Zur Praxisrelevanz der interkulturellen Germanistik im Zeitalter der Wissens- und Dienstleistungsindustrie


Prof. Dr. Neeti Badwe
Zur Praxisrelevanz der interkulturellen Germanistik im Zeitalter der Wissens- und Dienstleistungsindustrie
Präsentiert : 2007 in Tampere, Finnland; erschienen : GIG-Tagungsband, 2008

Stichworte : Das Zeitalter der Wissens- und Dienstleistungsindustrie, Indisch-deutsche Beziehung, Status der Sprachen, Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft, Globalisierung und Praxisorientierte Interkulturelle Germanistik

1  Das Zeitalter der Wissens- und Dienstleistungsindustrie

    Wenn wir uns umschauen und unsere Lebensbedingungen um die Wende des Millenniums etwas näher betrachten, dann fällt vor allem das veränderte Verhältnis zwischen Zeit- und Räumlichkeit auf. Heute werden riesig große Entfernungen in rapiden Sprüngen mit rasanter Geschwindigkeit in minimaler Zeitspanne zurückgelegt. Die elektronische Revolution und digitale Technologie ermöglichen eine schnelle globale Konnektivität, schnellen Zugang zur Information, effiziente Transportations- und logistische Einrichtungen. Obwohl diese Schrumpfung der physischen und geographischen Entfernung für die Globalisierung kennzeichnend ist, wird sie vor allem durch die schnelle Übermittlung des Wissens und Kapitals manifest. Globalisierung ist eine räumlich ausgerichtete horizontale Bewegung, die einen zwangsläufig mitreißt. Omnipräsente elektronische Medien und Kommunikationstechnologie, digitale Geräte und virtueller Raum haben den Menschen in Besitz genommen.
     In der postindustriellen Ära des Spätkapitalismus mit ständig ansteigendem Konsum werden sogar Kunst und Bildung kommodifiziert und als Verbrauchsprodukte verkauft. Unternehmen suchen fortwährend nach weltweiten Destinationen für Investitionen und erobern neue internationale Marktlandschaften. Umfang und Umsatz der Unternehmen werden durch professionelles, internationales Networking erhöht. Zusammenschlüsse und Übernahmen von Firmen machen jeden Tag Schlagzeilen. Kollaboration statt Konkurrenz ist der Slogan der Zeit und Interdependenz statt Dominanz ist die Strategie. Schlüsselbegriffe der Industriellen Revolution, wie maschinelle Massenproduktion und Klassenkampf, sind nicht mehr relevant.
     In den früheren Jahrhunderten der Industrialisierung zählten Vertrieb und Handel zu den wichtigsten Wirtschaftsbranchen. Im elektronischen Zeitalter hat die Verarbeitung der Informationslawinen den wichtigsten Platz auf dem Weltmarkt eingenommen und ein neues Universum unendlicher Beschäftigungs- und Erwerbsmöglichkeiten eröffnet. Informationen werden zuerst zu Wissen verarbeitet und dieses Wissen wird dann wiederum elektronisch umgesetzt, vermittelt, transferiert. Dadurch entstehen immer mehr dynamische Geschäftssektoren in der Wissens- und Dienstleistungsindustrie. Die Wirtschaft wird heute viel mehr durch Ideen und Wissen als durch materielle Mittel getrieben. Bildungsinstitutionen, IT-Firmen, BPOs (Business Process Outsourcing) usw. konstituieren diese Wissensindustrie, die für die Informationsverarbeitung sowie für Generierung und Vertrieb von Wissen sorgt. Es werden mit neuester Kommunikationstechnologie ausgestattete Wissens-Parks mit Wissens-Arbeitern und Wissens-Management gegründet.
     'Intelligente Produktion' erlebt auch in Indien einen großen Aufschwung. "Indiens Stärke ist die Serviceindustrie, deren Anteil über 50% am Bruttosozialprodukt beträgt" (Schmidt 2007, S. 12f.). Die Dienstleistungsindustrie wird auch in Deutschland als Boombranche bezeichnet (vgl. Spiegel Online 2007). Auch in Finnland beträgt die Dienstleistungsindustrie 65,7% des Bruttoinlandprodukts.
     Die letzten zwei Jahrzehnte sind durch Ideen- und Firmenexplosionen gekennzeichnet. Heute macht z.B. Warenproduktion und Warenhandel (Agrarprodukte, Ingenieurwesen, Maschinenbau, Pharma- und Automobilindustrie etc.) fast nur ein Drittel des Bruttoinlandprodukts[1] der USA aus, während zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts durch die Dienstleistungsindustrien generiert werden: Bankenwesen, Börse, Finanzanalyse, Versicherungen, Gastronomie und Touristik, Reisen, Luftverkehr, Bildung, Werbung, Outsourcing, BPOs (Business process outcourcing), KPOs (knowledge process outcourcing), Tele-Medizin, Unterhaltung und Media, Kunst, Logistik und Transport, Courier-Service, Telekommunikation, Datenverarbeitung, Entwicklung von Softwareprogrammen und -lösungen, Chip-designing, Innen- und Landschaftsarchitektur, Betriebswirtschaft. Juristische Dienstleistungen, Retail/Einzel- und Großhandel, Gesundheitswesen und Krankenversicherung, Umweltinitiativen, Socialmarketing, NGOs, Waste management, Headhunting und recruitment, Rentals und Leasing etc. sind weitere Branchen der Dienstleistungsindustrie. In diesen neu entwickelten Dienstleistungsbereichen sind viele wissensbasierte Fertigkeiten gefragt, welche sowohl branchenübergreifend sind als auch überall gebraucht werden.
     Die gegenwärtige Wirtschaftsentwicklung hat das tradionelle Verständnis der Umwelt auf den Kopf gestellt. Früher wollte man langjährige Strategien entwickeln und einsetzen. Heute sind alle Strategien kurzlebig und ändern sich rasch. Das Lokale und Einheimische bildet nicht mehr den Grundsatz der wirtschaftlichen Entwicklung. Importieren von Waren ist kein Hindernis mehr für das Wirtschaftswachstum und das Bruttoinlandprodukt. Früher brachte starke Währung der Nation viel Prestige ein und galt als ein wichtiger Parameter des Wirtschaftswachstums. Heute ist es eher umgekehrt: Eine Aufwertung der indischen Rupie oder des japanischen Jen verursacht Unruhe und Sorge im Inland sowie im Ausland. Ein überbevölkertes Land wie Indien wird gerade durch diese Tatsache plötzlich zur attraktiven Destination für Geldanlagen und Vermarktung.

