehmung (vgl. ebda). Folglich bezieht sich Welsch nicht nur auf Malerei, sondern führt viel mehr erhellende Beispiele aus der architektonischen sowie medialen Umwelt an.
In seiner theoretischen Auslegung bringt Welsch interessanterweise den Begriff der ‚Anästhetik’ als die Kehrseite (aber nicht als Gegensatz) von Ästhetik ins Spiel und setzt  sich neben der Ästhetik auch mit der Anästhetik als einem Grundbegriff auseinander. Unter Anästhetik versteht er einen Zustand, „wo die Empfindungsfähigkeit aufgehoben wird“ (Welsch 2010 : 10). Er konstatiert, dass anstelle der Ästhetisierung in der Moderne die postmoderne Ästhetik durch das Wechselspiel von Ästhetik und Anästhetik gekennzeichnet ist (vgl. 2010 : Vorwort S. 7).
Die Grundthese von Welsch lautet : „Ästhetisierung (…) erfolgt als Anästhetisierung“ (Welsch 2010 : 14). Diese erläutert er mit zahlreichen Beispielen, u.a. auch aus dem medialen Bereich.
Welsch meint, durch die architektonische Ästhetisierung wirken z. B. die Einkaufszentren eintönig (vgl. Welsch 2010 : 15). Durch die „konsum-inszenatorischen Dekorationsbauten“ wird man „systematisch desensibilisiert“ (vgl. Welsch 2010 : 14). Durch die „telekommunikative Totalausrüstung“ entwickeln sich die Menschen zu „televisionären Monolithen“ (Welsch 2010 : 16). Dabei werden sie zunehmend „kontakt- und fühllos” gegenüber der eigentlichen, „konkreten“ Wirklichkeit (vgl. ebda). Welsch sagt, die Medienwelt löst die Wirklichkeit durch ihre simulatorische Überbietung ab (vgl. Welsch 2010 : 16). Er meint, „die Bildlichkeit dieser medialen Welt enthält (…) drastische Anästhetisierungspotentiale“ (Welsch 2010 : 15). Welsch konstatiert, dass die ästhetische Animation qua Narkose geschieht – als Rausch und als Betäubung (vgl. Welsch 2010 : 14). In dem im Canadian Aesthetics Journal[2] erschienenen  Artikel „Mein Weg in der Ästhetik“ behauptet Welsch, dass wir uns heute in den „globalen Ästhetisierungsprozessen“ befinden und weist zugleich „auf die Gefahren eines Umschlags von Ästhetisierung in Anästhetisierung“ hin.
Seinem ästhetischen Verständnis nach sollen postmoderne Ästhetiken in diversen Lebensformen verwirklicht werden. Die postmoderne  Kunst soll „das Kommende wahrnehmen und  Lebensformen entwerfen“ (vgl. 1991 : 89). Das erläutert er weiter (Welsch 1991 : 194) :
Die Merkmale der Postmoderne wie Fragmentierung, Szenenwechsel, Kombination des Diversen, Geschmack an Irritation sind heute im Alltag überall zu beobachten - von der Medienkultur über die Werbung bis zum Privatleben. Die Inkommensurabilität gehört zur Wirklichkeit der Postmoderne.

Obwohl Welsch sich nicht ausdrücklich mit dem Medium Film beschäftigt, legt er nahe, dass die Ästhetik der Wahrnehmung sowie die Ästhetisierungs- und Anästhetisierungsprozesse jeglicher Rezeptionsart und Kritik zugrunde liegen.
3.      Ästhetische Theorie und Filmrezeption
Christiane Voss unterscheidet zwei Arten der Filmrezeption in ihrem Essay „Fiktionale Immersion zwischen Ästhetik und Anästhetisierung“ (Voss, Christiane 2008) .[3] Sie stellt die immersive Filmrezeption und  philosophische Theorien ästhetischer Erfahrung einander gegenüber. Ihrer Meinung nach besteht die  Wirkungsmacht der narrativen Filme in der „Evidenz des ‚es ist so‘“ (ebda). M.a.W. der Realitätseindruck entsteht bei solchen Filmen durchs „Eintauchen in den Film“, das Voss als „fiktionale Immersion“ bezeichnet.
