Zur Praxisrelevanz der interkulturellen Germanistik im Zeitalter der Wissens- und Dienstleistungsindustrie
Zur
Praxisrelevanz der interkulturellen Germanistik im Zeitalter der Wissens- und
Dienstleistungsindustrie
Stichworte : Das Zeitalter der Wissens- und Dienstleistungsindustrie, Indisch-deutsche Beziehung, Status der Sprachen, Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft, Globalisierung und Praxisorientierte Interkulturelle Germanistik
1 Das Zeitalter der Wissens- und Dienstleistungsindustrie
Wenn wir
uns umschauen und unsere Lebensbedingungen um die Wende des Millenniums etwas
näher betrachten, dann fällt vor allem das veränderte Verhältnis zwischen Zeit-
und Räumlichkeit auf. Heute werden riesig große Entfernungen in rapiden
Sprüngen mit rasanter Geschwindigkeit in minimaler Zeitspanne zurückgelegt. Die
elektronische Revolution und digitale Technologie ermöglichen eine schnelle
globale Konnektivität, schnellen Zugang zur Information, effiziente Transportations-
und logistische Einrichtungen. Obwohl diese Schrumpfung der physischen und
geographischen Entfernung für die Globalisierung kennzeichnend ist, wird sie
vor allem durch die schnelle Übermittlung des Wissens und Kapitals manifest.
Globalisierung ist eine räumlich ausgerichtete horizontale Bewegung, die einen
zwangsläufig mitreißt. Omnipräsente elektronische Medien und Kommunikationstechnologie,
digitale Geräte und virtueller Raum haben den Menschen in Besitz genommen.
In der postindustriellen Ära des
Spätkapitalismus mit ständig ansteigendem Konsum werden sogar Kunst und Bildung
kommodifiziert und als Verbrauchsprodukte verkauft. Unternehmen suchen
fortwährend nach weltweiten Destinationen für Investitionen und erobern neue
internationale Marktlandschaften. Umfang und Umsatz der Unternehmen werden
durch professionelles, internationales Networking erhöht. Zusammenschlüsse und
Übernahmen von Firmen machen jeden Tag Schlagzeilen. Kollaboration statt
Konkurrenz ist der Slogan der Zeit und Interdependenz statt Dominanz ist die
Strategie. Schlüsselbegriffe der Industriellen Revolution, wie maschinelle
Massenproduktion und Klassenkampf, sind nicht mehr relevant.
In den
früheren Jahrhunderten der Industrialisierung zählten Vertrieb und Handel zu
den wichtigsten Wirtschaftsbranchen. Im elektronischen Zeitalter hat die
Verarbeitung der Informationslawinen den wichtigsten Platz auf dem Weltmarkt
eingenommen und ein neues Universum unendlicher Beschäftigungs- und
Erwerbsmöglichkeiten eröffnet. Informationen werden zuerst zu Wissen
verarbeitet und dieses Wissen wird dann wiederum elektronisch umgesetzt,
vermittelt, transferiert. Dadurch entstehen immer mehr dynamische Geschäftssektoren
in der Wissens- und Dienstleistungsindustrie. Die Wirtschaft wird heute viel
mehr durch Ideen und Wissen als durch materielle Mittel getrieben.
Bildungsinstitutionen, IT-Firmen, BPOs (Business Process Outsourcing) usw.
konstituieren diese Wissensindustrie, die für die Informationsverarbeitung
sowie für Generierung und Vertrieb von Wissen sorgt. Es werden mit neuester
Kommunikationstechnologie ausgestattete Wissens-Parks mit Wissens-Arbeitern und
Wissens-Management gegründet.
'Intelligente Produktion' erlebt auch in Indien einen großen Aufschwung.
"Indiens Stärke ist die Serviceindustrie, deren Anteil über 50% am
Bruttosozialprodukt beträgt" (Schmidt 2007, S. 12f.). Die
Dienstleistungsindustrie wird auch in Deutschland als Boombranche bezeichnet
(vgl. Spiegel Online 2007). Auch in Finnland beträgt die
Dienstleistungsindustrie 65,7% des Bruttoinlandprodukts.
Die
letzten zwei Jahrzehnte sind durch Ideen- und Firmenexplosionen gekennzeichnet.
