Interkulturalität und Linguistische Inklusivität


Interkulturalität und Linguistische Inklusivität

Prof. Dr. Neeti Badwe
Präsentiert Oktober 2016, Prag; veröffentlicht 2018
Keywords:
Inclusive Multilingualism, Constitution of India, Linguistic policy, preservation of Diversity.

Abstract

In europäischem Kontext sprechen Soziologen und Ethnologen von ‘Integration’ oder ‘Assimilation’, während im indischen von ‘Inklusivität’ die Rede ist. In Europa legt man viel Wert auf die Integration der Einwanderer in die Zielkultur und das Erlernen der Zielkultursprache.

Im Unterschied dazu sorgt die indische Verfassung für eine inklusive Sprachpolitik und trifft Vorkehrungen zur Erhaltung sowie Förderung der inklusiven Mehrsprachigkeit.
Indien kennt kulturelle und linguistische Diversität seit jeher. Jahrhunderte lang kamen viele Völker nach Indien und ließen sich nieder. Farsi, Arabisch, Englisch, Portugiesisch,u. a. Sprachen haben die indischen Sprachen nachhaltig beeinflusst. Aus praktischen Gründen beschränken wir uns hier auf einen indischen Staat, nämlich Maharashtra, und eine Regionalsprache, nämlich Marathi.
Die geographische Lage und die Geschichte von Maharashtra spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Marathi. Mit einigen Beispielen erläutern wir, wie das Marathi sowohl von den sog. indo-europäischen als auch den dravidischen Sprachen beeinflusst worden ist. Hier wird auch kurz auf die Stellung des Englischen in Indien eingegangen.

Abschließend werden wir sehen, wie die linguistische Diversität und Inklusivität im indischen Alltag aussieht und wie die Mehrsprachigkeit in den Medien funktioniert.

Abstract

The sociologists and ethnologists speak of ‘integration’ or ‘assimilation’ in the European context, while in the Indian context one speaks of ‘inclusivness’. In Europe one is keen about the integration of immigrants in the culture of the host country and acquisition of its national language.
On the contrary, the Indian constitution provides the basis for an ‘inclusive linguistic policy‘ and takes measures to ensure preservation and development of multilinguality.

India knows cultural and linguistic diversity since times immemorial. Since thousands of years many volks came to India and settled here. Languages like Farsi, Arebic, English, Portugese have lasting effect on Indian languages. For practical reasons we will concentrate here on one Indian state, namely Maharashtra, and one Indian language, i.e. Marathi, which is also the mother tongue of the author of this article.

The geography and history of Maharashtra play a decisive role in the development of  Marathi. With a few examples we will elaborate, how Marathi is influenced by Indo-European as well as by Dravidian languages. We will also briefly refer to the status of English in India.
At the end we will see how the linguistic diversity and inclusiveness are reflected in the day to day life and how multilingualism functions in media.

Einführung

Multilingualismus und Multikulturalismus sind heute zwei fast weltweit relevante Themen, deren Entwicklung oft Hand in Hand geht. Die meisten zentraleuropäischen Staaten vertraten bis Mitte des 20. Jahrhunderts die nationalistische Ideologie und ihr Grundsatz war ‚eine Sprache, eine Kultur, ein Volk‘. In den letzten Jahrzehnten ist aber Europa mit Massenmigrationen auf dem eigenen Territorium konfrontiert wie nie zuvor. Allgemein wird in Europa erwartet, dass sich die Einwanderer in die Zielkultur integrieren. Die allererste Voraussetzung für die Integration ist das Erlernen der Zielkultursprache.
 
