Rezeption indischer Gegenwartsliteratur in deutscher Übersetzung

Prof. Dr. Neeti Badwe

Rezeption indischer Gegenwartsliteratur in deutscher Übersetzung
Präsentation : 14.-19. Juni 2008, GIG-Tagung, TelAviv, Israel.

Stichworte
Indisch-englische Romane, postkoloniale und postmoderne Sensibilitäten, Neue Weltordnung und Teilung der Welt in horizontale, globale Schichten.

Vorbemerkungen
Bei der Frankfurter Buchmesse Oktober 2006 war Indien das Gastland. Anlässlich dieser erhob sich die Frage nach der Rezeption indischer Gegenwartsliteratur in deutscher Sprache. Welche indische Literatur erschien zu dieser Zeit in deutscher Übersetzung? Wie groß ist die Nachfrage nach dieser Literatur? Wieweit werden indische Autoren als postmodenrne oder postkoloniale Autoren gelesen? Diese Abhandlung setzt sich u.a. mit diesen Fragen auseinander.
Dabei wird im besonderen auf drei Romane Bezug genommen, die im indischen Englisch verfasst und in deutscher Übersetzung erschienen sind : “Gottes kleiner Krieger” von Kiran Nagarkar, einem etablierten Autor, der auf Marathi, einer bedeutenden indischen Regionalsprache, und auf Englisch schreibt. “Kein Gott in Sicht”, einen in deutscher Übersetzung vierlfach rezensierten Debü-Roman von Altaf Tyrewala, einem ganz jungen Autor. “Rupien, Rupien”, wiederum ein Debüroman von Vikas Swarup, einem indischen Diplomaten, der z.Zt. beim indischen Außenministerium arbeitet.

‘Gottes kleiner Krieger’
         
Nagarkars Zia alias Lucens alias Tejas spuckt als ‘Gottes kleiner Kriesger’ auf drei Kontinenten umher. Er ist der jüngere Sohn einer wohlsituierten, liberalen, muslimischen Architektenfamilie aus Bombay, ein außerordentlich begabtes Mathematikgenie, ein  erfolgreicher Börsenspekulant und nicht zuletzt ein höchstrangiger internationaler Waffenhändler. Kurzum : Zia ist ein Superman mit Scheuklappen.
Ohne an eigener Entscheidung jemals zu zweifeln führt er unentwegt füchterliche Greueltaten aus. Mit der unerschütterlichen Überzeugung, dass er ein Vali, Auserwählter Allahs ist, will Zia zunächstmal das Attentat auf Sulman Ruschdie, auf den ‘Prinzen der Finsternis’ verüben. Nach dem Fehlversuch des Attentats landet er in dem Mudschaheddin-Lager in Afghanistan. Dort schmiedet er technologisch perfekte Bombenanschläge und Massenmorde und führt sie im Kaschmir aus.
Nach etwa zweihundertfünfzig Seiten des dicken Romans wandelt sich Zia in Lucens um und lebt in einem Kloster in den USA, in der Hoffnung, eines Tages Vergebung bei dem barmherzigen Sohn Gottes zu finden. Mit gleichem Eifer des ehmaligen Zia setzt sich Lucens für die Rettung der Föten ein und sagt den Abtreibungsbefürwörtern den Kampf an.
Nach fünfhundert Seiten wird er mit dem hinduistischen Namen Tejas umgetauft, ohne dafür den christlichen Glauben einbüßen zu müssen. Tejas kollaboriert im Waffenhandel unter der Aufsicht eines hinduististischen asketischen Gurus oder Munis. Zia ist Krieger Gottes, der keiner ist. Zia ist ein hingebungsvoller Kämpfer, gleich für was für welche Glauben oder Konfessionen.

‘Kein Gott in Sicht’
             
