Interkulturalität und Linguistische Inklusivität
Interkulturalität und Linguistische Inklusivität
Prof.
Dr. Neeti Badwe
Präsentiert Oktober 2016, Prag; veröffentlicht 2018
Keywords:
Inclusive
Multilingualism, Constitution of India, Linguistic policy, preservation of
Diversity.
Abstract
In europäischem Kontext sprechen
Soziologen und Ethnologen von ‘Integration’ oder ‘Assimilation’, während im
indischen von ‘Inklusivität’ die Rede ist. In Europa legt man viel Wert auf die
Integration der Einwanderer in die Zielkultur und das Erlernen der
Zielkultursprache.
Im Unterschied dazu sorgt die indische
Verfassung für eine inklusive Sprachpolitik und trifft Vorkehrungen zur
Erhaltung sowie Förderung der inklusiven Mehrsprachigkeit.
Indien kennt kulturelle und linguistische
Diversität seit jeher. Jahrhunderte lang kamen viele Völker nach Indien und
ließen sich nieder. Farsi, Arabisch, Englisch, Portugiesisch,u. a. Sprachen
haben die indischen Sprachen nachhaltig beeinflusst. Aus praktischen Gründen beschränken
wir uns hier auf einen indischen
Staat, nämlich Maharashtra, und eine Regionalsprache,
nämlich Marathi.
Die geographische Lage und die
Geschichte von Maharashtra spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung
des Marathi. Mit einigen Beispielen erläutern wir, wie das Marathi sowohl von
den sog. indo-europäischen als auch den dravidischen Sprachen beeinflusst
worden ist. Hier wird auch kurz auf die Stellung des Englischen in Indien eingegangen.
Abschließend werden wir sehen, wie die
linguistische Diversität und Inklusivität im indischen Alltag aussieht und wie
die Mehrsprachigkeit in den Medien funktioniert.
Abstract
The sociologists and ethnologists speak
of ‘integration’ or ‘assimilation’ in the European context, while in the Indian
context one speaks of ‘inclusivness’. In Europe one is keen about the integration
of immigrants in the culture of the host country and acquisition of its
national language.
On the contrary, the Indian constitution
provides the basis for an ‘inclusive linguistic policy‘ and takes measures to ensure
preservation and development of multilinguality.
India knows cultural and linguistic diversity
since times immemorial. Since thousands of years many volks came to India and settled
here. Languages like Farsi, Arebic, English, Portugese have lasting effect on Indian
languages. For practical reasons we will concentrate here on one Indian state, namely
Maharashtra, and one Indian language, i.e. Marathi, which is also the mother
tongue of the author of this article.
The geography and history of Maharashtra
play a decisive role in the development of
Marathi. With a few examples we will elaborate, how Marathi is influenced
by Indo-European as well as by Dravidian languages. We will also briefly refer to
the status of English in India.
At the end we will see how the linguistic
diversity and inclusiveness are reflected in the day to day life and how multilingualism
functions in media.
Einführung
Multilingualismus und
Multikulturalismus sind heute zwei fast weltweit relevante Themen, deren
Entwicklung oft Hand in Hand geht. Die meisten zentraleuropäischen Staaten
vertraten bis Mitte des 20. Jahrhunderts die nationalistische Ideologie und ihr
Grundsatz war ‚eine Sprache, eine Kultur, ein Volk‘. In den letzten Jahrzehnten
ist aber Europa mit Massenmigrationen auf dem eigenen Territorium konfrontiert
wie nie zuvor. Allgemein wird in Europa erwartet, dass sich die Einwanderer in
die Zielkultur integrieren. Die allererste Voraussetzung für die Integration ist
das Erlernen der Zielkultursprache.
Im Gegenteil dazu kennt Indien Multikulturalität und Multilingualität seit jeher. In den letzten dreitausend Jahren kamen arische, arabische, persische, türkische u.a. Kriegervölker oder Händler und Kaufleute nach Indien und viele von ihnen ließen sich in Indien nieder. Die Mogulen herrschten über große Gebiete Indiens Jahrhunderte lang und dann die Briten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
Als Indien 1947 die Unabhängigkeit
erlangte, war es schon seit Jahrhunderten ein multilinguales und
multikulturelles Land. Nach der Volkszählung 1961wurden in Indien mehr als zweitausend
Sprachen als Muttersprache gesprochen (Mallikarjun 2004:1). Nach der Gründung
der indischen Republik wurden die indischen Staaten nach linguistischen Kriterien
reformiert.