2  Indisch-deutsche Beziehung

     Vor diesem Hintergrund und in Hinblick auf die heutige Relevanz der interkulturellen Germanistik wäre es hier angebracht, die Beziehung zwischen Indien und Deutschland etwas näher zu betrachten.
     Bis fast vor einem Jahrzehnt galt Indien als ein Land mit einer klassischen alten Sprache und Literatur (Sanskrit) und wurde als kolonisiertes, subordiniertes, ausgebeutetes, armes, unterentwickeltes Land der sogenannten Dritten Welt angesehen. Wenn man sich überhaupt für Indien interessierte, dann war es wegen der tausende Jahre alten Mythologie und Epen. In den 1950er Jahren, gleich nach der Erlangung der Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft, verließ sich Indien auf deutsche Technologie und technisches Know-How für die Entwicklung der Schwerindustrie. Metall-, Maschinenbau-, Chemieindustrie gehören zu den alten deutschen Kollaborationen und Niederlassungen in Indien. Anzubieten hatte Indien in den 1970er und 80er Jahren traditionelle Philosophie, spirituelle Gurus, Yoga und Meditation, medizinische Pflanzen und Kräuter und selbstverständlich auch Strände in Goa, die durch die Hippies und den 'Hare Rama Hare Krischna'-Kult bekannt wurden. Erst mit dem Advent des elekronischen Zeitalters und dem Aufstieg der IT-Branche in den 1990er Jahren gewann Indien an Bedeutung. Indien wird heute nicht nur als eine günstige Investitionsdestination, sondern auch als Investor angesehen. Es werden nicht nur indische Firmen von den europäischen übernommen, sondern auch umgekehrt.[2] Indien wird nun als Partnerland[3], als neue Nuklearmacht, als ein wichtiger Spieler im IT-Bereich sowie – wie Angela Merkel[4] neulich bemerkte – als die größte plurilinguale, multikulturelle Demokratie der Welt anerkannt. Das Jahr 2006 zeugte von einem intensiven politischen Dialog und einer fruchtbaren Interaktion zwischen Indien und Deutschland wie nie zuvor. Seit 2007, als Deutschland den Vorsitz der EU übernommen hatte, ist eine noch engere Interaktion zu beobachten.
    Indien und Deutschland wollen in den kommenden Jahren ihre Kooperation auf den Bereich des Handels, der Technologie und Wissenschaften; aber vor allem der alternativen Energie erweitern und Zusammenarbeit zwischen den kleineren und mittleren Firmen zunehmend fördern (German News 2006, S. 6ff.). Die Interaktion zwischen diesen beiden Ländern ist intensiver und multidimensionaler geworden und hat zur engeren Zusammenarbeit in weiteren diversen Bereichen geführt.
     Diese Entwicklungen haben zwei Wege für eine Kooperation eröffnet: Erstens durch das Interesse an der Kunst und an den populären Kulturen, die den Westen erreicht haben und zweitens durch die neue Firmen- und Businesskultur. Über einzelne Initiativen hinaus ist bei den Kooperationen und Handelsbeziehungen eine allgemeine Veränderung in der Einstellung der europäischen Länder gegenüber Indien festzustellen.
     Fast ein halbes Jahrhundert nach der Gründung des selbständigen indischen Staates konnte Indien allmählich den eigenen Status und die Perspektive der Anderen‘ ändern. Mit diesen günstigen Voraussetzungen kann man nun auf eine bilaterale Interaktion und interkulturelle Transaktion im eigentlichen Sinn hoffen. Man muss allerdings daran denken, dass auch postmodere und postkoloniale Sicht- und Denkweisen zur Neuordung und Neu-Aufteilung der globarisierenden Welt Wesentliches beigetragen haben.