Heute macht z.B. Warenproduktion und Warenhandel (Agrarprodukte,
Ingenieurwesen, Maschinenbau, Pharma- und Automobilindustrie etc.) fast nur ein
Drittel des Bruttoinlandprodukts[1]
der USA aus, während zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts durch die
Dienstleistungsindustrien generiert werden: Bankenwesen, Börse, Finanzanalyse,
Versicherungen, Gastronomie und Touristik, Reisen, Luftverkehr, Bildung,
Werbung, Outsourcing, BPOs (Business process outcourcing), KPOs (knowledge
process outcourcing), Tele-Medizin, Unterhaltung und Media, Kunst, Logistik und
Transport, Courier-Service, Telekommunikation, Datenverarbeitung, Entwicklung
von Softwareprogrammen und -lösungen, Chip-designing, Innen- und Landschaftsarchitektur,
Betriebswirtschaft. Juristische Dienstleistungen, Retail/Einzel- und
Großhandel, Gesundheitswesen und Krankenversicherung, Umweltinitiativen,
Socialmarketing, NGOs, Waste management, Headhunting und recruitment, Rentals
und Leasing etc. sind weitere Branchen der Dienstleistungsindustrie. In diesen
neu entwickelten Dienstleistungsbereichen sind viele wissensbasierte
Fertigkeiten gefragt, welche sowohl branchenübergreifend sind als auch überall gebraucht
werden.
Die
gegenwärtige Wirtschaftsentwicklung hat das tradionelle Verständnis der Umwelt
auf den Kopf gestellt. Früher wollte man langjährige Strategien entwickeln und
einsetzen. Heute sind alle Strategien kurzlebig und ändern sich rasch. Das
Lokale und Einheimische bildet nicht mehr den Grundsatz der wirtschaftlichen
Entwicklung. Importieren von Waren ist kein Hindernis mehr für das
Wirtschaftswachstum und das Bruttoinlandprodukt. Früher brachte starke Währung der
Nation viel Prestige ein und galt als ein wichtiger Parameter des
Wirtschaftswachstums. Heute ist es eher umgekehrt: Eine Aufwertung der
indischen Rupie oder des japanischen Jen verursacht Unruhe und Sorge im Inland
sowie im Ausland. Ein überbevölkertes Land wie Indien wird gerade durch diese
Tatsache plötzlich zur attraktiven Destination für Geldanlagen und Vermarktung.
2 Indisch-deutsche Beziehung
Vor
diesem Hintergrund und in Hinblick auf die heutige Relevanz der
interkulturellen Germanistik wäre es hier angebracht, die Beziehung zwischen
Indien und Deutschland etwas näher zu betrachten.
Bis
fast vor einem Jahrzehnt galt Indien als ein Land mit einer klassischen alten
Sprache und Literatur (Sanskrit) und wurde als kolonisiertes, subordiniertes,
ausgebeutetes, armes, unterentwickeltes Land der sogenannten Dritten Welt
angesehen. Wenn man sich überhaupt für Indien interessierte, dann war es wegen
der tausende Jahre alten Mythologie und Epen. In den 1950er Jahren, gleich nach
der Erlangung der Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft, verließ sich
Indien auf deutsche Technologie und technisches Know-How für die Entwicklung
der Schwerindustrie. Metall-, Maschinenbau-, Chemieindustrie gehören zu den
alten deutschen Kollaborationen und Niederlassungen in Indien. Anzubieten hatte
Indien in den 1970er und 80er Jahren traditionelle Philosophie, spirituelle
Gurus, Yoga und Meditation, medizinische Pflanzen und Kräuter und
selbstverständlich auch Strände in Goa, die durch die Hippies und den 'Hare
Rama Hare Krischna'-Kult bekannt wurden. Erst mit dem Advent des elekronischen
Zeitalters und dem Aufstieg der IT-Branche in den 1990er Jahren gewann Indien
an Bedeutung. Indien wird heute nicht nur als eine günstige
Investitionsdestination, sondern auch als Investor angesehen. Es werden nicht
nur indische Firmen von den europäischen übernommen, sondern auch umgekehrt.[2]
Indien wird nun als Partnerland[3],
als neue Nuklearmacht, als ein wichtiger Spieler im IT-Bereich sowie – wie
Angela Merkel[4]
neulich bemerkte – als die größte plurilinguale, multikulturelle Demokratie der
Welt anerkannt. Das Jahr 2006 zeugte von einem intensiven politischen Dialog
und einer fruchtbaren Interaktion zwischen Indien und Deutschland wie nie
zuvor. Seit 2007, als Deutschland den Vorsitz der EU übernommen hatte, ist eine
noch engere Interaktion zu beobachten.