Die indische Kultur und die indischen Sprachen
sind durch viele fremde Kulturen und Sprachen geprägt. Das besondere Merkmal
der indischen Kultur ist ‘Inklusivität’, und die indische Verfassung sorgt
dafür, dass Indien als Vielvölkerland eine ‚inklusive‘ Sprachpolitik betreibt.
IndischeVerfassung und Sprachpolitik
Das Gesetz für die linguistische
Reorganisation der indischen Staaten wurde 1956 verabschiedet. Das Leitprinzip war
dabei, für jeden Staat eine Mehrheitssprache zu haben und nicht für jede
Sprache einen Staat zu gründen (Annamalai 2001:153). Im Allgemeinen ist die
Mehrheitssprache die Verwaltungssprache in jedem Staat. Es gibt aber keine
monolingualen Staaten.
Die Verfassung erkennt keine Sprache
als Nationalsprache an. Stattdessen hat Indien Hindi als offizielle Sprache.
Neben Hindi sollte Englisch für die Übergangszeit von 15 Jahren als die zweite offizielle
Sprache gelten, da die dravidischsprachige Bevölkerung nicht so gut mit Hindi
vertraut war. Englisch hat aber heute noch den Status einer offiziellen Sprache,
obwohl Englisch paradoxerweise nicht zu den nach der Verfassung anerkannten 22 indischen
Sprachen zählt! Englisch ist in keinem indischen Staat die Verwaltungssprache.
Für eine inklusive Sprachpolitik Indiens
sind die Artikel 29 und 30 der indischen Verfassung besonders von Bedeutung.
Artikel 29 (a) garantiert jeder Gemeinschaft das Recht, ihre eigene Sprache,
Schrift und Kultur zu pflegen. Und Artikel 30 garantiert den linguistischen
Minoritäten das Recht, eigene Bildungseinrichtungen zu gründen und zu
verwalten. Die Erhaltung von Sprachen ist ein wichtiger Teil des kulturellen
Rechts.(Annamalai
2001:127)
Auf diese Weise liefert die Verfassung
eine ideologische und gesetzliche Basis für die Erhaltung und Entwicklung des
Multilingualismus und des linguistischen Säkularismus.
Mehrsprachigkeit in Indien
Es ist besonders bemerkenswert, dass das
indische Nationalbewusstsein oder die nationale Identität weder an eine
Sprache noch an eine Religion gebunden ist.
Die indische Verfassung erkennt 22
Sprachen an und es gibt 36 indische Staaten. Die nach der indischen Verfassung
anerkannten Sprachen und Staaten stehen offensichtlich nicht in
Eins-zu-Eins-Beziehung. Z.B. Sanskrit und Sindhi sind in keinem Staat die
Verwaltungssprachen. Hindi und Bengali dagegen sind die Verwaltungssprachen in
mehreren indischen Staaten, da diese beiden Sprachen in mehreren Staaten
gesprochen werden. Urdu ist eine Minoritätensprache und die zweite offizielle
Sprache in Uttar Pradesh.Urdu ist auch eine offizielle Sprache in Hyderabad und
Umgebung. (Annamalai 2001: 134)
Annamalai (Annamalai 2001: 35) liefert folgende
Angaben: In Indien gibt es 47 Unterrichtssprachen, in 87 Sprachen erscheinen
Zeitungen und Zeitschriften, im Rundfunk werden 71 und in der Filmindustrie 13 Sprachen
gebraucht. Die nach
der Verfassung anerkannten 22 Sprachen werden von 96.3 % der indischen Bevölkerung
gesprochen. Nur
0.021%
spricht Englisch als Muttersprache.
Um das Prinzip der Mehrsprachigkeit in
Curricula umzusetzen, wurde ein zentrales Bildungsrat (All India Council for
Education) gegründet. Mallikarjun bezieht sich auf die Richtlinien dieses
Bildungsrates, das1956 “das Drei-Sprachen-System“,
the Three Language Formula (TLF) empfahl. Es folgte 1968 eine weitere Erläuterung.