3  Status der Sprachen

     Was für eine Bedeutung haben die neueren Entwicklungen zwischen Indien und Deutschland für das Deutsch- und Germanistikstudium in Indien? Oder verallgemeinert kann man fragen: Welche Chancen hat ein philologisches Studium in dieser schrumpfenden Welt mit unendlichen Möglichkeiten und intangiblen kommodifizierten Bildern? Was ist der Status der Sprachen und Fremdsprachen in der digitalisierten und globalisierten Welt? Sind linguistische Differenzen am Verschwinden und werden kulturelle Identitäten durch die Invasion von Jeans, McDonalds, Coca Cola, PCs, Handys und englischer Sprache gelöscht?
     Englisch erscheint die globale lingua franca zu sein, ihr Gebrauch ist jedoch auf gewisse Bereiche beschränkt. Englisch ist weder die Sprache der Massen in Europa noch in Südamerika, noch im nordwestlichen Afrika, noch in China, Japan oder Russland. Englisch kann nicht mehr (wie in früheren Epochen) seine linguistische Hegemonie behaupten und damit einen imperialen Anspruch verbinden. Für Geschäftsbeziehungen ist das Englische von Nutzen, für die Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Regionalsprache jedoch unerlässlich. Englisch mag wohl die Sprache der virtuellen und kommerziellen Wirklichkeit sein, die Sprache der bodenfesten Alltagsrealität bleibt jedoch die eigene, die jeweilige Muttersprache.
     Die neue Weltordung ist pluralistisch. Sie besteht viel mehr aus einem Nebeneinander, einem 'Sowohl-Als-Auch', ohne unbedingt Altes durch Neues und Eigenes durch Fremdes zu ersetzen. Man denkt nicht mehr nur in Kontrasten und Gegensätzen. Heute werden die nationalen und geographischen Grenzen schnell und problemlos überquert. Durch die Freizügigkeit und gegenseitige Anerkennung der akademischen Abschlüsse nimmt die Zahl der bilingualen und trilingualen EU-Bürger zu. Anders als noch vor zwei Jahrzehnten können und wollen viele Deutsche oder Franzosen auch Englisch sprechen. Viele EU-Länder haben eine gemeinsame Währung, gemeinsame Handels- und Wirtschaftsinteressen. Oberflächlich scheinen einige Unterschiede überwunden zu sein. Aber trotz allem ist jedes Partnerland der EU darum bemüht, seine eigene ethnische, kulturelle sowie linguistische Identität zu bewahren. Die EU unterstützt ganz bewusst und durch viele Maßnahmen dieses Bemühen der EU-Länder.
     Deutsch ist die meist gesprochene der EU-Sprachen. Viele sprechen Deutsch als die zweite Fremdsprache nach Englisch. Man ist aber trotzdem um die Existenz des Deutschen besorgt. Man darf nicht vergessen, dass jede Sprache ihre Stärken und Schwächen hat, und Zugang zu einer Sprache zugleich auch Zugang zu neuen Wissensbeständen bedeutet. Jede Sprache wird durch die Entwicklung origineller Ideen und Theorien bereichert. Im Bereich der Elektronik sowie Wirtschaft ist heute offensichtlich Englisch dominant, während Chemie, Philosophie, Musik, Soziologie, Politologie, Historiographie, Sprach- und Literaturwissenschaft als Stärken der deutschen Sprache gelten. Durch Beschäftigung mit Texten aus diesen Bereichen können z.B. unsere Studenten erstens gutes Deutsch und zweitens die deutsche Kulturtradition, deutsche Verhaltensweisen und Denkstrukturen näher kennenlernen.