Ihrer Meinung nach ist dies u.a. ein Grund dafür, „warum die Filmästhetiken in der Philosophie heute eher eine Randerscheinung sind“. Der Reflexivitätsverlust bei einem involvierten Zuschauer kann zu einer Art ‚Anästhetisierung‘, Betäubung oder Empfindungslosigkeit führen, wovor Welsch in seiner Auslegung von Grundbegriffen des Ästhetischen und Anästhetischen warnt. Oft wird das Fiktionale fürs Reale gehalten. Trotz der Tendenz der ästhetischen Theorien, die affektive Evidenzerfahrung zu thematisieren, so Christiane Voss, „bilden die primär aesthetischen und erst recht anästhetischen Erlebnisdimensionen so etwas wie den Bodensatz aller Ästhetiken“ (ebda).
4.      Überlegungen und Beweggründe bei der Umstrukturierung
Im Folgenden setzen wir uns mit der intermedialen Umstrukturierung des Deburomans ‚Q & A‘ von Vikas Swarup, einem indischen Diplomaten, in den Film ‚Slumdog Millionär‘ auseinander. Dieser Film ist eine interessante Mischung von Hollywood und Bollywood. Er spielt in der Megacity Mumbai, in der Millionen-Megapolis, einem Schmelztiegel, der als repräsentativ für die bunte indische Kultur mit ihren krassen Unterschieden gilt. Der Originalroman sowie der Film stellen viele lebensnahe postmoderne Szenen voller Kontraste, Paradoxien und Widersprüche dar.
Die Gegenüberstellung der beiden Medien zeigt jedoch, dass viele Szenen bei der Verfilmung verändert, ausgelassen, ergänzt oder eingeschoben worden sind. Dabei ist die Darstellung der Figuren sowie ihre Machtverhältnisse kaum identisch mit denen im Roman. Bei dem Medienwechsel sind Inhalte sowie künstlerische Eingriffe und Mittel wichtig; wesentlich wichtiger ist es jedoch die Motivation eines Regisseurs, gewisse Inhalte zu wählen und bestimmte Darstellungsweisen einzusetzen. Wir möchten untersuchen, welche intermediale und interdiskursive Überlegungen und Beweggründe den von hier gewählten Strategien zugrunde liegen und was der Regisseur dadurch erreichen will.  
Offensichtlich weiten sich intermediale Spielräume bei so einer Umstrukturierung aus und eröffnen dem schöpferisch-künstlerischen Talent enorme Entfaltungsmöglichkeiten. Entscheidend für die Neugestaltung ist oft die Reflexion über Kontextualisierung und Interpretation. Dabei spielt natürlich auch die postmoderne, postkoloniale und neokoloniale Ästhetik eine wichtige Rolle.
5.      Q & A und Slumdog Millionär
In dem Roman ‚Q & A‘ von Vikas Swarup wird Ram Mohammad Thomas, der Protagonist, von der Polizei in einem Slum in Mumbai festgenommen, weil dieser achtzehnjährige Tee-Boy, der nie die Schule besucht hat, alle Fragen in der Quizshow ‘Wer wird Millionär’ richtig beantwortet und den höchsten Betrag gewonnen hat. Das geschieht innerhalb von acht Monaten seit Beginn dieser Show, was den amerikanischen Sponsoren der Show nicht passt. Die amerikanische Sponsorfirma klagt Ram des Betrugs an, lässt ihn verhaften und will auf jeden Fall ein Geständnis von Ram erzwingen. Auf dem Polizeirevier wird er verhört und sogar gefoltert. Eine junge Rechtsanwältin befreit ihn gegen Kaution. Danach erklärt er ihr, wie er tatsächlich die richtigen Antworten auf mehrere sehr schwierige Fragen kannte. Er erzählt einige Vorfälle und Ereignisse aus seinem Leben nach. Zwölf Fragen in der Quizshow und damit zusammenhängende Ausschnitte aus Rams Leben machen die zentralen zwölf Kapitel des Romans aus.
Das ist eine ideenreiche, fesselnde,  humoristische, unterhaltsame Erzählung mit satirischem aber harmlosem, kritischem  aber nicht bissigem Kommentar.
Im Gegensatz zum Roman scheinen in dem Film ‚Slumdog Millionär‘ erstaunlicherweise Slumleben und Kriminalität die Hauptthemen zu sein! Die Slumgegend ist voller Müll- und Misthaufen; ein offenes Gelände nebenan ist ein Platz, wo die Slumbewohner defäkieren. Im Westen kann nichts mehr beleidigend und beschämend sein als so eine Szene. Eine noch ekelhaftere Szene folgt, indem der junge Ram in ein Scheißloch fällt und triefend vor Kot dahinrennt, um den großen Bollywoodstar Amitabh Bacchan zu sehen. Dieses Bild sah man sogar auf den Filmplakaten.