Dementsprechend sollte das TLF aus “(i) Home Language/ Regional Language, (ii)
English, and (iii) Hindi in non-Hindi speaking states and any other Modern
Indian Language in Hindi speaking states” bestehen (Mallikarjun 2004:14f.). Obwohl
in den Schulen allgemein drei Sprachen unterrichtet werden, haben sich einige
Staaten nicht sehr streng an diese Empfehlungen gehalten.
Bisher haben wir einige Prinzipien und Richtlinien
der indischen Sprachpolitik kennen gelernt. Interessanter ist jedoch zu sehen,
wie sie in der Praxis umgesetzt werden. Wie sieht der ‘mehrsprachige’ Alltag in
Indien aus? Wie haben sich einzelne indische Regionalsprachen entwickelt und in
welcher Beziehung stehen diese Sprachen zueinander? Wie funktioniert die ‚inklusive‘
Mehrsprachigkeit auf der staatlichen oder nationalen Ebene?
Marathi und Maharashtra
Wie wir gesehen haben, hat Indien eine
lange Tradition der Multikulturalität und Multilingualität, die ineinander verwoben
sind. Seit jeher kamen verschiedene Völker nach Indien und ließen sich nieder. Ihre
Sprachen und Kulturen haben die indische Kultur und die Regionalsprachen
nachhaltig beeinflusst. Aus praktischen Gründen beschränken wir uns im
Folgenden vorwiegend auf einen
indischen Staat,nämlich Maharashtra und eine Regionalsprache, nämlich Marathi, das die Muttersprache
der Autorin des vorliegenden Artikels ist.
Maharashtra
liegt im Zentrum Indiens und erstreckt sich im Westen bis zum Arabischen Meer. Der
Fläche nach ist Maharashtra mit der Bundesrepublik vergleichbar und hat etwa 112
Mio. Einwohner. Mumbai (Bombay) ist nicht nur die Hauptstadt von Maharashtra,
sondern auch die kommerzielle Hauptstadt Indiens.
Marathi ist die Regional- und
Verwaltungssprache von Maharashtra. Das heißt aber nicht, dass in Maharashtra
nur Marathi gesprochen wird oder Marathi nur in Maharashtra gesprochen wird! In
Maharashtra spricht etwa 70% der Bevölkerung Marathi als Muttersprache und in
der Metropole Mumbai ist der Prozentsatz noch niedriger (Khapre, Shubhangi 4. June
2009).
Bei der Entwicklung des Marathi spielen
die geografische Lage sowie die Geschichte dieser Region eine entscheidende Rolle.
An dieser Stelle ist es angebracht, einen kurzen geschichtlichen Überblick über
die Entstehung und Struktur der als Maharashtra bezeichneten Region zu
gewinnen, bevor wir auf die Evolution des Marathi eingehen.
Obwohl der erste Nachweis für die
Bezeichnung ‚Maharashtra‘ als eine gewisse Region aus dem 4. Jahrhundert unserer
Zeitrechnung stammt, ist die Geschichte dieser Region schon seit dem 3. Jahrhundert
v. Chr. bekannt und belegbar (Dahake 1998: 33).
In Maharashtra treffen die sogenannte indo-arische
und dravidische Zivilisation und ihre Sprachen aufeinander. Maharashtra ist von
sieben verschiedensprachigen Nachbarstaaten umgeben: Kannada und Telagu im
Süden gehören zu den dravidischen Sprachen, während Gujarati, Hindi und Konkani
zu den sog. indo-europäischen Sprachen gehören. Außerdem ist Marathi auch von
den persisch-arabischen und europäischen Sprachen weitgehend beeinflusst
worden.
Linguistische Entwicklung
Die einzigartige zentrale Lage
Maharashtras macht diesen Staat zum Ort der Begegnung, der Auseinandersetzung
und Assimilation von nördlichen und südlichen Zivilisationen, d.h. zum
Knotenpunkt der arischen und dravidischen Kulturen. Die Entwicklung der Sprachen
aus dieser Region ist offensichtlich von diesen Kulturen stark beeinflusst
worden, deren Spuren heute noch erkennbar sind.