4  Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft

     Wie sieht es gegenwärtig mit dem Germanistik-Studium in Indien aus? Germanistik als eine den Geisteswissenschaften zugeordnete und als traditionell philologisch ausgerichtete Disziplin hat seit jeher zwangsläufig ihre eigene Existenz problematisiert und gerechtfertigt. Heute wird gefürchtet, dass in dem internationalen Szenario das Interesse an und die Nachfrage nach sowohl der deutschen Sprach- als auch der Literaturwissenschaft zurückgeht. Man ist ständig um die Zukunft und die Überlebenschancen der philologischen Disziplinen besorgt, die nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen unter Legitimationsdruck stehen.
     Germanistik befindet sich, wie auch andere Geisteswissenschaften, in der sogenannten Legitimationskrise und versucht sich dem auf verschiedene Art und Weise zu entziehen. Germanistik hat sich manchen Reformationen unterzogen (vgl. z.B. Böhme/Scherpe 1996a): z.B. jeweils nach der linguistischen, pragmatischen, soziologischen, sowie kulturwissenschaftlichen Wende. Man überprüfte den Studiums- und Forschungsgegenstand der Germanistik und definierte ihn neu, erweiterte ihren Kontext durch Internationalisierung und den Gegenstandsbereich auf Editions- und Medienwissenschaften, Komparatistik, Literaturgeschichtsschreibung; man erweiterte den Fachbereich durch Ausdifferenzierungen und Spezialisierungen, durch inter- und intradisziplinäre Verfahren. Man bezog Kunstgeschichte, Mythenforschung, Antikenforschung, anthropologische Begriffe, bildungs- und literatursoziologische Studien, kultursemiotische Ansätze, diskursanalytische Untersuchungen mitein. Man wandte sich fremden Kulturen zu, widmete sich der Massenliteratur, veränderte Forschungsstrategien. Alles in allem werden heute Geisteswissenschaften in umfassendem Sinne als Kulturwissenschaften verstanden, die ein Forum für fächerübergreifende Fragestellungen bereiten. Sie schaffen auch Voraussetzungen dafür, den Fachbereich Germanistik mit Blick auf soziale Entwicklungen, Medienkonkurrenzen, internationale und interkulturelle Themen zu modernisieren. Das sind die neueren Entwicklungs- und Modernisierungsversuche des Fachbereiches der Germanistik aus der Innenperspektive.