Im Gegensatz zum Film kommt in dem Roman der Slum nur einmal, bei der Verhaftung von Ram vor, wo er damals gerade gewohnt hat. Der Einschub von diesen dreckigen und ekelhaften Szenen ist gar nicht relevant für die Entfaltung des Themas oder für Rams Geschichte.
Anstelle der amerikanischen Sponsorfirma spielt in dem Film der indische Quizmaster, der Moderator Prem Kumar, den Bösewicht. Nicht nur dass er Ram verspottet und erniedrigt, als dieser im Hotseat vor ihm sitzt. Es geht sogar soweit, dass er bei der letzten Frage Ram absichtlich einen falschen, irreführenden Hinweis gibt, um ihn von dem höchsten Gewinn abzuhalten.
In dem Roman ist Ram ein Findling. Er wird am 25. Dezember als neugeborenes Baby vor der Tür der Saint Mary Church in New Delhi aufgefunden. Ein Priester in der Kirche erzieht ihn auf und kümmert sich um ihn die ersten acht Jahre seines Lebens. Dieser Priester hat eine Familie in England und hat sogar einen Sohn, was er verheimlicht. Der Sohn besucht ihn jedes Jahr regelmäßig, ohne zu wissen, dass der Priester sein Vater ist. Dieser Sohn ist ein Homosexueller und hat Beziehung zu Drogenhändlern und Skinnheads mit Lederjacken und Tattoos. Dieses Geheimnis wird gelüftet und der Priester wird ermordet.
Da beginnt die Odyssee für Ram. Danach muss er oft fliehen, Unterkünfte verlassen oder er wird hinausgeworfen. Er übernachtet und sammelt Erfahrungen an verschiedensten Orten und bei verschiedensten Leuten, z. B. bei einem australischen Diplomaten, bei einer bekannten Bollywood Schauspielerin, als Nachbar eines Wissenschaftlers usw. Er kommt für einige Zeit auch in ein Waisenhaus. Dort streiten sich die angesehenen Vertreter von drei wichtigen Religionen – Christentum, Islam und Hinduismus – darum, wie der Junge genannt werden sollte. Als Kompromiss erhält er den Namen – Ram Mohammed Thomas! Im Waisenhaus wird er, zusammen mit noch einem anderen Jungen, von einem Geschäftsmann aus Mumbai frei gekauft und nach Mumbai gebracht. Der Mann zwingt die beiden zum Betteln. Vor Angst, dass dieser sie blenden würde, ergreifen die beiden Jungs wieder die Flucht.
Als Ram einmal neben einem alkoholabhängigen Wissenschaftler wohnt, rettet er dessen Tochter vor sexuellem Missbrauch. Er stößt den Alkoholiker auf den Balkon, wobei dieser vom Balkon hinabstürzt und auf der Stelle stirbt. Dann muss Ram wieder fliehen. Die Tochter von dem verstorbenen Wissenschaftler wird später Rechtsanwältin und rettet Ram, als er nach der TV-Show verhaftet wird.
In dem Roman erzählt ihr Ram die eigene Geschichte, weil sie wissen wollte, wie er alle Fragen richtig beantworten konnte. Die beiden sind sich nach vielen Jahren begegnet, daraus entwickelt sich aber keine Liebesgeschichte. ‚Slumdog‘ ist dagegen, wie ein üblicher Bollywood-Film, ein Krimi und zugleich eine Liebesgeschichte. ‚Q & A‘ ist aber weder eine Liebesgeschichte noch geht es in diesem Roman um die Slumbewohner oder das Slumleben.
Der milde, sachliche und witzige Romantitel ‚Q & A‘ wird zum verhöhnenden Filmtitel ‚Slumdog Millionär‘ umformuliert, der einen an die Underdogs erinnert.
Auch der Name des Protagonisten ist verändert worden. In dem Roman heißt der Protagonist Ram Mohammad Thomas und so vertritt alle drei wichtige Religionen in Indien. In dem Film heisst er aber Jamal, was offensichtlich ein muslimischer Name ist.
Dazu kommt noch, dass in ‚Slumdog‘ Jamals Mutter bei kommunalen Ausschreitungen stirbt. Deshalb muss der kleine Jamal mit seinem Bruder Salim und dem kleinen Nachbarskind Latika vor Todesangst fliehen.