In der Region des heutigen Maharashtra
war im ersten Millennium mal das indo-europäische Marathi, mal das dravidische Kannada
die Verwaltungssprache der Herrscher. Sie hatten mal im Südosten, mal im Norden
des Reiches ihre Hauptstädte und Regierungssitze. Die Grenzen der Staaten
verschoben sich oft.
Marathi und Kannada hatten eine
intensive sprachliche und kulturelle Interaktion mit einander und einen
ergiebigen Austausch mit den anderen indischen Sprachen wie Gujarati, Hindi,
Telagu, Tamil u.a.
Im 13. Jahrhundert gelangten islamische
Kriegervölker in den Süden Indiens. Sie gründeten fünf Sultanate und herrschten
in verschiedenen südlichen Gebieten fast dreihundert Jahre. Sie sprachen
vorwiegend Persisch und Arabisch. Während der islamischen Ära und auch danach
entlieh das Marathi in hohem Maße arabische und persische Lexik. Der Marathi
Wortschatz ist in hohem Maße von diesen Sprachen beeinflusst.
Deshalb sind neben Sanskrit auch Persisch
und Kannada für die Entwicklung des Marathi von großer linguistischer
Konsequenz. Im 17. Jahrhundert wurde das Marathanreich gegründet, das sich zwar
über die Grenzen des heutigen Maharashtra hinausaus verbreitete, aber 1918
unterging. Danach stand diese Region bis Mitte des 20. Jahrhunderts unter der britischen
Herrschaft.
Infolgedessen hat das Marathi seit
jeher mit vielen Sprachen und Kulturen eng interagiert und sich viele Elemente
aus diesen Sprachen angeeignet. Im Bereich der Flexion und Syntax weist das
Marathi weitgehend Ähnlichkeiten mit Sanskrit und anderen indo-germanischen
Sprachen auf. Im Bereich der Phonetik, Lexik und Wortbildung sind neben diesen
auch dravidische Sprachen einflussreich gewesen. Im letzten Jahrhundert entlieh
das Marathi zudem viele englische Wörter.
Der Marathi-Wortschatz ist im
religiösen und literarischen Bereich von Sanskrit, im kulinarischen Bereich
sowie bezüglich Feste und Gebräuche oder
Verwandtschaftsbezeichnungen von den dravidischen Sprachen, hauptsächlich
von Kannada geprägt. Außerdem sind neben Kannada auch einige Wörter aus den
weiteren dravidischen Sprachen wie Tamil und Telagu im Marathi zu finden. In
Verwaltung und Gerichtswesen ist der Marathi-Wortschatz überwiegend vom Persischen
und Arabischen beeinflusst worden. Marathi hat z.B. Wörter wie: badtarph (Entlassung),jilha
(Bezirk), nakasha (Landkarte), nakkal (Kopie), andaj (Budget), etc. aus dem
Farsi und malak (Besitzer), manjur (Bewilligung), rakkam (Betrag), etc. aus dem
Arabischen übernommen.
Aus dem
Arabischen und Persischen sind auch viele weitere Bezeichnungen übernommen
worden, wie einige Zahlen: hajar
(Hundert), oder Termini aus dem
Bereich der Mathematik: berij (Addition), Staatsverwaltung und Gerichtswesen: arja
(Antrag, Bewerbung), dakhala (Beleg, Zertifikat), badtarph (Entlassung) oder
barobar (richtig oder gleich), baug (Garten) batmi (Nachricht). Außerdem
stammen auch viele Partikel und Ausrufe
im Marathi aus diesen beiden Sprachen! (Kanade
2004:55f.; Joshi 1992:59f.)
Es gibt viele Ideen und Begriffe aus
der persischen Poesie, ‚Shayri‘ genannt, die sich in Marathi, Hindi und Urdu tief verankert haben. Neben
Sanskrit-Bezeichnungen gibt es eine Reihe von Bezeichnungen für „Liebe“ aus dem
Persischen oder Urdu. Einige Wortbildungsmorpheme arabischen oder persischen
Ursprungs haben sich im Marathi als sehr produktiv erwiesen. Es gibt auch viele
Wörter im Alt-Avestischen und im vedischen Sanskrit, die ähnlich sind. Viele
Marathi-Wörter können auf diese zurückgeführt werden.