5  Globalisierung und (Auslands-)Germanistik

     In welchem Verhältnis steht die Auslandsgermanistik zu diesen Entwicklungen und Möglichkeiten? Was kann die Auslandsgermanistik daraus machen? Wieweit kommen diese neueren Entwicklungen und Tendenzen in der Germanistik den Erfordernissen der neuen Wirtschaft, 'the new economy' nach? Inwiefern ist die Ausdehnung und Erweiterung des Faches Germanistik in Hinblick auf die Auslandsgermanistik relevant bzw. auf das Germanistikstudium im Ausland übertragbar? Welche Chancen hat die Auslandsgermanistik in der globalisierten Welt?
     Die alte Wirtschaft bestand zum wesentlichen Teil aus Vertrieb und Handel. Die traditionelle Industrie zielte auf optimale Massenproduktion, die sehr arbeitskraftsintensiv war. Wenn man auf die indisch-deutsche Beziehung der letzten Jahrzente zurückblickt, bemerkt man, dass bei den Kollaborationen in traditionellen Bereichen der Chemie-, Stahlindustrie (Mico, BASF, Siemens, Bayer India etc.) eher Fachleute und Technologen benötigt wurden, wobei Germanisten wenig Chancen hatten. Die klassischen Beschäftigungsbereiche für indische Germanisten waren Sprachunterricht, also Lehre, selten Lehrwerkgestaltung oder lexikographische Projekte oder Industrie-Dolmetscher etc.
     Durch postindustrielles Denken und mit der Entwicklung der Wissens- und Serviceindustrie sind aber viele neue Gewerbe-, Geschäfts-, Beschäftigungsmöglichkeiten und -gelegenheiten entstanden. Es entstehen noch weitere Branchen, neue Produkte und neue Vermarktungsstrategien.
     Heute gibt es deutsch-indische Kollaborationen zum wesentlichen Teil im Bereich der Serviceindustrie: z.B. in der Infrastrukturentwicklung (Flughäfen, Straßenbau: Schenker India, Lufthansa etc.), im Gesundheitswesen und Versicherungswesen (Bajaj Allianz). Es werden Projekte in Bereichen der alternativen Energien, der Gastronomie und Touristik, des medizinischen Tourismus durchgeführt (der medizinische Behandlung mit Urlaub verbindet); Outsourcing (BPOs, z.B.: HP, Bosch, Deutsche Bank etc.), Börsenanlagen, Telekommunikation (Deutsche Telecom und Bosch), usw. haben an Bedeutung gewonnen.
      Durch hoch entwickelte und schnelle Kommunikations- und Vermarktungsmöglichkeiten gibt es sicher häufiger Gelegenheit, Fremdsprachenkenntnisse in Praxis umzusetzen. Man braucht sich nur etwas wachsamer umzuschauen, um eine günstige Gelegenheit zu bekommen.
     Vor zehn Jahren hat sich keiner darum gekümmert, ob und wie viele indische Studenten an den deutschen Universitäten studierten. Heute sind aber solche Zahlen wichtiger geworden. Jede Altersgruppe wird mit verschiedenen Mitteln als Konsument angesprochen. Die deutsche Bildungsindustrie wirbt durch Bildungsmessen in indischen Großstädten Studenten für die Hochschulbildung in Deutschland an.
     Die Hindi-Filmindustrie unter der Bezeichnung 'Bollywood' wird immer bekannter und  beliebter in Deutschland. Deutsche Großstadtjugend tanzt heute zur Popmusik aus Hindi Filmen. Um diese Filme zu synchronisieren oder sie mit den Untertiteln zu versehen, braucht man interkulturelle und kommunikative Kompetenz.
     In der Service-Industrie findet eine engere zwischenmenschliche Interaktion statt und wenn jemand mit zwei Sprachen und Kulturen vertraut ist, ist dieser in der Lage effektiver zu kommunizieren. Sprach- und Kulturkompetenzen sind beim Transfer der Technologie und der Entwicklung von Wissen in vielen Bereichen gefragt, wie z.B. in der Automobilindustrie (DaimlerChrysler, BMW, VW), in der Branche für elektronische Geräte, etc. und bei Übernahmen von Firmen, usw. Indische IT-Experten und Software-Ingenieure finden Anstellungen bei deutschen Firmen und indischen Niederlassungen in Deutschland, wobei Kenntnisse des Deutschen nicht nur sehr nützlich, sondern sogar erforderlich sind.
     Einige von unseren M.A.-Absolventen aus dem letzten Jahrzehnt haben gute Stellen gefunden. Firmen wie Bosch India und Hewlett-Packard haben den Studenten aus den M.A- sowie Advanced Diploma und Special Diploma Kursen im Campus Interview Stellen angeboten. Einige Absolventen sind heute tätig, z.B. beim Automobilgiganten DaimlerChrysler, im Bereich der Gastronomie und des Tourismus, – sogar bei Reisegesellschaften im Nahen Osten (Dubai, Maskat), wo viele deutsche Touristen hinfahren. Einige arbeiten bei der Deutschen Welle, im Bildungswesen, bei der Deutschen Bank, bei den Konsulaten und Botschaften der deutschsprachigen Länder, bei der Lufthansa oder bei den EU-Behörden in deutschsprachigen Ländern. Einige geben sogar Hindi-Unterricht in Deutschland! Außerdem sind viele deutsche Forschungsinstitute und Privatorganisationen am Gesundheitswesen in Indien interessiert, die im Versicherungsbereich in Indien Fuß fassen wollen; sie führen Umfragen durch, wofür sie regionalsprachige Mitarbeiter mit Deutschkenntnissen und interkultureller Kompetenz brauchen. Bei den Nichtregierungsorganisationen und deutschen Stiftungen kann man eine Anstellung als Facilitator oder für Dokumentation und Übersetzung finden. Man kann bei der Ausführung von Umfragen, beim Einreichen von Projekten, beim deutschsprachigen Besuch als Dolmetscher sowie bei der Kontaktaufnahme mit deutschen Finanzinstitutionen wie z.B. GTZ, KFW, etc. behilflich sein. Außerdem haben viele unserer Studenten bei den BPOs oder Call Centres eine Stelle gefunden. Die meisten von unseren Absolventen sind jedoch nach wie vor als Lehrer tätig oder geben Privatunterricht. Die zweitgrößte Beschäftigungsmöglichkeit ist jedoch die Übersetzertätigkeit.
     Um oben genannte Aufgaben ausführen zu können, brauchen junge Leute linguistische, kulturelle sowie interkulturelle Kompetenzen. Wie können diese auf möglichst effiziente Weise entwickelt werden? In welchem Verhältnis steht das Auslandsgermanistikstudium zu diesen Anforderungen? Wie gut sind die Absolventen des Germanistikstudiums in dieser Hinsicht ausgerüstet?