Im Gegenteil dazu kennt Indien Multikulturalität und Multilingualität seit jeher. In den letzten dreitausend Jahren kamen arische, arabische, persische, türkische u.a. Kriegervölker oder Händler und Kaufleute nach Indien und viele von ihnen ließen sich in Indien nieder. Die Mogulen herrschten über große Gebiete Indiens Jahrhunderte lang und dann die Briten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
Als Indien 1947 die Unabhängigkeit erlangte, war es schon seit Jahrhunderten ein multilinguales und multikulturelles Land. Nach der Volkszählung 1961wurden in Indien mehr als zweitausend Sprachen als Muttersprache gesprochen (Mallikarjun 2004:1). Nach der Gründung der indischen Republik wurden die indischen Staaten nach linguistischen Kriterien reformiert.

Die indische Kultur und die indischen Sprachen sind durch viele fremde Kulturen und Sprachen geprägt. Das besondere Merkmal der indischen Kultur ist ‘Inklusivität’, und die indische Verfassung sorgt dafür, dass Indien als Vielvölkerland eine ‚inklusive‘ Sprachpolitik betreibt.

IndischeVerfassung und Sprachpolitik


Das Gesetz für die linguistische Reorganisation der indischen Staaten wurde 1956 verabschiedet. Das Leitprinzip war dabei, für jeden Staat eine Mehrheitssprache zu haben und nicht für jede Sprache einen Staat zu gründen (Annamalai 2001:153). Im Allgemeinen ist die Mehrheitssprache die Verwaltungssprache in jedem Staat. Es gibt aber keine monolingualen Staaten.

Die Verfassung erkennt keine Sprache als Nationalsprache an. Stattdessen hat Indien Hindi als offizielle Sprache. Neben Hindi sollte Englisch für die Übergangszeit von 15 Jahren als die zweite offizielle Sprache gelten, da die dravidischsprachige Bevölkerung nicht so gut mit Hindi vertraut war. Englisch hat aber heute noch den Status einer offiziellen Sprache, obwohl Englisch paradoxerweise nicht zu den nach der Verfassung anerkannten 22 indischen Sprachen zählt! Englisch ist in keinem indischen Staat die Verwaltungssprache.

Für eine inklusive Sprachpolitik Indiens sind die Artikel 29 und 30 der indischen Verfassung besonders von Bedeutung. Artikel 29 (a) garantiert jeder Gemeinschaft das Recht, ihre eigene Sprache, Schrift und Kultur zu pflegen. Und Artikel 30 garantiert den linguistischen Minoritäten das Recht, eigene Bildungseinrichtungen zu gründen und zu verwalten. Die Erhaltung von Sprachen ist ein wichtiger Teil des kulturellen Rechts.(Annamalai 2001:127)

Auf diese Weise liefert die Verfassung eine ideologische und gesetzliche Basis für die Erhaltung und Entwicklung des Multilingualismus und des linguistischen Säkularismus.

Mehrsprachigkeit in Indien

Es ist besonders bemerkenswert, dass das indische Nationalbewusstsein oder die nationale Identität weder an eine Sprache noch an eine Religion gebunden ist.

Die indische Verfassung erkennt 22 Sprachen an und es gibt 36 indische Staaten. Die nach der indischen Verfassung anerkannten Sprachen und Staaten stehen offensichtlich nicht in Eins-zu-Eins-Beziehung. Z.B. Sanskrit und Sindhi sind in keinem Staat die Verwaltungssprachen. Hindi und Bengali dagegen sind die Verwaltungssprachen in mehreren indischen Staaten, da diese beiden Sprachen in mehreren Staaten gesprochen werden. Urdu ist eine Minoritätensprache und die zweite offizielle Sprache in Uttar Pradesh.Urdu ist auch eine offizielle Sprache in Hyderabad und Umgebung. (Annamalai 2001: 134)