Es entstehen dadurch auch viele
interessante Minimalpaare in Marathi mit zwei Wörtern, die aus
unterschiedlichen Quellen stammen. In den folgenden Paaren wird jeweils der
unterstrichene Laut palatal ausgesprochen und im zweiten Wort ist es jeweils
ein epiko-alveolarer Laut: Char/char(vier und füttern), jara/jara,
(hohes Alter und ein wenig) jag /jag, (Welt und lebe) oder es gibt auch
Homonyme wie ‚Jari‘ (obwohl und der goldene Faden).
Diese Sprachen haben das Marathi in
großem Umfang bereichert. Es gibt einige witzige Beispiele von analoger
Wortbildung. Oft sind es Zusammensetzungen aus Sanskrit- und Farsi-Morphemen,
wie z. B. ‚LokShahi‘. ‘Lok’ heißt Leute oder Volk in Sanskrit und ‘Shahi’ heißt
Herrschaft in Farsi; also ‘LokShahi‘ heißt herrschaft des Volkes, also Demokratie.
‚MarathShahi’ heißt Herrschaft der Marathan. ‘napass’ ist eine Zusammensetzung
aus ‚na’ als einer Marathi/Farsi Negationspräfix und ‚pass’ aus dem Englischen,
was (eine Prüfung) bestehen heißt. Also bedeutet ‘napass’ durchfallen, eine Prüfung
nicht bestehen. Es gibt eine Reihe von solchen interessanten Beispielen.
Neben dem Englischen sind einige
portugiesische und türkische Wörter in Marathi eingegangen: Aus dem
Portugiesischen: Batata (Kartoffel), Aarmaar (Marine), Chavi (Schlüssel),
Pagaar (Gehalt), Achar (Pickles), etc. Aus dem Türkischen: Chamcham
(Glitterzeug), Chamcha (Löffel), Urdu (Lager), etc. (Kanade 2004:55f.; Joshi 1992:59f.).
Zusammenfassend
kann man sagen: Im Bereich der Phonetik und Lexik ist der Einfluss aus dem
Dravidischen, Arabischen, Persichen offensichtlich, während Flexionsmorpheme,
sowie grammatische und syntaktische Formen weisen weit gehend Ähnlichkeiten mit
den indo-arischen Sprachen auf. Der bisherigen Darstellung kann man entnehmen,
dass das Marathi seit jeher mit vielen anderen Sprachen eng interagiert und
viele Elemente aus diesen Sprachen entliehen bzw. sich angeeignet hat.
Multilinguale Gesellschaften sind im
Grunde genommen zugleich auch multi-ethnische und multikulturelle
Gesellschaften. Oft gehören Marathi Wörter Sanskrit oder persischen Ursprungs
in unterschiedliche Register, werden stilistisch auf unterschiedlichen Ebenen
gebraucht und sie beschwören unterschiedliche kulturelle Assoziationen herauf. Mit
der Lexik hat Marathi auch viele Bilder, Metaphern und Redewendungen entliehen.
Durch solche Mittel hat sich das Marathi wesentlich bereichert.
Aktueller Sprachgebrauch in Maharashtra
Wie sieht nun im Alltag das
linguistische Szenario in Maharashtra aus?
Die Mehrheit in Maharashtra spricht
mindestens eine oder sogar zwei indische Sprachen außer Marathi, wie es auch in
den anderen indischen Staaten vorkommt. In den Grenzgebieten spricht man im
Allgemeinen auch die Sprache des Nachbarstaates, d.h. neben Marathi, Hindi und
Englisch auch Gujarati, Telagu, Kannada oder Konkani. Außerdem gibt es sehr
viele Migrantenfamilien, die aus beruflichen Gründen nach Mumbai ziehen. Es
kommen aber auch viele sehr arme Leute, um Arbeit zu suchen. Sie kommen in der
Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Viele Leute aus verschiedenen indischen
Staaten und Gemeinschaften lassen sich in Mumbai nieder. Es gibt große
Stadtteile oder Vororte und auch Slums, wo man überwiegend Gujarati, Hindi, Tamil,
Urdu, Telagu u.a. Sprachen spricht. Es gibt verschiedensprachige Schulen in
Mumbai und man kann in diesen Sprachen auch die Schulabschlussprüfung ablegen
(Pai 2005:1805).