6  Praxisorientierte Interkulturelle Germanistik

     Um diese mosaikhaften Hinweise abzurunden, müssen hier noch drei Fragen berücksichtigt werden:
  • Worin liegt die Leistung der herkömmlichen Germanistik bzw. der Philologien oder Geisteswissenschaften?
     Die Geisteswissenschaften haben sich eigentlich nie den Naturwissenschaften gegenüber richtig behaupten können, obwohl sie es sind, die für die Entwicklung der Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit sowie für Frieden, gesellschaftlich-kritisches Bewußtsein und kulturelle Entwicklung im menschlichen Leben sorgen. Erst durch die linguistische, soziologische und pragmatische Wende in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ihre Stellung wesentlich aufgewertet worden. Die Sprachauffassung und die Sprachtheorien liegen heute vielen philosophischen Diskursen zugrunde. Zweifellos haben die Sprachen und Philologien im Kommunikationszeitalter ständig an Bedeutung gewonnen. Wenn man aktuelle Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt in Betracht zieht, merkt man, dass heute die Zeiten und Voraussetzungen für das Sprachstudium in der Tat sehr günstig und ermutigend sind.
  • Was für Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten sind auf dem Weltmarkt quer durch die Branchen der Wissens- und Serviceindustrie gefragt?
     Früher war das Fachwissen allein und einzig das entscheidende Kriterium bei der Auswahl der Kandidaten. Man suchte gezielt nach Ingenieuren, Chemikern, Fachleuten. Heute ist aber keiner mehr Nur-Ingenieur oder Nur-Chemiker. Man besucht gleichzeitig Kurse in Betriebs- oder Wirtschaftswissenschaften, in der Informationstechnogie oder in Fremdsprachen, für Persönlichkeitsentwicklung oder Kommunikationsfähigkeit, usw. Oft werden Kurse in Mischbranchen wie Biotechnologie, Industriebiologie, Bioinformatik, usw. bevorzugt. Keiner ist zufrieden mit dem Abschluss in einem einzigen Fach. Das ist der Trend der Zeit. Managementberater meinen, "ein Markt, der sich in einem steten Veränderungsprozess befindet", brauche "so genannte Querdenker" als Führungskräfte. "Interdisziplinäres Denken" wird als "Erfolgsfaktor" angesehen (t-und-m 2007). In einem Artikel über "Service-Industrie: Aktuelles Branchenprofil" heißt es: "In Servicefirmen sind zunehmend branchenfremde Unternehmenslenker zu finden. […] Fachwissen und persönliche Kompetenzen werden durch übergreifendes Wissen, strategische Orientierung und interkulturelle Sensibilität abgelöst" (Siegl-Kvarnström 2007). In den Stellenangeboten sind heute neben Fachwissen und -kompetenz viele andere fachübergreifende Fähigkeiten erwünscht, wie strategische Kompetenz, Kommunikationskompetenz, interkulturelle Kompetenz, Sozialisierungsfähigkeit, Fähigkeit zur Gruppenarbeit, Sozialverantwortung, Führungsqualitäten, Englischkenntnisse, Fähigkeit zur Integration, etc. Die Wissens-Industrie sucht nach Leuten, die flexibel, dynamisch, eifrig, kreativ-innovativ sind, den Sinn für Teamgeist und -beteiligung haben und über multidimensionale Erfahrungen und Fertigkeiten verfügen (Sharma).