Indien
und Deutschland wollen in den kommenden Jahren ihre Kooperation auf den Bereich
des Handels, der Technologie und Wissenschaften; aber vor allem der
alternativen Energie erweitern und Zusammenarbeit zwischen den kleineren und
mittleren Firmen zunehmend fördern (German News 2006, S. 6ff.). Die
Interaktion zwischen diesen beiden Ländern ist intensiver und
multidimensionaler geworden und hat zur engeren Zusammenarbeit in weiteren
diversen Bereichen geführt.
Diese
Entwicklungen haben zwei Wege für eine Kooperation eröffnet: Erstens durch das
Interesse an der Kunst und an den populären Kulturen, die den Westen erreicht
haben und zweitens durch die neue Firmen- und Businesskultur. Über einzelne
Initiativen hinaus ist bei den Kooperationen und Handelsbeziehungen eine
allgemeine Veränderung in der Einstellung der europäischen Länder gegenüber
Indien festzustellen.
Fast
ein halbes Jahrhundert nach der Gründung des selbständigen indischen Staates
konnte Indien allmählich den eigenen Status und die Perspektive der ‚Anderen‘ ändern. Mit
diesen günstigen Voraussetzungen kann man nun auf eine bilaterale Interaktion
und interkulturelle Transaktion im eigentlichen Sinn hoffen. Man muss allerdings
daran denken, dass auch postmodere und postkoloniale Sicht- und Denkweisen zur
Neuordung und Neu-Aufteilung der globarisierenden Welt Wesentliches beigetragen
haben.
3 Status der Sprachen
Was für
eine Bedeutung haben die neueren Entwicklungen zwischen Indien und Deutschland
für das Deutsch- und Germanistikstudium in Indien? Oder verallgemeinert kann
man fragen: Welche Chancen hat ein philologisches Studium in dieser
schrumpfenden Welt mit unendlichen Möglichkeiten und intangiblen
kommodifizierten Bildern? Was ist der Status der Sprachen und Fremdsprachen in
der digitalisierten und globalisierten Welt? Sind linguistische Differenzen am
Verschwinden und werden kulturelle Identitäten durch die Invasion von Jeans,
McDonalds, Coca Cola, PCs, Handys und englischer Sprache gelöscht?
Englisch erscheint die globale lingua
franca zu sein, ihr Gebrauch ist jedoch auf gewisse Bereiche beschränkt.
Englisch ist weder die Sprache der Massen in Europa noch in Südamerika, noch im
nordwestlichen Afrika, noch in China, Japan oder Russland. Englisch kann nicht
mehr (wie in früheren Epochen) seine linguistische Hegemonie behaupten und
damit einen imperialen Anspruch verbinden. Für Geschäftsbeziehungen ist das
Englische von Nutzen, für die Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen ist
die Regionalsprache jedoch unerlässlich. Englisch mag wohl die Sprache der
virtuellen und kommerziellen Wirklichkeit sein, die Sprache der bodenfesten
Alltagsrealität bleibt jedoch die eigene, die jeweilige Muttersprache.
Die neue
Weltordung ist pluralistisch. Sie besteht viel mehr aus einem Nebeneinander, einem
'Sowohl-Als-Auch', ohne unbedingt Altes durch Neues und Eigenes durch Fremdes
zu ersetzen. Man denkt nicht mehr nur in Kontrasten und Gegensätzen. Heute
werden die nationalen und geographischen Grenzen schnell und problemlos
überquert. Durch die Freizügigkeit und gegenseitige Anerkennung der
akademischen Abschlüsse nimmt die Zahl der bilingualen und trilingualen
EU-Bürger zu. Anders als noch vor zwei Jahrzehnten können und wollen viele
Deutsche oder Franzosen auch Englisch sprechen. Viele EU-Länder haben eine
gemeinsame Währung, gemeinsame Handels- und Wirtschaftsinteressen.
Oberflächlich scheinen einige Unterschiede überwunden zu sein. Aber trotz allem
ist jedes Partnerland der EU darum bemüht, seine eigene ethnische, kulturelle
sowie linguistische Identität zu bewahren. Die EU unterstützt ganz bewusst und
durch viele Maßnahmen dieses Bemühen der EU-Länder.