Annamalai (Annamalai 2001: 35) liefert folgende Angaben: In Indien gibt es 47 Unterrichtssprachen, in 87 Sprachen erscheinen Zeitungen und Zeitschriften, im Rundfunk werden 71 und in der Filmindustrie 13 Sprachen gebraucht. Die nach der Verfassung anerkannten 22 Sprachen werden von 96.3 % der indischen Bevölkerung gesprochen. Nur  0.021% spricht Englisch als Muttersprache.
Um das Prinzip der Mehrsprachigkeit in Curricula umzusetzen, wurde ein zentrales Bildungsrat (All India Council for Education) gegründet. Mallikarjun bezieht sich auf die Richtlinien dieses Bildungsrates, das1956  “das Drei-Sprachen-System“, the Three Language Formula (TLF) empfahl. Es folgte 1968 eine weitere Erläuterung. Dementsprechend sollte das TLF aus “(i) Home Language/ Regional Language, (ii) English, and (iii) Hindi in non-Hindi speaking states and any other Modern Indian Language in Hindi speaking states” bestehen (Mallikarjun 2004:14f.). Obwohl in den Schulen allgemein drei Sprachen unterrichtet werden, haben sich einige Staaten nicht sehr streng an diese Empfehlungen gehalten.

Bisher haben wir einige Prinzipien und Richtlinien der indischen Sprachpolitik kennen gelernt. Interessanter ist jedoch zu sehen, wie sie in der Praxis umgesetzt werden. Wie sieht der ‘mehrsprachige’ Alltag in Indien aus? Wie haben sich einzelne indische Regionalsprachen entwickelt und in welcher Beziehung stehen diese Sprachen zueinander? Wie funktioniert die ‚inklusive‘ Mehrsprachigkeit auf der staatlichen oder nationalen Ebene?

Marathi und Maharashtra

Wie wir gesehen haben, hat Indien eine lange Tradition der Multikulturalität und Multilingualität, die ineinander verwoben sind. Seit jeher kamen verschiedene Völker nach Indien und ließen sich nieder. Ihre Sprachen und Kulturen haben die indische Kultur und die Regionalsprachen nachhaltig beeinflusst. Aus praktischen Gründen beschränken wir uns im Folgenden vorwiegend auf einen indischen Staat,nämlich Maharashtra und eine Regionalsprache, nämlich Marathi, das die Muttersprache der Autorin des vorliegenden Artikels ist.

Maharashtra liegt im Zentrum Indiens und erstreckt sich im Westen bis zum Arabischen Meer. Der Fläche nach ist Maharashtra mit der Bundesrepublik vergleichbar und hat etwa 112 Mio. Einwohner. Mumbai (Bombay) ist nicht nur die Hauptstadt von Maharashtra, sondern auch die kommerzielle Hauptstadt Indiens.

Marathi ist die Regional- und Verwaltungssprache von Maharashtra. Das heißt aber nicht, dass in Maharashtra nur Marathi gesprochen wird oder Marathi nur in Maharashtra gesprochen wird! In Maharashtra spricht etwa 70% der Bevölkerung Marathi als Muttersprache und in der Metropole Mumbai ist der Prozentsatz noch niedriger (Khapre, Shubhangi 4. June 2009).

Bei der Entwicklung des Marathi spielen die geografische Lage sowie die Geschichte dieser Region eine entscheidende Rolle. An dieser Stelle ist es angebracht, einen kurzen geschichtlichen Überblick über die Entstehung und Struktur der als Maharashtra bezeichneten Region zu gewinnen, bevor wir auf die Evolution des Marathi eingehen.

Obwohl der erste Nachweis für die Bezeichnung ‚Maharashtra‘ als eine gewisse Region aus dem 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung stammt, ist die Geschichte dieser Region schon seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. bekannt und belegbar (Dahake 1998: 33).

In Maharashtra treffen die sogenannte indo-arische und dravidische Zivilisation und ihre Sprachen aufeinander. Maharashtra ist von sieben verschiedensprachigen Nachbarstaaten umgeben: Kannada und Telagu im Süden gehören zu den dravidischen Sprachen, während Gujarati, Hindi und Konkani zu den sog. indo-europäischen Sprachen gehören. Außerdem ist Marathi auch von den persisch-arabischen und europäischen Sprachen weitgehend beeinflusst worden.