     Die entscheidende Frage ist: Welche von diesen Eigenschaften oder Fähigkeiten werden als integrierte Komponenten einzelner Studiengänge vermittelt oder erworben? – Fast keine. Hierin liegt die Chance der Auslandsgermanistik.
  • Wie und wieweit kann das Deutsch- und Germanistikstudium in Asien diesen Anforderungen nachkommen? Welches sind die anerkannten Zielsetzungen der Auslandsgermanistik? Worin liegt ihre Chance und Leistung?
     Es muss hier betont werden, dass Kompetenzen wie interkulturelle Kompetenz und Kommunikationskompetenz, die quer durch Beschäftigungsbereiche überall sehr gefragt sind, im Ausland schon längst als proklamierte Ziele des Deutsch- und Germanistikstudiums gelten. Ganz gezielt können diese Fertigkeiten im Sprachunterricht, im sprachwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Studium vermittelt und erworben werden. Die Auslandsgermanistik hat nun Strategien zum Erwerb dieser globalen Ziele auf der Mikroplanungsebene auszuarbeiten.
     Den neuen linguistischen und pragmatischen Theorien entsprechend verlagerte sich zwar der Schwerpunkt im DaF-Unterricht vom Lesen auf Sprechen, von der Grammatik auf Pragmatik, von vollständigen Sätzen auf Äußerungen, von Erzähltexten auf aktuelle Szenen und Sprechsituationen, von der schriftlichen Fertigkeit auf Kommunikationsfähigkeit etc. Die Ausarbeitung von Inhalten, Methoden, Bewertungsverfahren als Komponenten einzelner Kurse im Fachbereich der Germanistik ist jedoch bisher weitgehend ausgeblieben. Das liegt daran, dass das Sprach- und Literaturstudium oder die Philologien schlechthin ihrem Wesen nach aufs Verstehen ausgerichtete Wissenschaften sind, wobei das Wissen erworben, erweitert und vertieft wird. Die Ausdehnung des Faches Germanistik auf Kulturwissenschaft hat zwar eine neue Steuerungsebene, eine Metaebene der Reflexion, aber noch keinen eigentlichen neuen Gegenstandsbereich geschaffen. Wie Böhme und Scherpe in ihrem Band "Kultur und Literaturwissenschaften" feststellen, ist Kulturwissenschaft hiernach "keine Handlungswissenschaft, sondern ein interpretatives, bedeutungsgenerierendes Verfahren" (Böhme/Scherpe 1996b, S. 16). Selbst die Interkulturelle Germanistik ist in erster Linie eine Interpretationsmethode, die ein tieferes Verständnis des Eigenen über das Fremde herleiten will.
     (Auslands-)Germanisten sind potenzielle Kulturvermittler, wobei interkulturelle Interaktion Verstehen und Verständigung einschließt. Bekanntlich besteht das klassische Ziel der sogenannten Auslandsgermanistik darin, den ausländischen Leser zum 'grenzüberschreitenden Verständnis' zu befähigen. Kulturelles Wissen, das u.a. auf den Bezugswissenschaften wie Soziologie, Geschichtswissenschaften usw. basiert, ist keineswegs als ein "fertiges, abgeschlossenes, für alle Zeiten sicheres" Wissen zu verstehen (Altmeyer 2006). Kulturbezogenes Wissen ist "implizites Wissen", das zum Teil durch "kanonisierte Texte, Mythen, Geschichten, Traditionen, Symbolen" usw. (ebda., S. 195) vermittelt werden kann. Dabei können Komponenten wie 'abendländische Wahrnehmungsvorstellungen, Denkstrukturen, Wertvorstellungen, mythische Weltbilder' usw. 'die Attraktivität des Germanistikstudiums' erhöhen und umfangreiches Basiswissen vermitteln. 