Deutsch
ist die meist gesprochene der EU-Sprachen. Viele sprechen Deutsch als die
zweite Fremdsprache nach Englisch. Man ist aber trotzdem um die Existenz des
Deutschen besorgt. Man darf nicht vergessen, dass jede Sprache ihre Stärken und
Schwächen hat, und Zugang zu einer Sprache zugleich auch Zugang zu neuen Wissensbeständen
bedeutet. Jede Sprache wird durch die Entwicklung origineller Ideen und
Theorien bereichert. Im Bereich der Elektronik sowie Wirtschaft ist heute
offensichtlich Englisch dominant, während Chemie, Philosophie, Musik,
Soziologie, Politologie, Historiographie, Sprach- und Literaturwissenschaft als
Stärken der deutschen Sprache gelten. Durch Beschäftigung mit Texten aus diesen
Bereichen können z.B. unsere Studenten erstens gutes Deutsch und zweitens die
deutsche Kulturtradition, deutsche Verhaltensweisen und Denkstrukturen näher
kennenlernen.
4 Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft
Wie
sieht es gegenwärtig mit dem Germanistik-Studium in Indien aus? Germanistik als
eine den Geisteswissenschaften zugeordnete und als traditionell philologisch
ausgerichtete Disziplin hat seit jeher zwangsläufig ihre eigene Existenz
problematisiert und gerechtfertigt. Heute wird gefürchtet, dass in dem
internationalen Szenario das Interesse an und die Nachfrage nach sowohl der deutschen
Sprach- als auch der Literaturwissenschaft zurückgeht. Man ist ständig um die
Zukunft und die Überlebenschancen der philologischen Disziplinen besorgt, die
nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen unter Legitimationsdruck stehen.
Germanistik
befindet sich, wie auch andere Geisteswissenschaften, in der sogenannten Legitimationskrise
und versucht sich dem auf verschiedene Art und Weise zu entziehen. Germanistik
hat sich manchen Reformationen unterzogen (vgl. z.B. Böhme/Scherpe 1996a): z.B.
jeweils nach der linguistischen, pragmatischen, soziologischen, sowie
kulturwissenschaftlichen Wende. Man überprüfte den Studiums- und
Forschungsgegenstand der Germanistik und definierte ihn neu, erweiterte ihren
Kontext durch Internationalisierung und den Gegenstandsbereich auf Editions- und
Medienwissenschaften, Komparatistik, Literaturgeschichtsschreibung; man
erweiterte den Fachbereich durch Ausdifferenzierungen und Spezialisierungen,
durch inter- und intradisziplinäre Verfahren. Man bezog Kunstgeschichte,
Mythenforschung, Antikenforschung, anthropologische Begriffe, bildungs- und
literatursoziologische Studien, kultursemiotische Ansätze, diskursanalytische
Untersuchungen mitein. Man wandte sich fremden Kulturen zu, widmete sich der
Massenliteratur, veränderte Forschungsstrategien. Alles in allem werden heute
Geisteswissenschaften in umfassendem Sinne als Kulturwissenschaften verstanden,
die ein Forum für fächerübergreifende Fragestellungen bereiten. Sie schaffen
auch Voraussetzungen dafür, den Fachbereich Germanistik mit Blick auf soziale Entwicklungen,
Medienkonkurrenzen, internationale und interkulturelle Themen zu modernisieren.
Das sind die neueren Entwicklungs- und Modernisierungsversuche des
Fachbereiches der Germanistik aus der Innenperspektive.
5 Globalisierung und (Auslands-)Germanistik
In
welchem Verhältnis steht die Auslandsgermanistik zu diesen Entwicklungen und Möglichkeiten?
Was kann die Auslandsgermanistik daraus machen? Wieweit kommen diese neueren
Entwicklungen und Tendenzen in der Germanistik den Erfordernissen der neuen
Wirtschaft, 'the new economy' nach? Inwiefern ist die Ausdehnung und
Erweiterung des Faches Germanistik in Hinblick auf die Auslandsgermanistik
relevant bzw. auf das Germanistikstudium im Ausland übertragbar? Welche Chancen
hat die Auslandsgermanistik in der globalisierten Welt?
Die
alte Wirtschaft bestand zum wesentlichen Teil aus Vertrieb und Handel. Die
traditionelle Industrie zielte auf optimale Massenproduktion, die sehr
arbeitskraftsintensiv war. Wenn man auf die indisch-deutsche Beziehung der
letzten Jahrzente zurückblickt, bemerkt man, dass bei den Kollaborationen in
traditionellen Bereichen der Chemie-, Stahlindustrie (Mico, BASF, Siemens,
Bayer India etc.) eher Fachleute und Technologen benötigt wurden, wobei Germanisten
wenig Chancen hatten. Die klassischen
Beschäftigungsbereiche für indische Germanisten waren Sprachunterricht, also
Lehre, selten Lehrwerkgestaltung oder lexikographische Projekte oder
Industrie-Dolmetscher etc.