Altaf Tyrewala stellt in seinem kaleidoskopischen Roman ganz reffiniert in einander verwobene Skizzen einzelner Bombay-Einwohner dar. Durch knappe Aufzeichnungen in erster Person führt er den Leser ganz geschickt und im légèren Ton in die alltagsszenarien der Megapolis ein. Dadurch beleuchtet er ernsthafte Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln. Aus der Mosaik einzelner Schicksale und dem Wirrwar der Stimmen entsteht ein Bild kollektiven Bewusstseins des Mikrokosmos Bombay, das den thematischen Kern des Romans bildet. Selbstkritik und Ironie durchziehen dabei den ganzen Text mit viel Humor und ohne einen bitteren oder gereizten Ton anzuschlagen.
Die Mehrheit der Ich-Darsteller kommt aus der unteren Mittelschicht der muslimischen Gemeinschaft und aus einem typisch muslimischen Milieu Bombays. Zu dem Gesamtbild gehören u.a. auch ein erfolgreicher hinduistischer Geschäftsmann und seine Familie, sowie ein Bettler, ein verkrüpelter junger Mann, etc. Ein reicher Geschäftsführer beschreibt sein Bombay als ‘kalt und trocken’.
Einer der Ich-Darstellern ist Abortionist, ein Abtreibungsarzt aus einer durch und durch gläubiger muslimischer Familie. Seine Mutter will für die sündenhaften Taten des Sohnes büßen und den Allah um Vergebung bitten. Deshalb geht sie auf die Hajreise nach Mekka. In der heiligen Stadt wird sie unbeabsichtigt von der unkontrolierbaren heißbegierigen Gläubigen bei der Steinigung des Satsans an der Wand förmlich in den Boden zerstampft.
Der Sohn kann nicht mehr an Gott glauben. Er möchte aber als Gläubiger leben, da er einzig darin die Möglichkeit erkennt, sich zu verstecken (S. 11). Sein Vater sagt, Religion hat seine Frau getötet und meint, es gebe keinen Gott, keinen Himmel, keine Hölle. Geld sei der einzige Gott, der die Gebete und Fürbitten erwidere (S. 18). Ein Kunde bei einem Metzger in einem überfüllten, beschäftigten Markt-Viertel meint, ‘sogar der Gott muss schreien, um gehört zu werden’ (S. 130). An einer anderen Stelle heißt es, ‘Rauchen ist wie an Gott glauben. Eigentlich gibt es keinen Grund dafür, es fühlt sich einfach wohl’ (S. 103).
Erstaunlicherweise stehen in den beiden obigen Romanen jeweils muslimische Familien im Zentrum, die in dem Down Town South-Bombay ansässig sind. Angeschnitten werden weitgefächerte, heikle und nicht so heikle Themen, wie Fanatismus, verunsicherte Minderheiten, Bekehrung, stereotype und überspitzte Vorurteile gegen die andere Religion, religiöse Mischehen, Jugend und Sex, Glaube und Aberglaube, und nicht zuletzt Abtreibung als sündenhafte berufliche Tätigkeit. In der gottverlassenen Metropolis begegnen wir Umsiedler, Flüchtlinge, Slumbewohnern, den Opfern des hinduistischen Fanatismus und der Diskriminierung. Die beiden Hauptfiguren, Nagarkars Zia und Tyerwalas Abtreibungsspezialist, beide haben die Beziehung zur Familie, insbesondere zum Vater abgebrochen. Beide verlieren ihre Mütter durch religiös-fanatische Gewalttaten. Über den mutmaßlichen Tod von Zias Mutter bei einem Bombenanschlag am Gate way of India in Bombay wird von dem Polizeichef berichtet.  Von dem grausamen Tod der Mutter des Arztes erfährt man über ihre Begleiterin auf der Pilgerfahrt. In den beidenen Romanen kommt ‘kein Gott in Sicht’.  

‘Rupien, Rupien’
          
Der dritte Roman ‘Rupien, Rupien’ parodiert die TV-Show ‘Wer wird Millionär’. Ram Mohammad Thomas, ein ganz einfacher ungebildeter junger Slumbewohner aus Bombay antwortet bei der Show alle zwölf Fragen richtig und gewinnt eine Million schon kurz nach der Eröffnung der Show. Das passt jedoch den Sponsoren der Show nicht. Sie lassen ihn wegen des mutmaßlichen Betrugs verhaften. Die Polizei versucht mit allen Mitteln sein Geständnis herauszulocken. Er wird in der Polizeiwache so lange verprügelt, bis er fast ohnmächtig umfällt. Da kommt eine junge Rechtsanwältin und zahlt Kaution, worauf er freigelassen wird. Nun soll er ihr die ganze Wahrheit sagen und erklären, wieso er alle Antworten wusste. Der ganze Roman entfaltet sich in zwölf Kapiteln mit erlebnisreicher Lebensgeschichte des Jungen, die jeweils die Clues für zwölf richtige Antworten hergibt.
Er ist ein Findling. Bei seiner Einlieferung ins Waisenhaus stritten sich die Vertreter der drei Hauptreligionen und folglich heißt er Ram Mohammad Thomas, ein Konglomorat aus drei heiligen Namen. Als Kind wohnte er bei einem christlichen Vater, bei dem er Englisch lernte und nach dessen Tod er nach Bombay flüchten musste. Durch seinen Freund und durch die Arbeit bei einer Schauspielerin erfährt er viel über Hindi-Filme. Er arbeitet eine Zeit lang auch bei einem australischen Diplomaten, er wohnt neben einem Astrophysiker, er wird als Kind an Leute verkauft, die den Kindern Singen beibringen und dann sie zum Betteln zwingen, usw. Aus diesen Erfahrungen sammelte er viele Kenntinisse und wusste in der Tat richtige Antworten auf die schwierigsten Fragen. Letztendlich verhalf ihm auch seine Providenz (oder der Zufall?) zum großen Gewinn.
Es ist bemerkenswert, dass Zia-Lucens-Tejas sowie Ram-Mohammad-Thomas alle drei bedeutenden Religionen in Indien vertreten. In ‘Kein Gott in Sicht’ vertritt der Chor der Selbstdarsteller muslimische und hinduistische Gemeinschaften. In ‘Gottes kleiner Krieger’ klingt die Ausbreitung der Grundprinzipien aller drei Religionen ziemlich sarkastisch vor dem unveränderlichen, unbelehrbaren Greueltatenstifter, einem Waffenhändler, der mit diesem Geld ungeborene Kinder retten und Waisen unterstützen will.