Aus den schon erläuterten Gründen ist in
Maharashtra, besonders in Mumbai, die linguistische Diversität und Inklusivität
auffällig. In Mumbai, z. B., spricht man gleichzeitig viele verschiedene
Sprachen und es ist verwunderlich, dass die Wahl der Sprache nicht so sehr von
der ethnischen oder religiösen Herkunft abhängt, sondern die bestimmenden
Faktoren dabei viel mehr die Kommunikationssituation und der
Kommunikationszweck sind.
Funktionale Distribution
Im Alltag fällt ein außerordentliches
Merkmal des städtischen Lebens in Indien auf. Hier spricht man gleichzeitig
viele verschiedene Sprachen. Oft gebraucht man für die ethnische Identität
eine, für Geschäftsverhandlungen eine andere, zum Zwecke der Unterhaltung noch
eine weitere und für Rituale und Gebete wieder eine andere Sprache. Auf diese
Weise lässt die funktionale Distribution des Sprachgebrauchs verschiedene
Dimensionen der Identitätsbildung zu und bewirkt daher keinen bedeutenden Identitätskonflikt.
In Mumbai kann es z. B. vorkommen, dass
man zu Hause mit den Eltern Tamil spricht, in der Schule oder bei der Arbeit
Englisch, auf dem Markt und den Straßen mit dem Rikscha- oder Taxifahrer Hindi,
und seine Gebete im Tempel auf Sanskrit verrichtet. Das heißt, man gebraucht
nicht nur ein anderes Register je nach der Gesprächssituation, sondern wählt
eine andere Sprache! Diese Diversifikation des Sprachgebrauchs ist „ein
andauernder und zum großen Teil spontaner Prozess“ (Krishna1991: 222), der
Vermischung von Sprachen und Kulturen, Sitten und Traditionen herbeiführt.
In so einem multi-ethnischen und
multikulturellen Land ist es nicht verwunderlich, dass rechtsstehende
politische Parteien ab und zu versuchen, die Bevölkerung mit
Sprach-chauvinismus aufzuhetzen, haben aber bisher keinen bedeutenden Erfolg.
Es hat sich immer wieder erwiesen, dass sich in Indien die divisive
linguistische Ideologie nicht durchsetzen läßt.
Der Status des Englischen
Unter der britischen Herrschaft wurden
natürlich alle Regionalsprachen vom Englischen stark beeinflusst, besonders
durch das Bildungssystem, das die Engländer einführten und durch die
Perspektiven, die diese Bildung im Bereich des öffentlichen Dienstes eröffnete.
Einige englische Wörter wurden ins Marathi übernommen, besonders die, die neue
Systeme, Technologien und Geräte begleiteten. Außerdem gibt es viele Beispiele der phonetischen Aneignung
von englischen Wörtern, Lehnübersetzungen, analoge Formationen aus dem
Englischen usw. Es ist auffällig, dass man In Indien ein eigenes ,indisches
Englisch‘ spricht.
In Indien ist die Beziehung zum
Englischen ambivalent und voller Widersprüche. Englisch ist eine offizielle
Sprache, obwohl keine nach der indischen Verfassung anerkannte Sprache! Viele
staatliche Dokumente und Berichte erscheinen auf Hindi und Englisch. Englisch
ist die Sprache der ‘higher Education’ und eine wichtige ‘Link-Language’ für
Verhandlungen, obwohl es nur eine winzige Anzahl von Englisch-Muttersprachlern
gibt. Englisch ist mit ,Prestige‘ verbunden. Englisch ist wichtig für die Karriere,
obwohl die meisten Leute in der Regel Englisch erst spät als Fremdsprache lernen.
Es ist aber wichtig zu wissen, dass in
Indien Englisch nicht die Sprache der Politik ist. Englisch ist nicht politisch
einflussreich. Es gibt keine Lobby, keine Partei, die Englisch zum
Wahlkampfthema macht. Trotzdem ist in Indien der Einfluss des Englischen überall
spürbar.
Eine
Besonderheit des indischen Multiligualismus muss hier betont werden.
Normalerweise ist die Sprache der politisch oder wirtschaftlich erfolgreichen
und herrschenden Kultur dominant und diese wird von anderen übernommen. In
Indien ist es aber anders. Hindi ist die Sprache der Politik, aber
Hindi-sprachige Staaten sind unterentwickelt. Die linguistische Vorherrschaft
ist nicht an die wirtschaftliche Dominanz gebunden. Marathi und Gujrati sind z.