Durch
postindustrielles Denken und mit der Entwicklung der Wissens- und Serviceindustrie
sind aber viele neue Gewerbe-, Geschäfts-, Beschäftigungsmöglichkeiten und
-gelegenheiten entstanden. Es entstehen noch weitere Branchen, neue Produkte
und neue Vermarktungsstrategien.
Heute
gibt es deutsch-indische Kollaborationen zum wesentlichen Teil im Bereich der
Serviceindustrie: z.B. in der Infrastrukturentwicklung (Flughäfen, Straßenbau:
Schenker India, Lufthansa etc.), im Gesundheitswesen und Versicherungswesen
(Bajaj Allianz). Es werden Projekte in Bereichen der alternativen Energien, der
Gastronomie und Touristik, des medizinischen Tourismus durchgeführt (der medizinische
Behandlung mit Urlaub verbindet); Outsourcing (BPOs, z.B.: HP, Bosch, Deutsche
Bank etc.), Börsenanlagen, Telekommunikation (Deutsche Telecom und Bosch), usw.
haben an Bedeutung gewonnen.
Durch
hoch entwickelte und schnelle Kommunikations- und Vermarktungsmöglichkeiten
gibt es sicher häufiger Gelegenheit, Fremdsprachenkenntnisse in Praxis
umzusetzen. Man braucht sich nur etwas wachsamer umzuschauen, um eine günstige
Gelegenheit zu bekommen.
Vor
zehn Jahren hat sich keiner darum gekümmert, ob und wie viele indische
Studenten an den deutschen Universitäten studierten. Heute sind aber solche
Zahlen wichtiger geworden. Jede Altersgruppe wird mit verschiedenen Mitteln als
Konsument angesprochen. Die deutsche Bildungsindustrie wirbt durch
Bildungsmessen in indischen Großstädten Studenten für die Hochschulbildung in
Deutschland an.
Die
Hindi-Filmindustrie unter der Bezeichnung 'Bollywood' wird immer bekannter und beliebter in Deutschland. Deutsche
Großstadtjugend tanzt heute zur Popmusik aus Hindi Filmen. Um diese Filme zu
synchronisieren oder sie mit den Untertiteln zu versehen, braucht man interkulturelle
und kommunikative Kompetenz.
In der
Service-Industrie findet eine engere zwischenmenschliche Interaktion statt und
wenn jemand mit zwei Sprachen und Kulturen vertraut ist, ist dieser in der Lage
effektiver zu kommunizieren. Sprach- und Kulturkompetenzen sind beim Transfer
der Technologie und der Entwicklung von Wissen in vielen Bereichen gefragt, wie
z.B. in der Automobilindustrie (DaimlerChrysler, BMW, VW), in der Branche für
elektronische Geräte, etc. und bei Übernahmen von Firmen, usw. Indische
IT-Experten und Software-Ingenieure finden Anstellungen bei deutschen Firmen
und indischen Niederlassungen in Deutschland, wobei Kenntnisse des Deutschen
nicht nur sehr nützlich, sondern sogar erforderlich sind.
Einige
von unseren M.A.-Absolventen aus dem letzten Jahrzehnt haben gute Stellen gefunden.