Der religionsneutrale sowie witzige und spaßige Roman wird in dem Film zum angriffslustigen, bissigen, aufhetzenden Religionskampf, wobei viele Hütten in Flammen aufgehen und etliche Slumbewohner sterben müssen.
Religiöse Ausschreitungen kommen in dem Roman gar nicht vor.
In dem Danny Boyle Film verlangen sogar die Quizfragen in der TV-Show von Jamal, dem muslimischen Jungen, Details über die hinduistischen Helden wie Shivaji und Ram. Solche im religiösen Zusammenhang brisanten und hoch empfindlichen Fragen und Szenen sind in den Film eingeschoben worden, die eigentlich mit der Entwicklung der Geschichte des Protagonisten nichts zu tun haben.
In dem Film sind alle Stellen über das Christentum, über Amerika, Australien, England weggelassen worden. Statt der Ausbeutung durch die amerikanische Firma wird der indische Moderator als unaufrichtig und hinterlistig dargestellt.
So wird der Stoff des Romans für den Film rekonstruiert und rekontextualisiert. Die Frage ist, was könnte den Drehbuchautor und den Regisseur dazu bewegt haben, diese Veränderungen vorzunehmen. Wie wirkt der Film im Vergleich zu seiner literarischen Vorlage auf einen Rezipienten? Wie kommt dieser Film bei den Zuschauern und Kritikern an? Von welchen Organisationen ist der Film ausgezeichnet worden?
Der britisch-amerikanische Film ‘Slumdog Millionär’ (2009) erregte Aufmerksamkeit besonders in Großbritannien und in den USA. Er wurde mit acht Oskars ausgezeichnet. Außerdem gewann dieser Film einige Preise wie den Golden Globe,  British Independent Film Award oder BAFTA, Writers’ Guild America, den Europäischen Filmpreis in der Kategorie des Publikumspreises. Der Regisseur Danny Boyle, der Drehbuchautor Simon Beaufoy  und der Produzent Christian Colson sind für die beste Regie, für das beste adaptierte Drehbuch bzw. für den besten Film ausschließlich bei den britisch-amerikanischen Filmfestvalen mehrfach ausgezeichnet worden.  
6.      Zum Schluss
Ein erzählerischer Film wie ‚Slumdog‘, hat, nach Christiane Voss (2008), eine merkwürdige Kraft, den Zuschauer immersiv in seine filmische Welt hineinzuziehen. Solche Immersion wirkt, wie wir anfangs dargelegt haben, stets anästhesierend. Manche Szenen in diesem Film sind sogar grell, laut und betäubend. Wie Voss behauptet, ist die Macht und die Reichweite einer fiktionalen, filmischen Darstellung groß, obwohl dabei die Authentizität oft fragwürdig bleibt (vgl. ebda).
Wer weder Indien noch den Roman ‚Q & A‘ kennt, wird von der Handlung des ‚Slumdog‘ voll absorbiert. Mit Berufung auf Welsch kann man sagen, dass bei der Immersion einige Szenen auf einen westlichen Zuschauer entweder berauschend oder betäubend  wirken. Man bleibt empfindungslos und reflektiert nicht mehr. Der Reflexivitätsverlust bei einem involvierten Zuschauer kann zu einer Art ‘Anästhetisierung’ führen, wovor Welsch in seiner Auslegung von den Grundbegriffen des Ästhetischen und Anästhetischen warnt. Oft wird das Fiktionale oder Simulacre für das Reale gehalten. Durch Eintauchen in das Fiktionale schlägt der Ästhetisierungsprozess in Anästhetisierung um. Wenn der Regisseur die Geschichte der amerikanischen Firma und des Priesters in dem Roman ‚Q & A‘ beibehalten hätte, würde ein Zuschauer aus dem Westen den Film etwas wachsamer und kritischer aufnehmen.