Linguistische Entwicklung

Die einzigartige zentrale Lage Maharashtras macht diesen Staat zum Ort der Begegnung, der Auseinandersetzung und Assimilation von nördlichen und südlichen Zivilisationen, d.h. zum Knotenpunkt der arischen und dravidischen Kulturen. Die Entwicklung der Sprachen aus dieser Region ist offensichtlich von diesen Kulturen stark beeinflusst worden, deren Spuren heute noch erkennbar sind.

In der Region des heutigen Maharashtra war im ersten Millennium mal das indo-europäische Marathi, mal das dravidische Kannada die Verwaltungssprache der Herrscher. Sie hatten mal im Südosten, mal im Norden des Reiches ihre Hauptstädte und Regierungssitze. Die Grenzen der Staaten verschoben sich oft.

Marathi und Kannada hatten eine intensive sprachliche und kulturelle Interaktion mit einander und einen ergiebigen Austausch mit den anderen indischen Sprachen wie Gujarati, Hindi, Telagu, Tamil u.a.

Im 13. Jahrhundert gelangten islamische Kriegervölker in den Süden Indiens. Sie gründeten fünf Sultanate und herrschten in verschiedenen südlichen Gebieten fast dreihundert Jahre. Sie sprachen vorwiegend Persisch und Arabisch. Während der islamischen Ära und auch danach entlieh das Marathi in hohem Maße arabische und persische Lexik. Der Marathi Wortschatz ist in hohem Maße von diesen Sprachen beeinflusst.

Deshalb sind neben Sanskrit auch Persisch und Kannada für die Entwicklung des Marathi von großer linguistischer Konsequenz. Im 17. Jahrhundert wurde das Marathanreich gegründet, das sich zwar über die Grenzen des heutigen Maharashtra hinausaus verbreitete, aber 1918 unterging. Danach stand diese Region bis Mitte des 20. Jahrhunderts unter der britischen Herrschaft.

Infolgedessen hat das Marathi seit jeher mit vielen Sprachen und Kulturen eng interagiert und sich viele Elemente aus diesen Sprachen angeeignet. Im Bereich der Flexion und Syntax weist das Marathi weitgehend Ähnlichkeiten mit Sanskrit und anderen indo-germanischen Sprachen auf. Im Bereich der Phonetik, Lexik und Wortbildung sind neben diesen auch dravidische Sprachen einflussreich gewesen. Im letzten Jahrhundert entlieh das Marathi zudem viele englische Wörter.
Der Marathi-Wortschatz ist im religiösen und literarischen Bereich von Sanskrit, im kulinarischen Bereich sowie bezüglich Feste und Gebräuche oder  Verwandtschaftsbezeichnungen von den dravidischen Sprachen, hauptsächlich von Kannada geprägt. Außerdem sind neben Kannada auch einige Wörter aus den weiteren dravidischen Sprachen wie Tamil und Telagu im Marathi zu finden. In Verwaltung und Gerichtswesen ist der Marathi-Wortschatz überwiegend vom Persischen und Arabischen beeinflusst worden. Marathi hat z.B. Wörter wie: badtarph (Entlassung),jilha (Bezirk), nakasha (Landkarte), nakkal (Kopie), andaj (Budget), etc. aus dem Farsi und malak (Besitzer), manjur (Bewilligung), rakkam (Betrag), etc. aus dem Arabischen übernommen.

Aus dem Arabischen und Persischen sind auch viele weitere Bezeichnungen übernommen worden, wie einige Zahlen: hajar (Hundert), oder Termini aus dem Bereich der Mathematik: berij (Addition), Staatsverwaltung und Gerichtswesen: arja (Antrag, Bewerbung), dakhala (Beleg, Zertifikat), badtarph (Entlassung) oder barobar (richtig oder gleich), baug (Garten) batmi (Nachricht). Außerdem stammen auch viele Partikel und Ausrufe im Marathi aus diesen beiden Sprachen! (Kanade 2004:55f.; Joshi 1992:59f.)