Firmen wie Bosch India und Hewlett-Packard haben den Studenten aus den M.A-
sowie Advanced Diploma und Special Diploma Kursen im Campus Interview Stellen
angeboten. Einige Absolventen sind heute tätig, z.B. beim Automobilgiganten DaimlerChrysler,
im Bereich der Gastronomie und des Tourismus, – sogar bei Reisegesellschaften
im Nahen Osten (Dubai, Maskat), wo viele deutsche Touristen hinfahren. Einige
arbeiten bei der Deutschen Welle, im Bildungswesen, bei der Deutschen Bank, bei
den Konsulaten und Botschaften der deutschsprachigen Länder, bei der Lufthansa
oder bei den EU-Behörden in deutschsprachigen Ländern. Einige geben sogar
Hindi-Unterricht in Deutschland! Außerdem sind viele deutsche Forschungsinstitute
und Privatorganisationen am Gesundheitswesen in Indien interessiert, die im
Versicherungsbereich in Indien Fuß fassen wollen; sie führen Umfragen durch,
wofür sie regionalsprachige Mitarbeiter mit Deutschkenntnissen und
interkultureller Kompetenz brauchen. Bei den Nichtregierungsorganisationen und
deutschen Stiftungen kann man eine Anstellung als Facilitator oder für
Dokumentation und Übersetzung finden. Man kann bei der Ausführung von Umfragen,
beim Einreichen von Projekten, beim deutschsprachigen Besuch als Dolmetscher
sowie bei der Kontaktaufnahme mit deutschen Finanzinstitutionen wie z.B. GTZ,
KFW, etc. behilflich sein. Außerdem haben viele unserer Studenten bei den BPOs
oder Call Centres eine Stelle gefunden. Die meisten von unseren Absolventen
sind jedoch nach wie vor als Lehrer tätig oder geben Privatunterricht. Die
zweitgrößte Beschäftigungsmöglichkeit ist jedoch die Übersetzertätigkeit.
Um oben
genannte Aufgaben ausführen zu können, brauchen junge Leute linguistische, kulturelle
sowie interkulturelle Kompetenzen. Wie können diese auf möglichst effiziente
Weise entwickelt werden? In welchem Verhältnis steht das
Auslandsgermanistikstudium zu diesen Anforderungen? Wie gut sind die
Absolventen des Germanistikstudiums in dieser Hinsicht ausgerüstet?
6 Praxisorientierte Interkulturelle Germanistik
Um
diese mosaikhaften Hinweise abzurunden, müssen hier noch drei Fragen berücksichtigt
werden:
- Worin liegt die Leistung der herkömmlichen Germanistik bzw. der Philologien oder Geisteswissenschaften?
Die
Geisteswissenschaften haben sich eigentlich nie den Naturwissenschaften
gegenüber richtig behaupten können, obwohl sie es sind, die für die Entwicklung
der Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit sowie für Frieden,
gesellschaftlich-kritisches Bewußtsein und kulturelle Entwicklung im
menschlichen Leben sorgen. Erst durch die linguistische, soziologische und
pragmatische Wende in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ihre Stellung
wesentlich aufgewertet worden. Die Sprachauffassung und die Sprachtheorien
liegen heute vielen philosophischen Diskursen zugrunde. Zweifellos haben die
Sprachen und Philologien im Kommunikationszeitalter ständig an Bedeutung
gewonnen. Wenn man aktuelle Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt in Betracht
zieht, merkt man, dass heute die Zeiten und Voraussetzungen für das
Sprachstudium in der Tat sehr günstig und ermutigend sind.
- Was für Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten sind auf dem Weltmarkt quer durch die Branchen der Wissens- und Serviceindustrie gefragt?
Früher
war das Fachwissen allein und einzig das entscheidende Kriterium bei der
Auswahl der Kandidaten. Man suchte gezielt nach Ingenieuren, Chemikern,
Fachleuten. Heute ist aber keiner mehr Nur-Ingenieur oder Nur-Chemiker. Man
besucht gleichzeitig Kurse in Betriebs- oder Wirtschaftswissenschaften, in der
Informationstechnogie oder in Fremdsprachen, für Persönlichkeitsentwicklung
oder Kommunikationsfähigkeit, usw. Oft werden Kurse in Mischbranchen wie
Biotechnologie, Industriebiologie, Bioinformatik, usw. bevorzugt. Keiner ist
zufrieden mit dem Abschluss in einem einzigen Fach. Das ist der Trend der Zeit.
Managementberater meinen, "ein Markt, der sich in einem steten
Veränderungsprozess befindet", brauche "so genannte Querdenker"
als Führungskräfte. "Interdisziplinäres Denken" wird als "Erfolgsfaktor"
angesehen (t-und-m 2007). In einem Artikel über "Service-Industrie:
Aktuelles Branchenprofil" heißt es: "In Servicefirmen sind zunehmend
branchenfremde Unternehmenslenker zu finden. […] Fachwissen und persönliche
Kompetenzen werden durch übergreifendes Wissen, strategische Orientierung und
interkulturelle Sensibilität abgelöst" (Siegl-Kvarnström 2007). In den
Stellenangeboten sind heute neben Fachwissen und -kompetenz viele andere
fachübergreifende Fähigkeiten erwünscht, wie strategische Kompetenz,
Kommunikationskompetenz, interkulturelle Kompetenz, Sozialisierungsfähigkeit,
Fähigkeit zur Gruppenarbeit, Sozialverantwortung, Führungsqualitäten,
Englischkenntnisse, Fähigkeit zur Integration, etc. Die Wissens-Industrie sucht
nach Leuten, die flexibel, dynamisch, eifrig, kreativ-innovativ sind, den Sinn
für Teamgeist und -beteiligung haben und über multidimensionale Erfahrungen und
Fertigkeiten verfügen (Sharma).