Gottverlassene Metropolis
Alle drei Romantitel beziehen sich auf Gott, – oder Geld als Gottesersatz. Gott bleibt jedoch spurlos verschwunden. Religionen werden beliebig gewechselt und dadurch völlig entmystifiziert. Weder Gott, noch Geld, noch Godmen, oder religiöse Führer und Amtsträger können einem den rechten und richtigen Weg zeigen oder den Halt für die eigene Identität sowie Geborgenheit anbieten.
Nagarkar liegt es offensichtlich an dem Wesen des Fanatismus schlechthin, wobei weder die Herkunft noch die Religion entscheidend ist. Altaf Tyrewalas Selbstdarsteller, wie das Deckelblatt der englischen Fassung aufweist, mit den gestreckten Armen ihr stilles Geschrei nach dem Himmel richten. Vikas Swarups Vertreter der drei Religionen wandert heiteren Gemüts von Ort zu Ort, ohne sichere Existenz, ohne festen Wohnort oder Job.
Während die Darstellung der verschiedenen Skizzen von den Ich-Erzählern in ‘Kein Gott in Sicht’ im Lokalen tief verankert ist – obwohl stellenweise klischeehaft , aber desto humorvoller und ironischer wirkt -, denkt und handelt der unerbittliche kleine Krieger absolut global. Er wechselt nicht nur Religionen und Orte, sondern wird selbst zum Träger globaler Problematik der Beliebigkeit des Fanatismus und der globalen Machtpolitik, elektronischer Vernetzung und des Aktienmarkts.
In diesen Romanen werden vielfache indienbezogene Themen angeschnitten : Stellung und Funktion Gottes im indischen Alltag, auch die Gottesmänner, die Godmen, Weissagung, Yoga, Horoskop, religiöse Führter und Priester, religiöse Krawallen und Unruhen, Familienstruktur und Familienbindungen, Sentimentalität, Bürokratie und Bestechlichkeit, autoritäre Behandlung, usw. Auch Indische Spielfilme, Bollywood,  Hindi-Film-Pop-Musik; Schauspieler und Kriketspieler als große Vorbilder tragen soviel zu dem indischen Alltag bei, dass in allen drei Romanen einzelne bekannte Persönlichkeiten bei Namen genannt werden oder es auf sie angespielt wird.
Illegale Abtreibung von weiblichen Föten ist ein heißdiskutiertes Thema in Indien. Was aber in der indischen Literatur ungewöhnlich ist, ist die Behandlung der Abtreibung als gesellschaftlicher oder gesetzlicher Konfliktpunkt, wie es bei dem ‘kleinen Krieger’ als auch bei dem erfolglosen Gottsuchenden vorkommt. Die beiden Autoren – Nagarkar und Tyrewala - waren öfter oder länger in den USA und sind offensichtlich mit der Kontraverse über das Abtreibungsgesetz vertraut. Auch Vikas Swarup hat sich als indischer Diplomat mehrfach im Ausland aufgehalten. Das spiegelt sich in ihrer Themenbearbeitung und –behandlung wider.
Dargestellt wird in diesen Romanen die Multikulti-kosmopolitane Gesellschaft voller Widersprüche. Hier werden Themen angeschnitten wie Nexus der Politiker und Unterwelt, internationaler Handel und Konsumgesellschaft, mit der Realität verwechselbare intangible images der digitalisierten Welt,  Massenbetrug durch Massen-Unterhaltungs-Industrie, fragwürdege Wertsysteme und Geschäftsethik. Nagarkars Protagonist ist Waffenhänhler, führt Attentate, Massenmorde und Bombenanschläge aus. Tyrewalas Abortionist treibt nicht nur gesetzwidrig ab, er hat nicht einmal das Medizinstudium abgeschlossen! Er sagt, ‘man ist entweder qualifiziert oder vorsichtig. Ich bin vorsichtig’! Erzählt werden hier Geschichten von marginalisierten Menschen wie Slumbewohnern oder von Minoritäten wie muslimischen
Gemeinschaftten. Infrage gestellt wird hier Kultur-Industrie und verändertes Verständnis zur Kultur. An einer Stelle fragt Tyerwalas Ich-Darsteller, „Wo bleibt die verdammte Kultur?“