Es gibt viele Ideen und Begriffe aus der persischen Poesie, ‚Shayri‘ genannt, die sich in Marathi,  Hindi und Urdu tief verankert haben. Neben Sanskrit-Bezeichnungen gibt es eine Reihe von Bezeichnungen für „Liebe“ aus dem Persischen oder Urdu. Einige Wortbildungsmorpheme arabischen oder persischen Ursprungs haben sich im Marathi als sehr produktiv erwiesen. Es gibt auch viele Wörter im Alt-Avestischen und im vedischen Sanskrit, die ähnlich sind. Viele Marathi-Wörter können auf diese zurückgeführt werden.

Es entstehen dadurch auch viele interessante Minimalpaare in Marathi mit zwei Wörtern, die aus unterschiedlichen Quellen stammen. In den folgenden Paaren wird jeweils der unterstrichene Laut palatal ausgesprochen und im zweiten Wort ist es jeweils ein epiko-alveolarer Laut: Char/char(vier und füttern), jara/jara, (hohes Alter und ein wenig) jag /jag, (Welt und lebe) oder es gibt auch Homonyme wie ‚Jari‘ (obwohl und der goldene Faden).

Diese Sprachen haben das Marathi in großem Umfang bereichert. Es gibt einige witzige Beispiele von analoger Wortbildung. Oft sind es Zusammensetzungen aus Sanskrit- und Farsi-Morphemen, wie z. B. ‚LokShahi‘. ‘Lok’ heißt Leute oder Volk in Sanskrit und ‘Shahi’ heißt Herrschaft in Farsi; also ‘LokShahi‘ heißt herrschaft des Volkes, also Demokratie. ‚MarathShahi’ heißt Herrschaft der Marathan. ‘napass’ ist eine Zusammensetzung aus ‚na’ als einer Marathi/Farsi Negationspräfix und ‚pass’ aus dem Englischen, was (eine Prüfung) bestehen heißt. Also bedeutet ‘napass’ durchfallen, eine Prüfung nicht bestehen. Es gibt eine Reihe von solchen interessanten Beispielen.

Neben dem Englischen sind einige portugiesische und türkische Wörter in Marathi eingegangen: Aus dem Portugiesischen: Batata (Kartoffel), Aarmaar (Marine), Chavi (Schlüssel), Pagaar (Gehalt), Achar (Pickles), etc. Aus dem Türkischen: Chamcham (Glitterzeug), Chamcha (Löffel), Urdu (Lager), etc. (Kanade 2004:55f.; Joshi 1992:59f.).

Zusammenfassend kann man sagen: Im Bereich der Phonetik und Lexik ist der Einfluss aus dem Dravidischen, Arabischen, Persichen offensichtlich, während Flexionsmorpheme, sowie grammatische und syntaktische Formen weisen weit gehend Ähnlichkeiten mit den indo-arischen Sprachen auf. Der bisherigen Darstellung kann man entnehmen, dass das Marathi seit jeher mit vielen anderen Sprachen eng interagiert und viele Elemente aus diesen Sprachen entliehen bzw. sich angeeignet hat.

Multilinguale Gesellschaften sind im Grunde genommen zugleich auch multi-ethnische und multikulturelle Gesellschaften. Oft gehören Marathi Wörter Sanskrit oder persischen Ursprungs in unterschiedliche Register, werden stilistisch auf unterschiedlichen Ebenen gebraucht und sie beschwören unterschiedliche kulturelle Assoziationen herauf. Mit der Lexik hat Marathi auch viele Bilder, Metaphern und Redewendungen entliehen. Durch solche Mittel hat sich das Marathi wesentlich bereichert.