Die
entscheidende Frage ist: Welche von diesen Eigenschaften oder Fähigkeiten werden
als integrierte Komponenten einzelner Studiengänge vermittelt oder erworben? –
Fast keine. Hierin liegt die Chance der Auslandsgermanistik.
- Wie und wieweit kann das Deutsch- und Germanistikstudium in Asien diesen Anforderungen nachkommen? Welches sind die anerkannten Zielsetzungen der Auslandsgermanistik? Worin liegt ihre Chance und Leistung?
Es muss
hier betont werden, dass Kompetenzen wie interkulturelle Kompetenz und Kommunikationskompetenz,
die quer durch Beschäftigungsbereiche überall sehr gefragt sind, im Ausland
schon längst als proklamierte Ziele des Deutsch- und Germanistikstudiums
gelten. Ganz gezielt können diese Fertigkeiten im Sprachunterricht, im
sprachwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Studium vermittelt und
erworben werden. Die Auslandsgermanistik hat nun Strategien zum Erwerb dieser
globalen Ziele auf der Mikroplanungsebene auszuarbeiten.
Den
neuen linguistischen und pragmatischen Theorien entsprechend verlagerte sich
zwar der Schwerpunkt im DaF-Unterricht vom Lesen auf Sprechen, von der
Grammatik auf Pragmatik, von vollständigen Sätzen auf Äußerungen, von
Erzähltexten auf aktuelle Szenen und Sprechsituationen, von der schriftlichen
Fertigkeit auf Kommunikationsfähigkeit etc. Die Ausarbeitung von Inhalten,
Methoden, Bewertungsverfahren als Komponenten einzelner Kurse im Fachbereich
der Germanistik ist jedoch bisher weitgehend ausgeblieben. Das liegt daran,
dass das Sprach- und Literaturstudium oder die Philologien schlechthin ihrem
Wesen nach aufs Verstehen ausgerichtete Wissenschaften sind, wobei das Wissen
erworben, erweitert und vertieft wird. Die Ausdehnung des Faches Germanistik
auf Kulturwissenschaft hat zwar eine neue Steuerungsebene, eine Metaebene der
Reflexion, aber noch keinen eigentlichen neuen Gegenstandsbereich geschaffen.
Wie Böhme und Scherpe in ihrem Band "Kultur und Literaturwissenschaften"
feststellen, ist Kulturwissenschaft hiernach "keine Handlungswissenschaft,
sondern ein interpretatives, bedeutungsgenerierendes Verfahren"
(Böhme/Scherpe 1996b, S. 16). Selbst die Interkulturelle Germanistik ist
in erster Linie eine Interpretationsmethode, die ein tieferes Verständnis des
Eigenen über das Fremde herleiten will.
(Auslands-)Germanisten sind potenzielle Kulturvermittler, wobei
interkulturelle Interaktion Verstehen und Verständigung einschließt.
Bekanntlich besteht das klassische Ziel der sogenannten Auslandsgermanistik
darin, den ausländischen Leser zum 'grenzüberschreitenden Verständnis' zu befähigen.
Kulturelles Wissen, das u.a. auf den Bezugswissenschaften wie Soziologie,
Geschichtswissenschaften usw. basiert, ist keineswegs als ein "fertiges,
abgeschlossenes, für alle Zeiten sicheres" Wissen zu verstehen (Altmeyer
2006). Kulturbezogenes Wissen ist "implizites Wissen", das zum Teil
durch "kanonisierte Texte, Mythen, Geschichten, Traditionen,
Symbolen" usw. (ebda., S. 195) vermittelt werden kann. Dabei können
Komponenten wie 'abendländische Wahrnehmungsvorstellungen, Denkstrukturen,
Wertvorstellungen, mythische Weltbilder' usw. 'die Attraktivität des Germanistikstudiums'
erhöhen und umfangreiches Basiswissen vermitteln.