Kategorien von indischen Autoren
Aus zwei Gründen werden hier Nagarkar, Tyrewala und Swarup herangezogen : Erstens, weil ihre Romane 2006 große Aufmerksamkeit der deutschen Presse beansprucht und durch Rezensionen, Interviews, Lesungen, usw. beachtliches Interesse in Deutschland erweckt haben. Zweitens, weil diese drei Autoren, im Gegensatz zu den bekanntesten und meist verkauften Autoren indischer Abstammung, in Bombay oder Delhi leben. Auch ihre Protaginisten stammen aus oder leben in Bombay. Diese Autoren können den Pulsschlag von Bombay mitfühlen und über dessen Milieus und Menschen aus erster Hand erzählen. Dabei muss jedoch bemerkt werden, dass ihre Sensibilität durch ihre Bildung, Reisen, und nicht zuletzt durch ihre Begegnung mit fremden Kulturen und Literaturen geprägt worden ist.
Nicht selten ist das Großstadtleben in Bombay thematisiert worden. Es gibt z. B. bekannte Bombay-Bücher und Romane von Suketu Mehta und von Vikram Chandra. Sie bilden eine weitere Kateorie von den auf Englisch schreibenden indischen Autoren, die im Ausland leben. In „God of small things“ schreibt über die Kindheitserfahrungen in einer kleinen Ortschaft in Kerala. Sie lebt aber auch im Ausland.
Es gibt noch die dritte Kategorie der auf Englisch schreibenden indischen Autoren wie R. K. Narayan und Mulk Raj Anand, mit ihrer Abstammung und Erfahrung aus kleinen Ortschaften und mit ihrer in der indischen Erde fest verwurzelten Sensibilität. Selbst diese bleiben ziemlich unbekannt im Ausland, geschweige denn von zahlreichen hochsensiblen regional-sprachigen Autoren, die über gravierende Probleme des ländlichen Alltags in Indien, sowie über die Entwicklung und Leistung einfacher Leute erzählen.
Eine weitere Sonderkategorie darunter bilden die Autoren, die der zum Selbstbewusstsein erwachten Schicht der lange unterdrückten und benachteiligten Gemeinschaften angehören. Sie machen allmählich eigene Leiden und Leistungen meist in eigener Sprache laut. Ihr Streben nach oben und von der Peripherie zum Zentrum ist dabei unübersehbar.

Die postkoloniale Literatur
Der aus dem dekonstruktivistischen Poststrukturalismus ausgegangene postkoloniale Diskurs gilt als eine Komponente der postmodernen Situation, die eher umfassender und auch global wahrnehmbar ist. Es ist bemerkenswert, dass abgesehen von den Ausnahmen wie Naipaul und Ruschdie die indische Lieratur im Allgemeinen kaum in die postkolonialkritische Diskussion einbezogen oder kontrapunktisch gelesen wird. Die indische regionalsprachige Literatur bleibt bei solchen Diskussionen völlig aus.
Der Kolonialismus des 19. Jhs im Zeichen der Moderne war aggressiver. Er etablierte sich durch die militärisch-politische Herrschaft, indem die alte Ordnung zerstört wurde. Einzelne Länder wurden erobert und besiedelt.
Die dadurch erfolgte vertikale Teilung der Welt in Ost und West, Kolonien und Kolonialherrschaften ist aber nicht mehr gültig.