Aktueller Sprachgebrauch in Maharashtra

Wie sieht nun im Alltag das linguistische Szenario in Maharashtra aus?
Die Mehrheit in Maharashtra spricht mindestens eine oder sogar zwei indische Sprachen außer Marathi, wie es auch in den anderen indischen Staaten vorkommt. In den Grenzgebieten spricht man im Allgemeinen auch die Sprache des Nachbarstaates, d.h. neben Marathi, Hindi und Englisch auch Gujarati, Telagu, Kannada oder Konkani. Außerdem gibt es sehr viele Migrantenfamilien, die aus beruflichen Gründen nach Mumbai ziehen. Es kommen aber auch viele sehr arme Leute, um Arbeit zu suchen. Sie kommen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Viele Leute aus verschiedenen indischen Staaten und Gemeinschaften lassen sich in Mumbai nieder. Es gibt große Stadtteile oder Vororte und auch Slums, wo man überwiegend Gujarati, Hindi, Tamil, Urdu, Telagu u.a. Sprachen spricht. Es gibt verschiedensprachige Schulen in Mumbai und man kann in diesen Sprachen auch die Schulabschlussprüfung ablegen (Pai 2005:1805).

Aus den schon erläuterten Gründen ist in Maharashtra, besonders in Mumbai, die linguistische Diversität und Inklusivität auffällig. In Mumbai, z. B., spricht man gleichzeitig viele verschiedene Sprachen und es ist verwunderlich, dass die Wahl der Sprache nicht so sehr von der ethnischen oder religiösen Herkunft abhängt, sondern die bestimmenden Faktoren dabei viel mehr die Kommunikationssituation und der Kommunikationszweck sind.

Funktionale Distribution

Im Alltag fällt ein außerordentliches Merkmal des städtischen Lebens in Indien auf. Hier spricht man gleichzeitig viele verschiedene Sprachen. Oft gebraucht man für die ethnische Identität eine, für Geschäftsverhandlungen eine andere, zum Zwecke der Unterhaltung noch eine weitere und für Rituale und Gebete wieder eine andere Sprache. Auf diese Weise lässt die funktionale Distribution des Sprachgebrauchs verschiedene Dimensionen der Identitätsbildung zu und bewirkt daher keinen bedeutenden Identitätskonflikt.

In Mumbai kann es z. B. vorkommen, dass man zu Hause mit den Eltern Tamil spricht, in der Schule oder bei der Arbeit Englisch, auf dem Markt und den Straßen mit dem Rikscha- oder Taxifahrer Hindi, und seine Gebete im Tempel auf Sanskrit verrichtet. Das heißt, man gebraucht nicht nur ein anderes Register je nach der Gesprächssituation, sondern wählt eine andere Sprache! Diese Diversifikation des Sprachgebrauchs ist „ein andauernder und zum großen Teil spontaner Prozess“ (Krishna1991: 222), der Vermischung von Sprachen und Kulturen, Sitten und Traditionen herbeiführt.

In so einem multi-ethnischen und multikulturellen Land ist es nicht verwunderlich, dass rechtsstehende politische Parteien ab und zu versuchen, die Bevölkerung mit Sprach-chauvinismus aufzuhetzen, haben aber bisher keinen bedeutenden Erfolg. Es hat sich immer wieder erwiesen, dass sich in Indien die divisive linguistische Ideologie nicht durchsetzen läßt. 

Der Status des Englischen

Unter der britischen Herrschaft wurden natürlich alle Regionalsprachen vom Englischen stark beeinflusst, besonders durch das Bildungssystem, das die Engländer einführten und durch die Perspektiven, die diese Bildung im Bereich des öffentlichen Dienstes eröffnete. Einige englische Wörter wurden ins Marathi übernommen, besonders die, die neue Systeme, Technologien und Geräte begleiteten. Außerdem gibt es viele Beispiele der phonetischen Aneignung von englischen Wörtern, Lehnübersetzungen, analoge Formationen aus dem Englischen usw. Es ist auffällig, dass man In Indien ein eigenes ,indisches Englisch‘ spricht.