B. die Sprachen der wirtschaftlich führenden Staaten, sie dominieren aber das
linguistische Szenario in Indien nicht. (Vgl. Ramakrushna
1997 : introduction, bes. S.19). Englisch ist ein großes Prestige-Symbol
und die Sprache der Hochschulbildung, trotzdem ist Englisch nicht politisch
dominant. Um Massen zu erreichen, wird meistens Hindi gesprochen.
Trendy und modischer Gebrauch von Englisch
Multilingualismus kann aber auch zur Hybridisierung führen. Einerseits
fragt man sich, wie weit Hybridisierung für die Entwicklung einer Sprache
fördernd und gesund für die Entwicklung dieser Sprache ist, andererseits wird
aber Hybridität und Vermischung von Sprachen als ein wirksames stilistisches
Werkzeug oder literarisches Mittel eingesetzt!
In der letzten Zeit hat sich eine neue
Tendenz entwickelt, Filme oder Theaterstücke mit englischen Titeln zu versehen.
Die Wortwahl impliziert oft viel mehr als nur die denotative Bedeutung einer
lexikalischen Einheit. Oft wirken diese Titel dadurch etwas würziger, komischer
oder ernsthafter, jenachdem.
Ein Bollywood-Film von Shah Rukh Khan hat
den Titel “My name is Khan”. Der Titel wird von einer weiteren Zeile begleitet:
“My name is Khan and I am not a terrorist.” In diesem Film geht es um
Terrorismus in den USA und Behandlung der Verdächtigten als Terroristen.
Ein anderer neuer Film heißt „Two
States“. Es geht hier um ein Liebespaar aus zwei verschiedenen indischen
Staaten und den Unmut und die Proteste der Eltern. Der junge Mann stammt aus
einer Pundschabi-Familie aus dem Norden und die junge Frau aus einer
Tamil-Familie aus dem Süden. Alle Komplikationen basieren auf den kulturellen
und sprachlichen Unterschieden im Norden und Süden. Am Ende verstehen und
befreunden sich die beiden Familien. Eine großartige Hochzeit findet zum ‚Happy
End‘ statt.
Der Khan in dem oben genannten Film
heiratet eine hinduistische Frau. Solche Themen wie interregionale Liebesbeziehungen
oder Liebesbeziehungen zwischen zwei Leuten mit unterschiedlicher
Religionszugehörigkeit sind schon immer in den Bollywood-Filmen behandelt
worden.
Vielsprachigkeit kommt ziemlich oft in indischen
Filmen oder Filmsongs vor. Mit einigen mehrsprachigen beliebten Refrains runden
wir diese Präsentation ab.
Beispiel 1
Ich liebe dich, I loveyou,
J’aime te, I loveyou.
я люблю тебя,
I loveyou
Ischk hai ischk, I loveyou.
Beispiel 2
Quien eres tu? Donde has astrado?
He removido cielo y tierra y no te encontre.
Y llegas hoy, tan de repente,
Y das sentido a toda mi vida con tu
querer
(Dann folgen vier Zeilen auf Hindi)
Im ersten Beispiel (1964) kommen
Deutsch, Englisch, Französisch und Urdu vor. Im zweiten (2012) werden Spanisch
und Hindi abwechselnd gebraucht. Oft würde der Zuschauer nicht einmal Bescheid
wissen, welche Sprachen hier gesprochen werden oder er würde die Dialoge in
einem mehrsprachigen Film nicht gut verfolgen. Trotzdem sind diese Filme oder Songs
sehr beliebt und auch kommerziell erfolgreich. Mehrsprachige Filme oder Songs
mit verschiedenen indischen oder ausländischen Sprachen sind keine Seltenheit.
Hybridität und Code-Switching sind auf
diese Weise Alltagserscheinungen in Indien. Imgrunde genommen führt die individuelle oder
gesellschaftliche Mehrsprachigkeit oft zur vielfachen Interaktion mit fremden
Kulturen und ethnischen Gemeinschaften und dient auf diese Weise auch
dazu, Flexibilität und Toleranz der
Diversität gegenüber zu fördern.
Literaturverzeichnis
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