7  Schlussbemerkung

     Kulturelle sowie interkulturelle Kompetenz besteht aber nicht nur aus "kognitiven, affektiv-attitudinalen" sondern auch aus "strategischen und pragmatisch-handlungsbezogenen Anteilen" (ebda.), wobei Wissen und Fertigkeiten integriert werden sollen. Entwickelt werden soll nicht nur die Wahrnehmungsfähigkeit, sondern auch die Handlungsfähigkeit. Um die interkulturelle Germanistik praxisorientiert zu machen, ist neben dem Erwerb des Kulturwissens auch seine strategische Umsetzung sowie situationsgemäße Anwendung und Sensibilisierung genau so wichtig. Mit anderen Worten: Wir brauchen eine angewandte Sprach- und Literaturwissenschaft, die handlungsorientiert ist und Handlungs- bzw. Interaktionsmöglichkeiten vermittelt. Literatur- und Kulturverständnis soll zum Mittel zur Entwicklung eines neuen Bewusstseins sowie interkultureller Handlungsfähigkeiten und - fertigkeiten werden, damit die interkulturelle Kommunikation glückt und den Absolventen vielfältige Perspektiven auch in der Wissens- und Serviceindustrie eröffnet werden.

Literaturverzeichnis

Altmayer, Claus 2006: "Braucht die Landeskunde eine kulturwissenschaftliche Basis?" In: Krumm, Hans-Jürgen; Portmann-Tselikas, Paul R. (Hg.): Theorie und Praxis. Österreichische Beiträge zu Deutsch als Fremdsprache. 9/2005, Wien: Studienverlag, S. 193-206.
Böhme, Hartmut; Scherpe, Klaus R. 1996a: "Zur Einführung" in dies. (Hg.) 1996: Literatur und Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle. Hamburg: rowohlt, S. 7-24.
Böhme, Hartmut; Scherpe, Klaus R. (Hg.) 1996b: Literatur und Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle. Hamburg: rowohlt.
German News Mar.-Apr. 2006, New Delhi, S. 7.
Krumm, Hans-Jürgen; Portmann-Tselikas, Paul R. (Hg.) 2006: Theorie und Praxis. Österreichische Beiträge zu Deutsch als Fremdsprache. 9/2005, Wien: Studienverlag.
Sharma, Rahul: Challenges for HR professionals in the Knowledge industry: http://www.humanlinks.com/manres/articles/challenges_hr.htm [Datum]
Schmidt, Stefan 2007: "Neue Chance – 40 Milliarden offshoring market, Businessmacher & Märkte", in Technologie & Management. 3-4/2007, S. 12-13: http://www.t-und-m.de/business/themen/index.html [30.7.2007]
Siegl-Kvarnström, Karin; Zehnder, Egon 2007: International, Hamburg: http://www.egonzehnder.de/content/germany/practices/article.php/id/5430024 [30.7.2007]
Spiegel Online 2007: Nachrichten, Wirtschaft, Zukunftsstudie: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,477477,00.html [16.4.2007]
t-und-m 2007: http://www.t-und-m.de/business/themen/index.html [30.7.2007]


[1] Die Webseite der "US Census Bureau Links" (last updated 14th June 2007) gibt die Trends in der Service Industry wie folgt an: "The private non-good producing industries account for approximately 70% of total economic activity in the United States. These non-good producing industries include retail trade, wholesale trade and Service Industries.The Service Industries account for 55% of economic activity in the United States. Most of these industries are surveyed in the Quarterly Service Survey and in the Services Annual Survey."
[2] "Even acquisition of firms is no more a one way transaction. German firms too have been acquired by the Indian industrialists. The latest example is of  Feb. 2007: The acquisition worth 95 million Euros of 'Schoneweiße', a forging company in Germany by M&M, India. Further more the Indian wind energy giant Suzlon has struck a deal for acquisition of up to 100% shareholdings in the 'REpower Systems AG', Germany, a company engaged in the business of design, development, manufacturing and supply of wind turbine generators."
[3] "The giant industrialist like BMW in its announcement calls India 'the new home of BMW' and uses the slogan, 'BMW and India: two success stories – one future', where India is looked upon as an equal partner."
[4] "India is also wholeheartedly praised as the biggest multicultural democracy that has achieved rapid economic growth, which – according to Angela Merkel – 'has become a driving force for globalisation while retaining its cultural identity.' 'India has shown', she further adds, 'that democracy is possible and can succeed in difficult circumstances'" (German News 2006, S. 7).

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