In Indien ist die Beziehung zum Englischen ambivalent und voller Widersprüche. Englisch ist eine offizielle Sprache, obwohl keine nach der indischen Verfassung anerkannte Sprache! Viele staatliche Dokumente und Berichte erscheinen auf Hindi und Englisch. Englisch ist die Sprache der ‘higher Education’ und eine wichtige ‘Link-Language’ für Verhandlungen, obwohl es nur eine winzige Anzahl von Englisch-Muttersprachlern gibt. Englisch ist mit ,Prestige‘ verbunden. Englisch ist wichtig für die Karriere, obwohl die meisten Leute in der Regel Englisch erst spät als Fremdsprache lernen.

Es ist aber wichtig zu wissen, dass in Indien Englisch nicht die Sprache der Politik ist. Englisch ist nicht politisch einflussreich. Es gibt keine Lobby, keine Partei, die Englisch zum Wahlkampfthema macht. Trotzdem ist in Indien der Einfluss des Englischen überall spürbar.

Eine Besonderheit des indischen Multiligualismus muss hier betont werden. Normalerweise ist die Sprache der politisch oder wirtschaftlich erfolgreichen und herrschenden Kultur dominant und diese wird von anderen übernommen. In Indien ist es aber anders. Hindi ist die Sprache der Politik, aber Hindi-sprachige Staaten sind unterentwickelt. Die linguistische Vorherrschaft ist nicht an die wirtschaftliche Dominanz gebunden. Marathi und Gujrati sind z. B. die Sprachen der wirtschaftlich führenden Staaten, sie dominieren aber das linguistische Szenario in Indien nicht. (Vgl. Ramakrushna 1997 : introduction, bes. S.19). Englisch ist ein großes Prestige-Symbol und die Sprache der Hochschulbildung, trotzdem ist Englisch nicht politisch dominant. Um Massen zu erreichen, wird meistens Hindi gesprochen.

Trendy und modischer Gebrauch von Englisch

Multilingualismus kann aber auch zur Hybridisierung führen. Einerseits fragt man sich, wie weit Hybridisierung für die Entwicklung einer Sprache fördernd und gesund für die Entwicklung dieser Sprache ist, andererseits wird aber Hybridität und Vermischung von Sprachen als ein wirksames stilistisches Werkzeug oder literarisches Mittel eingesetzt!
In der letzten Zeit hat sich eine neue Tendenz entwickelt, Filme oder Theaterstücke mit englischen Titeln zu versehen. Die Wortwahl impliziert oft viel mehr als nur die denotative Bedeutung einer lexikalischen Einheit. Oft wirken diese Titel dadurch etwas würziger, komischer oder ernsthafter, jenachdem.

Ein Bollywood-Film von Shah Rukh Khan hat den Titel “My name is Khan”. Der Titel wird von einer weiteren Zeile begleitet: “My name is Khan and I am not a terrorist.” In diesem Film geht es um Terrorismus in den USA und Behandlung der Verdächtigten als Terroristen.
Ein anderer neuer Film heißt „Two States“. Es geht hier um ein Liebespaar aus zwei verschiedenen indischen Staaten und den Unmut und die Proteste der Eltern. Der junge Mann stammt aus einer Pundschabi-Familie aus dem Norden und die junge Frau aus einer Tamil-Familie aus dem Süden. Alle Komplikationen basieren auf den kulturellen und sprachlichen Unterschieden im Norden und Süden. Am Ende verstehen und befreunden sich die beiden Familien. Eine großartige Hochzeit findet zum ‚Happy End‘ statt.