Neokoloniale und postmoderne Weltordnung
Der Neokolonialismus der postmodernen Ära absorbiert viel mehr, übernimmt Verschiedenes und läßt ein Nebeneinander sowie Überlappungen zu. Kolonialismus im Sinne von assymetrischen Machtverhältnissen dauert ohnehin heute noch in vielfacher Form der Neokolonisierung an, wobei viel mehr die “Cultural logic of late capitalism” (Jameson 1989) und die dadurch entstandenen Zustände als die Orientalismuskritik zum Umdenken zwingen. Viele Veränderungen tragen dazu bei.
Durch Migrantenbewegungen, Übersiedler, Gastarbeiter, Asylanten oder Diaspora ist der Westen mit fremden Kulturen und sich schwer integrierenden Völkern auf eigenem Boden konfrontiert wie nie zuvor. Marktwirtschaftliche Kräfte führen dazu, ehemalige unterdrückte Länder als große Märkte und günstige Investitionsdestinationen anzuerkennen. Ehemalige Industrieländer verlieren ihre führende Stellung im elektronischen Zeitalter. Durch die IT-Revolution wird Englisch fast zur unumstrittenen Weltsprache.  Und nicht zuletzt Rasche Verbindungsmöglichkeiten ermöglichen blitzschnelle Übertragung von Geld und Wissen.
Mit diesen Kennzeichen werden Globalisierung und Multikulturalismus fast zu Großnarrativen unserer Zeit (Malshe : 37), in der durch weltweite Affinitäten globale Schichten entstehen.
Dadurch wird die Welt heute horizontal, in Schichten geteilt, querduch Länder und Kontinente.

Querschnitt von Metropolen und Peripherien
Das gilt zum großen Teil auch für die englischsprachige indische Literatur. Es gibt z. B. Autoren querduch die Kontinente, die mit ihren geteilten Sensibilitäten und Schreibweisen eine globale Schicht bilden und weltweit wahrgenommen werden. Dazu gehören zweifellos auch die ersten zwei Kategorien der indisch-englischen Autoren. Nagarkar, Tyrewala, Swarup weisen transnationale Beziehungen und literarische Weltbezüge auf. Sie schreiben nicht in der imperialen Sprache, sondern in dem indigenen Englisch als der Weltverkehrssprache der postmodernen Ära. Die Handlung ihrer Romane entwickelt sich mit vielen Biegungen und Windungen. Die Kapitel erfolgen ohne gewisse chronologische Abfolge. Ihre Werke weisen Stimmenvielfalt und Hybridisierung von Erzählstilen, Textsorten und Denkrichtungen auf. Ihr Erzählen ist unparteiisch und ohne politisches Engagement. Es gibt keine Lehre oder Moral der Geschichte am Ende, weder ein Happy-End noch eine Katastrophe zum Schluss. Es wird keine Assimilation von Kulturen und Überwindung von Gemeinschaften angestrebt, viel mehr wird ein Nebeneinander von Völkern und Religionen anerkannt. Diese Autoren projezieren ihre Bombay-Geschichten nach außen und schreiben offensichtlich für eine globale Leserschaft. Unübersehbar ist dabei die postmoderne, globale Vernetzung von Diskursen fast ohne landesspezifische Narrativen.
Alle drei Romane stellen gespaltene, fragmentierte Protagonisten dar, die aus der Metropole kommen und in eine Identitätskrise geraten. Die Metropolen querdurch Kontinente teilen miteinander das Wesensmerkmal des Knotenpunkts oder Zentrums, in dem sich verschiedene Zugehörigkeiten und Lebenswelten überlagern. Die Differenz zwischen den Zentren mit Konzentration von Macht einerseits und den unterlegenen Peripherien andererseits bleibt ebenfalls heute noch erhalten, aber zwischen den Schichten querdurch den Globus.

Literaturvezeichnis
Ahamad, Aijaz : In Theory. Classes, nations, literatures.,Oxford University Press, New Delhi, 12th ed. 2006 (1992)
Bachmann-Medik, Doris : Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, rowohlts enzyklopädie, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 2006.
Bhabha, Homi : Die Verortung von der Kultur, Stauffenburg Verlag, Tübingen, 2007 (2000).
Jameson, Fredric : Postmodernism or the Cultural Logic of Late Capitalism, Duke University Press, 1989.
Lützeler, Paul Michael : Postmoderne und Postkoloniale deutschsprachige Literatur, Aisthesis Verlag, Bielefeld, 2005.
Malshe, Milind; Joshi, Ashok : Adhunik Samiksha-Siddhanta (Marathisprachig), Mumbai Vidyapeeth, 2007.
Mar Castro Varela, do Marja; Dhawan, Nikita : Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, transcript cultural studies, Bielefeld, 2005.
Nagarkar, Kiran : Gottes kleiner Krieger, A1 Verlag, München, 2006. Originalausgabe : God’s little soldier, HarperCollins Publishers India, 2006.
Swarup, Vikas : Rupien, Rupien, Verlag Kieperheuer, 2007 (2005). Originalausgabe :
Q & A, by Vikas Swarup, 2005.
Tyrewala, Altaf : Kein Gott in Sicht, No God in Sight, Penguin Books India, 2005.

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