7 Schlussbemerkung
Kulturelle sowie interkulturelle Kompetenz besteht aber nicht nur aus
"kognitiven, affektiv-attitudinalen" sondern auch aus
"strategischen und pragmatisch-handlungsbezogenen Anteilen" (ebda.),
wobei Wissen und Fertigkeiten integriert werden sollen. Entwickelt werden soll
nicht nur die Wahrnehmungsfähigkeit, sondern auch die Handlungsfähigkeit. Um
die interkulturelle Germanistik praxisorientiert zu machen, ist neben dem
Erwerb des Kulturwissens auch seine strategische Umsetzung sowie
situationsgemäße Anwendung und Sensibilisierung genau so wichtig. Mit anderen
Worten: Wir brauchen eine angewandte Sprach- und Literaturwissenschaft, die handlungsorientiert ist und Handlungs- bzw.
Interaktionsmöglichkeiten vermittelt. Literatur- und Kulturverständnis soll zum
Mittel zur Entwicklung eines neuen Bewusstseins sowie interkultureller
Handlungsfähigkeiten und - fertigkeiten werden, damit die interkulturelle Kommunikation
glückt und den Absolventen vielfältige Perspektiven auch in der Wissens- und
Serviceindustrie eröffnet werden.
Literaturverzeichnis
Altmayer, Claus 2006: "Braucht die Landeskunde eine
kulturwissenschaftliche Basis?" In: Krumm, Hans-Jürgen; Portmann-Tselikas,
Paul R. (Hg.): Theorie und Praxis.
Österreichische Beiträge zu Deutsch als Fremdsprache. 9/2005, Wien:
Studienverlag, S. 193-206.
Böhme, Hartmut; Scherpe, Klaus R. 1996a: "Zur Einführung" in
dies. (Hg.) 1996: Literatur und
Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle. Hamburg: rowohlt, S.
7-24.
Böhme, Hartmut; Scherpe, Klaus R. (Hg.) 1996b: Literatur und Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle.
Hamburg: rowohlt.
German News
Mar.-Apr. 2006, New Delhi, S. 7.
Krumm, Hans-Jürgen; Portmann-Tselikas, Paul R. (Hg.) 2006: Theorie und Praxis. Österreichische Beiträge
zu Deutsch als Fremdsprache. 9/2005, Wien: Studienverlag.
Sharma, Rahul: Challenges for HR
professionals in the Knowledge industry:
http://www.humanlinks.com/manres/articles/challenges_hr.htm [Datum]
Schmidt, Stefan 2007: "Neue Chance – 40 Milliarden offshoring
market, Businessmacher & Märkte", in Technologie & Management. 3-4/2007, S. 12-13:
http://www.t-und-m.de/business/themen/index.html [30.7.2007]
Siegl-Kvarnström, Karin; Zehnder, Egon 2007: International, Hamburg:
http://www.egonzehnder.de/content/germany/practices/article.php/id/5430024
[30.7.2007]
Spiegel Online 2007: Nachrichten, Wirtschaft, Zukunftsstudie:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,477477,00.html [16.4.2007]
t-und-m 2007: http://www.t-und-m.de/business/themen/index.html
[30.7.2007]
[1] Die Webseite
der "US Census Bureau Links" (last updated 14th June 2007)
gibt die Trends in der Service Industry wie folgt an: "The private
non-good producing industries account for approximately 70% of total economic
activity in the United States. These non-good producing industries include
retail trade, wholesale trade and Service Industries.The Service Industries
account for 55% of economic activity in the United States. Most of these
industries are surveyed in the Quarterly Service Survey and in the Services
Annual Survey."
[2] "Even
acquisition of firms is no more a one way transaction. German firms too have
been acquired by the Indian industrialists. The latest example is of Feb. 2007: The acquisition worth 95 million
Euros of 'Schoneweiße', a forging company in Germany by M&M, India. Further
more the Indian wind energy giant Suzlon has struck a deal for acquisition of
up to 100% shareholdings in the 'REpower Systems AG', Germany, a company
engaged in the business of design, development, manufacturing and supply of
wind turbine generators."
[3] "The
giant industrialist like BMW in its announcement calls India 'the new home of
BMW' and uses the slogan, 'BMW and India: two success stories – one future',
where India is looked upon as an equal partner."
[4] "India
is also wholeheartedly praised as the biggest multicultural democracy that has
achieved rapid economic growth, which – according to Angela Merkel – 'has
become a driving force for globalisation while retaining its cultural
identity.' 'India has shown', she further adds, 'that democracy is possible and
can succeed in difficult circumstances'" (German News 2006, S. 7).
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