Der Khan in dem oben genannten Film heiratet eine hinduistische Frau. Solche Themen wie interregionale Liebesbeziehungen oder Liebesbeziehungen zwischen zwei Leuten mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit sind schon immer in den Bollywood-Filmen behandelt worden.

Vielsprachigkeit kommt ziemlich oft in indischen Filmen oder Filmsongs vor. Mit einigen mehrsprachigen beliebten Refrains runden wir diese Präsentation ab.

Beispiel 1
Ich liebe dich, I loveyou,
J’aime te, I loveyou. 
я люблю тебя, I loveyou
Ischk hai ischk, I loveyou.

Beispiel 2
Quien eres tu? Donde has astrado?
He removido cielo y tierra y no te encontre.
Y llegas hoy, tan de repente,
Y das sentido a toda mi vida con tu querer
(Dann folgen vier Zeilen auf Hindi)

Im ersten Beispiel (1964) kommen Deutsch, Englisch, Französisch und Urdu vor. Im zweiten (2012) werden Spanisch und Hindi abwechselnd gebraucht. Oft würde der Zuschauer nicht einmal Bescheid wissen, welche Sprachen hier gesprochen werden oder er würde die Dialoge in einem mehrsprachigen Film nicht gut verfolgen. Trotzdem sind diese Filme oder Songs sehr beliebt und auch kommerziell erfolgreich. Mehrsprachige Filme oder Songs mit verschiedenen indischen oder ausländischen Sprachen sind keine Seltenheit.

Hybridität und Code-Switching sind auf diese Weise Alltagserscheinungen in Indien. Imgrunde genommen führt die individuelle oder gesellschaftliche Mehrsprachigkeit oft zur vielfachen Interaktion mit fremden Kulturen und ethnischen Gemeinschaften und dient auf diese Weise auch dazu,  Flexibilität und Toleranz der Diversität gegenüber zu fördern.

Literaturverzeichnis
Annamalai, E. (2001): Managing Multiculturalism in India, Political and Linguistic Manifestations, Language and Devolopment Vol. 8., Sage publications India Pvt. Ltd., New  Delhi.
Dahake, Vasanta Abaji (1998): Amukha, in : Sankshipta Marathi Vangmaykosh, G. R. Bhatkal foundation, Mumbai, S. 19 – 119.
Joshi, Chandrahas (1992): Marathi Shabdavilas, Mehta Publishing House, Pune, India.
Kanade, M. S. (32004): “Marathicha shabdsangrah”, in ders. (Hg.) Marathicha bhashikabhyas, Pune, India, S. 52 – 59.
Khapre, Shubhangi (2009): Marathi population in state falls to 69% in 30 yrs, in: DNA online, Thursday, 4th June 2009. http://www.dnaindia.com/mumbai/report_marathi-population-in-state-falls-to-69pct-in-30-yrs_1261812 Zugriff 29/03/2017
Krishna, Sumi (1991): The critical issues : Options and priorities, in dies.: India’s living languages. The critical issues, Allied Publishers Ltd., Bombay, 1991. S. 219 – 238.
Mallikarjun, B. 2004:“Indian Multilingualism, Language Policy And The Digital Divide”, in Online journal: Language of India, vol. 4, 4thapril 2004. S.1-30. http://www.languageinindia.com/april2004/index.html Zugriff 29/03/2017
Pai, Pushpa (2005): “Multilingualism, Multiculturalism and Education. A casestudy of Mumbai City”, In ISB4: Proceedings of the 4th International Symposium on Bilingualism, ed. James Cohen, Kara T. McAlister, Kellie Rolstad, and Jeff  MacSwan, Somerville, MA, 2005, S. 1794-1806. http://www.lingref.com/isb/4/141ISB4.PDF  Zugriff 29/03/2017
Ramakrushna, Shantha (ed.) 1997: Translation and Multilingualism, Post-colonial context. Pencraft International, New Delhi, hier: Dies.:Introduction.
Webseiten (Zugriff 29/03/2017)


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