Dahingegen finden indische Zuschauer den aus fremder Perspektive projizierten Film perplex und suspekt. Obwohl sich der Film in Indien abspielt und obwohl er allerlei ‚Gewürze‘ des Bollywoods anbietet, erweist der Film keine Anziehungskraft in Indien. Der indische Zuschauer merkt die krasse und offensichtliche Übertreibung bei der Darstellung von Szenen und die Verstellung von Charakteren und bleibt, im Gegensatz zu den westlichen Zuschauern und Kritikern, meist unbetroffen und unbeeindruckt.[4] Interessant wäre in diesem Zusammenhang den Artikel von Salman Ruschdie vom 13.3.2009 heranzuziehen. Er hält den Film für “neokolonialen Kitsch” und sagt, dieser Film wäre „zum Davonlaufen“.[5]
Der britische Regisseur sowie der Drehbuchautor von ‚Slumdog‘ sind ausschließlich bei jeder amerikanischen und britischen Preisverleihung ausgezeichnet worden. Unseres Erachtens ist ‚Slumdog‘, wie die obige Diskussion herausstellt, ein klassisches Beispiel, das einen Einblick in die Macht der Repräsentation und  in die kulturhegemoniale Einstellung gewährt. Der Regisseur scheint bloß die fantastische Grundidee der TV-Show ‘Wer wird Millionär’ dem Roman entnommen und sie zur Etablierung der kulturellen Überlegenheit entwickelt zu haben.
Akademische Diskurse der Postmoderne und des Postkolonialen sollen darauf abzielen, die lang verfestigten Dichotomien wie West und Ost, entwickelte und Entwicklungsländer, Kolonialmächte und kolonisierte Länder aufzuheben. Die parallel laufende Strömung des Neokolonialismus ist jedoch offensichtlich eine Art Fortsetzung des kolonialen Denkens und Handelns mit anderen Mitteln wie wirtschaftlichen, politischen und, wie ‚Slumdog‘ erweist, auch kulturell-künstlerischen. Obwohl die gegenwärtigen Trends zeigen, dass in gewerblicher Wirtschaft und im Außenhandel gegenseitige Abhängigkeit und strategische Partnerschaften anerkannt werden, bleibt die Kluft zwischen Ost und West durch solche oben beschriebenen kulturellen und künstlerischen Eingriffe leider weit offen.
Literaturverzeichnis
1.      Badwe Neeti 2009 : „‘Q & A‘ ani ‚Slumdog‘“, in Sakal, der Marathi-sprachigen Tageszeitung, am 24/02/2009, editorial page, Pune, Indien.
2.      Ruschdie, Sulman 2009 : „‘Slumdog Millionär‘ ist zum Davonlaufen“, in der FAZ, am 13.3.2009. http://www.faz.net/aktuell/slumdog-millionaer-ist-zum-davonlaufen-1919067.html
Zugriff am 21/04/2015.
3.      Swarup, Vikas 2005 : Q & A, published by Doubleday, USA, 2005, dt : Rupien, Rupie, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2005.
4.      Voss, Christiane 2008 : „Fiktionale Immersion zwischen Ästhetik und Anästhesierung“, erschienen in IMAGE 8 (Ausgabe September 2008).
5.      Welsch, Wolfgang 1991 : Unsere Postmoderne Moderne, Weinheim, 3. Aufl.
6.      Welsch, Wolfgang 1996 : „Mein Weg in der Ästhetik“, in Canadian Aesthetics Journal / Revue canadienne d'esthétique, AE Vol. 1, Spring 1996, S. 3.  http://www.uqtr.ca/AE/vol_1/welsch.html, Zugriff  am 30/10/2014.
7.      Welsch, Wolfgang 2010 : Ästhetisches Denken. Reclam, Stuttgart 1990, 7.erweiterte Auflage 2010.


[1] Christiane Voss ist Professorin für Philosophie audiovisueller Medien an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar und z. Zt. Vize-Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik (seit Februar 2015)
[2] „Mein Weg in der Ästhetik”, in Canadian Aesthetics Journal / Revue canadienne d'esthétique, AE Vol. 1, Spring 1996, S. 3.
[3] Erschien online in Image 8, September 2008.
[4] In meinem Artikel „Q & A“ und „Slumdog“vom 24.2.2009 in ‚Sakal‘, der lokalen Tageszeitung habe ich den Roman und den Film inhaltlich verglichen und auf den neokolonialistischen Trend bei der Umstrukturierung des Stoffes hingewiesen. Viele Leser haben ganz spontan und begeistert darauf reagiert und gemeint, ihnen wurde es erst jetzt klar, warum sie den Film gar nicht gut fanden. Als Beispiel Siehe: http://orkut.google.com/c55042320-te93ac47e7b66095f.html    

[5] „“Slumdog Millionär“ ist zum Davonlaufen“ von Sulman Ruschdie, erschienen am 13.3.2009, in der FAZ.

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